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Art Basel Miami Beach: Kunst, die jetzt gefragt ist

„Ich kann Ihnen nur raten, Miami Beach zu genießen, solange Sie können!“ Es klingt wie eine Warnung, was Dan Gelber, Bürgermeister der Strandgemeinde am Atlantik, Besuchern der Art Basel mitgibt. Nachdem die Kunstmesse vergangenes Jahr coronabedingt ausgefallen war, ist sie nun mit Einlassbeschränkungen zurück: Nur Geimpfte oder negativ Getestete habe Zutritt. Und trotz der Nachrichten über die Omikron-Variante wollen viele Menschen auch Partys feiern.

Grund dazu gibt es genug in dem von Palmen gesäumten Kongresszentrum. Die Schau, die als Bindeglied zwischen den Kunstszenen Nord- und Südamerikas gilt, ist mit 53 teilnehmenden Galerien so international wie eh und je. Nur wenige mussten absagen. Etliche große Kunsthändler melden Millionenverkäufe. Die Helly Nahmad Gallery (New York), deren Stand mit schwarzen Wänden fast wirkt wie ein Museumsraum, veräußerte am ersten Tag einen Picasso für rund 20 Millionen Dollar, „Mousquetaire et Femme de la Fleur“ von 1967. Maddox (London) erzielte vier Millionen Dollar für ein Werk Banksys, das Charlie Brown zeigt. Die Galerie Thaddaeus Ropac (London, Paris, Salzburg, Seoul) verkaufte die 1978 gefertigte Collage „Sky Marshal (Spread)“ von Robert Rauschenberg für 1,5 Millionen Dollar.

In der Tradition indigener Völker: Jeffrey Gibsons Werk „People Like Us“ (rechts) am Stand der Sikkema Jenkins Gallery

In der Tradition indigener Völker: Jeffrey Gibsons Werk „People Like Us“ (rechts) am Stand der Sikkema Jenkins Gallery : Bild: Art Basel Miami

Im „Meridians“ genannten Abschnitt der Messe ist Platz für großformatige Werke, ausgewählt von einem Kuratorium um Magalí Arriola, der Direktorin des Museo Tamayo in Mexico City. „Between Veils of Blue and Grey, a Forest“ der von der New Yorker Galerie Sean Kelly vertretenen Janaina Tschäpe ist dort zu sehen. Die deutsch-brasilianische Malerin nähert sich in monumentalen, ab­strakten Gesten der Macht der Natur. Ein Effekt der Corona-Krise: Der erzwungene Rückzug hat die Künstlerin unter anderem zur Arbeit im Hudson Valley nördlich von New York geführt.

Bei der Helly Nahmad Gallery: Pablo Picasso, „Mousquetaire et Femme de la Fleur“, Öl auf Leinwand, 1967, für rund 20 Millionen Dollar verkauft.

Bei der Helly Nahmad Gallery: Pablo Picasso, „Mousquetaire et Femme de la Fleur“, Öl auf Leinwand, 1967, für rund 20 Millionen Dollar verkauft. : Bild: Art Basel Miami

In den vergangenen Monaten wurde zwar auch Kunst gekauft – aber eher von etablierten Künstlern, die den Sammlern schon bekannt waren. Jetzt sieht Marc Spiegler, der Direktor der Messe, einen Nachholbedarf, die sich in der Begeisterung für junge Künstler zeige. „Während der Pandemie füllte sich gewissermaßen eine Pipeline mit digitalen Entdeckungen neuer Künstler: Die Leute haben sich frische Werke online angeschaut, sie haben sie aber nicht unbedingt gekauft.“ Das ändere sich nun, da solche Arbeiten wieder physisch zu erleben seien.

