Germany

30 000 Lehrstellen unbesetzt - Warum sollten junge Menschen ein Handwerk lernen?

BILD am SONNTAG: Herr Wollseifer, warum sollte sich ein Jugendlicher lieber für einen Lehrbetrieb als für den Hörsaal entscheiden?

HANS PETER WOLLSEIFER: Das Handwerk ist unverzichtbar bei allen Zukunftsaufgaben – vor allem auch bei denen, die jungen Menschen heute am Herzen ­liegen. Wer Deutschland klimafreundlich gestalten möchte, sollte nicht nur demonstrieren, sondern auch installieren: Häuser energieeffizient sanieren, Ladesäulen und Solardächer installieren. Die Arbeit geht sicher nicht aus. Und wer sich fortbildet, hat im Handwerk beste Verdienst- und Karriere­optionen bis hin zum eigenen Chef.

Wie ist die aktuelle Lage auf dem Ausbildungsmarkt?

Wir haben wieder mehr neue Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr: Ende Juni waren es 13,1 Prozent mehr, Ende Juli 6,5 Prozent. Doch wir sind noch lange nicht da, wo wir sein müssen. Aktuell sind rund 30 000 Lehrstellen unbesetzt.

Wie sehr bedroht dieser Azubi-Mangel das Handwerk?

Der Azubi-Mangel bedroht generell unsere Zukunftsfähigkeit. Nur mit genügend Fachkräften können der Infrastrukturausbau, Klimaschutz, die Energie- und Mobilitätswende gelingen, können wir die tägliche Versorgung sicherstellen. Hinzu kommt: In den kommenden fünf Jahren stehen rund 125.000 Betriebsübergaben an. Ohne ausreichend Nachwuchs könnten viele dieser Übergaben scheitern. Hier sind Arbeitsplätze massiv bedroht.

Hans Peter Wollseifer
Hans Peter WollseiferFoto: ZDH/Boris Trenkel

Wie erklären Sie sich, dass so wenige Jugendliche eine Ausbildung anstreben?

Zum einen sinkt die Zahl der Schulabgänger. Zum anderen hat es mit dem jahrzehntelangen Bildungsmantra zu tun, nur mit Abi und Studium lasse sich gesellschaftlicher Aufstieg erreichen. Eine glatte Fehleinschätzung: Ein Studium ist längst keine Jobgarantie mehr. Das Handwerk jedoch bietet sehr jobsichere Karriereperspektiven.

Welche Ausbildungsberufe sind besonders gefragt und welche haben den größten Mangel?

Bedarf besteht in allen Handwerksberufen, besonders im Bau – also Hoch-, Tief- und Straßenbau – und im Ausbau, in den Lebensmittelgewerken wie etwa Metzger oder Bäcker. Und in den mehr als 30 Gewerken, die heute schon im Klimaschutz arbeiten.

Was tun Sie, um mehr junge Menschen vom Handwerk zu überzeugen?

Seit vielen Jahren werben wir für die vielfältigen Möglichkeiten im Handwerk – vor allem über Social Media und zu Corona-Zeiten digital. Es gibt Ausbildungsberater in den Handwerkskammern, Speeddatings, Workshops. Aktuell findet der Sommer der Berufsbildung statt.

Wie kann die künftige Regierung den Azubi-Markt stabilisieren?

Ausbildungsbetriebe weiter entlasten! Kurzfristig muss sie das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ verlängern und grundsätzlich berufliche Bildung auf Augenhöhe mit der akademischen Bildung bringen, auch finanziell. Dafür muss Politik Geld in die Hand nehmen. Hochschulen bekommen Milliarden, aber bei der Ausstattung der Berufsschulen und überbetrieblichen Bildungsstätten hapert es. Und bei der Berufsorientierung an den Gymnasien muss endlich auch das Handwerk vorkommen. Berufliche Bildung muss uns allen deutlich mehr wert sein.

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