Germany

80. Jahrestag: Steinmeier erinnert an deutschen Überfall auf die Sowjetunion

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion die Deutschen aufgerufen, sich stärker, bewusster und ausführlicher an diesen Krieg und die damit verbundenen Verbrechen zu erinnern. Steinmeier sprach in einer Gedenkstunde in Karlshorst (Berlin) an jenem Ort, an dem im Mai 1945 die deutsche Kapitulation unterzeichnet wurde. Das Gebäude beherbergt unter dem Namen Deutsch-Russisches Museum Ausstellungen zur Geschichte des Krieges.

Steinmeier sagte, am 22. Juni des Jahres 1941 habe „die Radikalisierung eines Krieges hin zum Wahn totaler Vernichtung“ begonnen. Vom ersten Tage an sei der deutsche Feldzug von Hass getrieben gewesen, „von Antisemitismus und Antibolschewismus, von Rassenwahn gegen die slawischen und asiatischen Völker der Sowjetunion“.  27 Millionen Menschen habe dabei „das nationalsozialistische Deutschland getötet, ermordet, erschlagen, verhungern lassen, durch Zwangsarbeit zu Tode gebracht“, 14 Millionen von ihnen seien Zivilisten gewesen. Zu lange hätten die Deutschen die Geschichte der Verbrechen im Osten Europas nicht angenommen, „es ist an der Zeit, dies nachzuholen“.

„Kriegsgefangene ihres Menschseins beraubt“

Steinmeier beschränkte in seiner Rede die Verantwortung für den Vernichtungskrieg nicht allein auf die Nationalsozialisten. Er sagte, „der verbrecherische Angriffskrieg trug die Uniform der Wehrmacht. An seinen Grausamkeiten hatten auch Soldaten der Wehrmacht Anteil“. Und er fügte an, „lange, zu lange haben wir Deutsche gebraucht, uns diese Tatsache einzugestehen“.  So schwer es auch falle, es müsse an diese Zeit erinnert werden: „Die Erinnerung an dieses Inferno, an absolute Feindschaft und die Entmenschlichung des Anderen – diese Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung, und der Welt ein Mahnmal“, sagte Steinmeier.

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Oberkommandierender der Wehrmacht (1938-45), unterzeichnet am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst die Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Oberkommandierender der Wehrmacht (1938-45), unterzeichnet am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst die Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. : Bild: dpa

Der Bundespräsident gab auch Beispiele dafür, wie das Erinnern an diese „deutsche Barbarei“, die den Kontinent verwüstet und in der Folge die Welt geteilt habe, künftig vertieft werden könne. Er rief Orte auf, an denen Verbrechen begangen wurden oder die Schauplatz verheerender Schlachten waren, die aber hierzulande niemand im Gedächtnis habe. Der Bundespräsident fragte, „wer in Deutschland kennt Malyj Trostenez bei Minsk, wo zwischen 1942 und 1944 mindestens 60.000 Menschen ermordet wurden? Oder das Dörfchen Chatyn, das im Sommer 1943 dem Erdboden gleichgemacht wurde, und in dem sämtliche Einwohner getötet wurden – die Hälfte von ihnen Kinder? Wer weiß von Korjukiwa in der Nordukraine, wo innerhalb von zwei Tagen 6700 Männer, Frauen und Kinder der größten und brutalsten Strafaktion des Zweiten Weltkrieges zum Opfer fielen“.

Steinmeier rief auch die Stadt Rschew nahe Moskau in Erinnerung, wo die Rote Armee in einer nicht enden wollenden Schlacht mehr als eine Million Tote und Verwundete gezählt habe, und er fragte nach der kleinen Stadt Mizocz, vor deren Toren die jüdischen Einwohner an einem einzigen Tag erschossen worden seien; nur fünf Fotografien eines deutschen Gendarmen dokumentierten heute noch den Ort dieses Verbrechens.