Weniger weiß werden

In ihrer diesjährigen Ausgabe setzt die Art Basel Miami verstärkt auf Diversität: Sie will weniger weiß sein. Das sei, was die Auswahl der Künstler betreffe, keine so große Herausforderung wie aufseiten der Galeristen, sagt Spiegler. Selbst in Südamerika seien die meisten Händler weiß. Um überdies weniger etablierten Galeristen eine Chance zu geben, wurden die Ausschreibungskriterien geändert: Auch Galeriebesitzer, die keinen ständigen Raum haben, konnten sich bewerben. Untern den Newcomern in der Sektion „Nova“ sind etwa die Galeristinnen Kendra Jayne Patrick und Nicola Vassell.

Am Stand von Sikkema Jenkins & Co. (New York) steht der amerikanische Künstler Jeffrey Gibson und spricht über sein Werk „People Like Us“, das schon auf der Whitney Biennale 2019 gezeigt wurde und Traditionen indigener Völker aufnimmt. An einer horizontalen Zeltstange hängend sind Textilien, Papierstränge und Glasperlen zu einem großen Gewand verbunden, das den Titel in sich trägt: Menschen wie wir. Gibson, der von den Indianerstämmen der Choctaw und Cherokee abstammt, hat Techniken indigener Künstler erlernt und sich intensiv mit der Geschichte des amerikanischen Kontinents befasst. Eine junge Frau sagt, sie habe den Namen des Kunstwerks eher als „Die Leute mögen uns“ gelesen – das sei ja auch nicht falsch, sagt Gibson.

Monumentale Annäherung an die Natur: „Between Veils of Blue and Grey, a Forest“ der von der Sean Kelly Gallery repräsentierten Janaina Tschäpe

Monumentale Annäherung an die Natur: „Between Veils of Blue and Grey, a Forest“ der von der Sean Kelly Gallery repräsentierten Janaina Tschäpe : Bild: Art Basel Miami

Ein paar Stände weiter präsentiert die Paula Cooper Gallery (New York) ein Werk, das zwar viel Aufmerksamkeit erregt hat, mit 150.000 Dollar gemessen an den „Blue Chips“ aber eher im niedrigen bis mittleren Preissegment liegt. Ein Motelschild im Stil der Fünfzigerjahre verkündet als Leuchtreklame: „There is no bad luck in the world but white folks“, es gibt kein Unglück in der Welt außer weiße Leute. Das Zitat stammt aus dem Roman „Beloved“ von Toni Morrison. Das Motelschild, das die Künstlerin Ja’Tovia Gary als Teil ihrer Serie „Citational Ethics“ geschaffen hat, erinnert an Road Trips im Süden der USA – und das Lorraine Motel in Memphis, in dem 1968 Martin Luther King erschossen wurde.

Kreativ mit der Pandemie umgehen: Der Künstler Lynx Alexanders trägt Mundschutz mit Schmetterlingen zur Schau.

Kreativ mit der Pandemie umgehen: Der Künstler Lynx Alexanders trägt Mundschutz mit Schmetterlingen zur Schau. : Bild: AP

Wie schon in früheren Jahren herrscht an politischer Kunst kein Mangel. Ein weiterer Trend der Messe sind digitale Kunst und NFT. Die Non-Fungible Token in der Blockchain funktionieren wie virtuelle Zertifikate und können dem Käufer die Einzigartigkeit eines Kunstwerks garantieren. Die niederländische Künstlerin Lonneke Gordijn demons­triert bei der New Yorker Pace Gallery das mit dem DRIFT Kollektiv geschaffene NFT „Block Universe“. An einer Wand hängen gelbe Lampen, doch erst das Ta­blet erweckt sie durch ein NFT zum Leben – von allen Richtungen werden die Erde und die anderen Planeten des Sonnensystems sichtbar, allerdings als Quader. Gordijn sagt, dass ein Teil des Verkaufserlöses an eine Organisation gehen soll, die Bäume in Kenia pflanzt. Später wird das Werk für 550.000 Dollar vermittelt.

Art Basel Miami Beach, Convention Center, bis 4. Dezember, Eintritt 65 Dollar