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Aufforstung und Ausbildung in Äthiopien

Im Mai 2019 zu Gast beim Lions Club in der Aula des Graf Stauffenberg-Gymnasiums, wo der Grundstein für das heutige Agroforst-Projekt gelegt wurde: Der Klima- und Zukunftsforscher Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Franz J. Radermacher (rechts) mit dem damaligen Lions-Präsidenten Hans-Ulrich Hartwig Foto: Albrecht Marufke

Im Mai 2019 zu Gast beim Lions Club in der Aula des Graf Stauffenberg-Gymnasiums, wo der Grundstein für das heutige Agroforst-Projekt gelegt wurde: Der Klima- und Zukunftsforscher Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Franz J. Radermacher (rechts) mit dem damaligen Lions-Präsidenten Hans-Ulrich Hartwig (Foto: Albrecht Marufke)

HOCHHEIM AM MAIN, STADT - Am vergangenen Sonntag präsentierten die Lions Clubs des Main-Taunus-Kreises im Freizeitpark Kriftel das Agroforst-Projekt. Hierzu haben wir ein Interview geführt mit dem Initiator dieser Ausbildungs- und Aufforstungsaktion in Äthiopien, Hans-Ulrich Hartwig aus Hochheim. Er berichtet, wie aus einem Vortrag während seiner Präsidentschaft im Lions Club Hochheim-Flörsheim eine Idee, und aus der Idee ein Projekt mit viel Aufmerksamkeit wurde.

HZ: „Herr Hartwig, vom Agroforst-Projekt der Lions Clubs war schon das eine oder andere zu lesen, fassen Sie doch bitte noch einmal kurz die Ziele des Projektes für uns zusammen.“

Hans-Ulrich Hartwig: „Durch den Klimawandel kommt es in Afrika vermehrt zur Versteppung. Mit einem Agroforst-Grüngürtel quer durch den Kontinent wollen wir dem Vordringen der dortigen Wüsten entgegenwirken. Hierzu treiben wir die Aufforstung in Äthiopien voran – die Zielsetzung sind 250.000 neue Bäume. Nachhaltig kann das nur gelingen in Zusammenarbeit mit den lokalen Farmern, für die wir in der Region Derashe Trainingszentren schaffen.“

„Wie kam es zu diesem

Projekt?“

„Im Vorfeld meiner Präsidentschaft im Lions Club Hochheim-Flörsheim 2018/19 habe ich ein Veranstaltungsprogramm zusammengestellt, für das ich unbedingt den Klima- und Zukunftsforscher Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Franz J. Radermacher gewinnen wollte. Das hat auch geklappt – seine Bedingung aber war, dass wir seinen Vortrag nicht nur für unseren einen Lions Club organisieren, sondern breiter aufstellen. So wurde es eine Veranstaltung der sogenannten Lions-Zone, diese umfasst die zehn Clubs des Main-Taunus-Kreises. Der spätere hessische Landesvorsitzende der Lions-Organisation „Distrikt Governor“ Jürgen Waterstradt und ich selbst waren von Professor Radermachers Vortrag dann so angetan, dass wir selbst etwas zum Klimaschutz beitragen wollten.“

„Und schon kurze Zeit später hat das Projekt weite Kreise gezogen….?

„Mehr oder weniger, ein bisschen hat es schon noch gedauert... Die Geburtsstunde des Agroforst-Projekts war definitiv der Radermacher’sche Vortrag in der Aula des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums in Flörsheim im Mai 2019. Jürgen Waterstradt erhob das Projekt später zum hessenweiten Fokusthema seines Governor-Jahres – das war ab Juli 2020. In dem Jahr dazwischen galt es, weitere Projektpartner zu finden: Heute sind das die Stiftung Deutscher Lions, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie die Antonia-Ruut-Stiftung aus Trier. In dieser Zeit habe ich viele Gespräche geführt – auch mit potentiellen Projektpartnern, die auch spannende Herangehensweisen in der Aufforstung verfolgten, aber letzten Endes nicht zum Zuge gekommen sind.“

„Wie fiel die Auswahl auf die heutigen Beteiligten?“

„Im ersten Schritt war wichtig, dass Jürgen Waterstradt dem Projekt statt kreisweiter Aufmerksamkeit die hessenweite Beachtung gegeben hat, wofür ich ihm und seiner Projektleitung sehr dankbar bin. Zweitens galt es, innerhalb der Lions-Organisation Verbündete zu gewinnen – das ist die Stiftung Deutscher Lions in Wiesbaden mit großer Erfahrung in internationalen Projekten. Diese wiederum erfreut sich bester Kontakte ins Entwicklungsministerium, dessen Förderung hat das Projektvolumen auf eine halbe Million Euro anwachsen lassen. In Äthiopien blickt die Lions-Stiftung zudem auf gemeinsame und erfolgreiche Projekte zur Wasserversorgung und Nahrungsmittelsicherung zurück, die seit Jahren mit der Antonia-Ruut-Stiftung umgesetzt werden.“

„Und wie funktioniert so eine Zusammenarbeit auf diese große Distanz?

