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Als Berlins Kioske regelrecht überquollen

Angeblich fürchtete Napoleon drei Zeitungen mehr als hundert Bajonette. Karl Kraus schätzte die Blätter als „Konserve der Zeit“. Für Bismarck war die Presse nicht mehr als „nur Druckerschwärze auf Papier“. Wie auch immer man zu Zeitungen stehen mag, seit Jahrhunderten sind sie aus dem gesellschaftlichen Leben nicht wegzudenken und waren lange das Kommunikationsmittel schlechthin.

Selbst in der Kunst sind sie ein oft benutztes Objekt: Auf Gemälden von Picasso, Monet, van Gogh und viele anderen tauchen Zeitungen auf. In Zeiten des Internets und elektronischer Medien verliert Bedrucktes zwar an Bedeutung – bereits Anfang der 1980er-Jahre sagte der Verleger Axel Springer angesichts der Konkurrenz Fernsehen: „Das gedruckte Wort gerät immer mehr in die Defensive.“

Doch noch immer fasziniert bedrucktes Papier. Das zeigt ein neuer Bildband von Oliver Ohmann, Chefreporter der „B.Z.“ und Kenner der Berliner Stadtgeschichte. In seinem nicht nur lesens-, sonder vor allem sehenswerten Buch sind mehr als 100 historische Fotos aus der Zeitungsstadt Berlin versammelt. Gezeigt wird auch die Arbeit in Redaktionen und Druckereien. Im Zentrum der Bildauswahl stehen die 1920-er Jahre.

Für Journalisten in Deutschland gab es vor rund hundert Jahren nur einen Ort, an dem alles möglich schien: Berlin. Auch auf Fotografen, Drucker, Verlagskaufleute und Papierhändler übte das Zeitungsviertel mitten in der Hauptstadt einen unwiderstehlichen Reiz aus: Hunderte Verlage, Druckereien, Agenturen, Ausschnittdienste, Hersteller von Kiosk-Zubehör, bald auch Filmfirmen beschäftigten dort viele zehntausend Menschen. Platzhirsche waren die drei Großverlage Ullstein, Mosse und Scherl. Ende der 1920er-Jahre erschienen im Quartier beiderseits der Kochstraße 147 Tages- und Wochenzeitungen.

Zeitungen waren allgegenwärtig im Straßenbild der Metropole. Fahrzeuge – vom Fahrrad bis zum Lastwagen – fuhren die Zeitungsbündel durch die Stadt, Tausende Botenfrauen schleppten sie bis in die letzten Hinterhöfe. Auf den Straßen verkündeten Jungs die Schlagzeilen lauthals, und ältere Herren, die den ganzen Tag auf gepolsterten Stöcken ausharrten, boten Blätter feil. Kioske quollen von bis zu 900 Titeln regelrecht über. Die Lokalzeitungen trugen auf Litfaßsäulen ihren Konkurrenzkampf aus, überboten sich auf Plakaten mit Auflagensteigerungen, um neue Leser zu locken. In politisch heißen Zeiten dienten unbedruckte Papierrollen auch schon mal als Barrikaden. Gelesen wurde überall: auf der Straße, im Park, in der S-Bahn, im Café, in sogenannten Lesehallen.

Zeitungsstadt Berlin

Eine Ausgabe der "Berlinische privilegirte Zeitung" von 1761

Quelle: UA AS

Dabei hatte es das Zeitungswesen zunächst schwer in Berlin. Brandenburgs Kurfürsten verhinderten lokale Blätter, weil sie nichts über ihre Politik lesen wollten. Erst Friedrich II. änderte das. Der Preußenkönig verkündete 1740 die weitgehende Aufhebung der Zensur. „Wahrheit und Freyheit“ wurde der Wahlspruch neuer Zeitungen. Doch mit der Wahrheit war das so eine Sache, denn der König nutzte die Blätter, um gezielt Desinformationen verbreiten zu lassen.

Die von Heinrich von Kleist herausgegebenen „Berliner Abendblätter“ 1810 wurden dann zur ersten echten Tageszeitung der Stadt. Bereits in der ersten Ausgabe war zu lesen, was Leser bislang nicht kannten und was heute wohl Crime Stories heißen würde. So ging es um einen Bauernhof in Lichtenberg, der „in diesem Augenblick (zehn Uhr morgens) brennt“. Aktualität war also schon damals Trumpf. Überhaupt brannte es viel in dieser Zeit: So berichtete die erste Ausgabe der „Abendblätter“ auch über den „Krug“ in Steglitz, der mit Nebengebäuden den Flammen zum Opfer fiel. Dazu ein mit Zucker beladener Frachtwagen „nebst vier Pferden“. Bäckermeister Lamprecht in der Neuen Königsstraße verlor ebenfalls sein Haus.

Zeitungsstadt Berlin

Die erste echte Tageszeitung waren die "Berliner Abendblätter", die Heinrich von Kleist 1810/11 herausgab

Quelle: UA AS

Nachrichten dieser Art kamen an. Oliver Ohmann zitiert die Brüder Grimm, Sprachwissenschaftler und Abonnenten der ersten Stunde, die von Kleists Zeitung als einem „idealen Wurstblatt mit ganz köstlichen Anekdoten“ schwärmten.

Mit liberalen Strömungen in Deutschland wie technischen Neuheiten im Druckwesen und der Fotografie gewann die Presse schließlich zum ausgehenden 19. Jahrhundert an Profil und Bedeutung. Die 1920er-Jahre gelten als ihr Höhepunkt. Das Buch widmet sich aber auch der Zäsur 1933, dem Neubeginn nach 1945, der Wiederbelebung des zum Ende des Krieges bei einem Bombenangriff zerstörten Zeitungsviertels durch Axel Springer, der hier sein Berliner Verlagsquartier errichtete, der Zeit der Teilung Berlins, als wenige Meter nördlich der Kochstraße die Mauer stand.

Unter Druck – der Titel des Buches – kann durchaus doppeldeutig gesehen werden. Denn Zeitungen waren und sind immer auch Spielball der Politik. Eine der ersten Schritte des NS-Regimes war die Gleichschaltung der Presse, eine der ersten Entscheidungen der Alliierten nach 1945 die Herausgabe von Zeitungen für die Re-education. Zeitungen erfüllten im Kalten Krieg eine wichtige Rolle in der Propaganda, aufgeputschte Studenten versuchten 1968 das Verlagshaus von Axel Springer zu stürmen und zündeten Lieferfahrzeuge an. In der DDR galt die Presse als Instrument zur Durchsetzung der Staatsideologie – auf ironische Weise im Buch festgehalten mit dem Foto eines leeren, verwaisten Schaukastens in Ost-Berlin, auf dem die offizielle Aufschrift prangt: „Hier spricht die demokratische Presse“.

Der Mauerfall setzt im Buch den Schlusspunkt. Die beiden letzten Aufnahmen zeigen Ost-Berliner, die am Grenzübergang Invalidenstraße im November 1989 Blumen überreicht bekommen sowie Wartende in einer Schlange vor der Sparkasse am Alex, im Juli 1990, kurz nach der Währungsreform. Sie vertreiben sich die Wartezeit natürlich mit Zeitungslesen.

Oliver Ohmann: „Unter Druck. Die Zeitungsstadt Berlin in historischen Fotografien“ (Edition Braus Berlin, 128 S., 24,95 Euro)

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