„Das Erfolgsrezept des Agroforst-Projektes und insbesondere der Antonia-Ruut-Stiftung ist es, im Land auf einheimische Kräfte und lokale Projektpartner zurückzugreifen. Wir sind quasi mit keinem einzigen Europäer vor Ort. Das sorgt für Akzeptanz und verhindert kulturelle Missverständnisse insbesondere bei der Schulung der äthiopischen Farmer. Zudem schafft es Arbeitsplätze in den von uns geförderten Trainingszentren.“

„Wie genau geht das von- statten?“

„In der Projektregion galt es zuerst, die Schulungszentren in Gidole und Gamole mit einem 1.100 Quadratmeter großen Vorzeigegarten aufzubauen. In diesem wird anschaulich, wie das wenige Wasser bestmöglich genutzt wird: in Labyrinthähnlichen Terrassenanlagen, damit das Wasser nicht wegfließt, sondern die Bäume wässert, und zudem der Bodenerosion vorgebeugt wird. Die Bäume wiederum sorgen für die Beschattung der Feldfrüchte, an welchen die Farmer vor Ort im Wesentlichen interessiert sind. Der Schatten erhöht den Ertrag der Farmer. Damit das langfristig so bleibt, wird zusätzlich schnell wachsendes Bambus zur Verkohlung – damit nicht die Bäume später einmal der Brennholzgewinnung zugeführt werden – angebaut.“

„Und wie weit sind Sie mit all diesen Plänen gediehen?“

„Den Schaugarten mit seiner parallel zu den Höhenlinien des Geländes angelegten Bewässerungs-Mulchgräben gibt es seit Anfang 2021, erste Ernten waren bereits möglich. Angebaut werden in Äthiopien Bekanntes wie Papayas, Tomaten und Kaffee, aber auch Neues und zum Glück gut Akzeptiertes wie Zucchinis. Auch der Bambus wächst schneller als erwartet.

Das erste „Train the Trainer“-Seminar, also die Fortbildung für Multiplikatoren, fand bereits im Mai statt. Über die Ernten wird übrigens detailliert Buch geführt – um neben dem theoretischen Wissen auch den Nachweis der Ertragssteigerung zu führen. Also um nachweisbar ökologische und ökonomische Vorteile vorweisen zu können.

Ende Juli war Oliver Kopsch, der Projektleiter der Antonia-Ruut-Stiftung, vor Ort, um sich selbst ein Bild zu machen und uns aus erster Hand berichten zu können. Die hiesige Projektgruppe wirbt weiterhin eifrig um Spenden: Durch die Unterstützung der Lions Clubs und unserer Landesorganisation in Hessen, aber auch darüber hinaus, sind wir kurz davor, unser angestrebtes Ziel an Eigenmitteln in Höhe von 100.000 Euro zu erreichen.

„Das klingt sehr vielversprechend. Blicken wir noch in die Zukunft….“

„Als Umweltbeauftragter des Lions-Distrikts werde ich das Projekt weiterhin begleiten. Formal läuft das Projekt bis Ende 2023, aber die Chancen für eine Verlängerung stehen aufgrund der bereits heute nachgewiesenen Erfolge sehr gut. Hinzu kommt, dass die Kaufkraft unserer 500.000 Euro in Äthiopien hiesigen 10 Millionen Euro entsprechen, die Finanzausstattung ist also gut.

Gleichwohl werben wir nach wie vor für das Projekt und spendenfreudige Unterstützer, so auch am vergangenen Sonntag im Rahmen des „Spiele im Park“-Festes im Freizeitpark „Am Parkbad“ in Kriftel. Dort haben wir eine bunte Mischung aus äthiopischen Produkten, Informationen, Gesprächen und Musik präsentiert. Am frühen Nachmittag begann dann unser Agroforst-Informationsprogramm, unter anderem mit Grußworten der Kreisbeigeordneten Madlen Overdick und von Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate, der sich als Deutsch-Äthiopier sowohl für die wirtschaftliche Zusammenarbeit als auch den Erhalt der äthiopischen Kultur engagiert. Zudem sorgte der Hochheimer Chor „Singing Generations“ für die musikalische Untermalung des Programms.

„Herr Hartwig, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen noch viel Erfolg für den weiteren Verlauf Ihres Projektes.“

Das Interview führte Holger Nicolay

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