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Ausstellung im Museum Ludwig: Kölner Migranten erzählen ihre Geschichten

Am Tag seiner Trauung hatte es Onur Dülger eilig. „Mach schnell ein Foto, ich muss weg“, rief er einem Bekannten zu, der im selben Ford-Wohnheim lebte und sich als Hobbyfotograf etwas dazuverdiente. Für das Abschiedsbild von der Junggesellenzeit posierte Dülger vor seiner neuen Heimat, einem der „Gastarbeiter“-Türme an den Rändern Kölns. Ein Bein setzte er auf die flache Umgrenzung des Rasengrüns, die rechte Hand legte er an die linke Schulter und mit der linken Hand hielt er den Rocksaum seines Hochzeitsanzugs fest. Es ist keine allzu klassische Pose, aber immerhin in Farbe – der blaue Himmel im Hintergrund strahlt wie ein Versprechen.

Fünf Bilder aus Dülgers privatem Fotoalbum sind jetzt im Kölner Museum Ludwig zu sehen, also dort, wohin sonst nur Meisterwerke der modernen Kunst gelangen. Man kann sie sogar einzeln in die Hand nehmen, um auf der Rückseite zu lesen, was zu sehen ist: Onur Dülger im Zimmer seines Wohnheims, mit zwei Freunden auf dem Eiffelturm, am Steuer seines Fords und im Kölner Rathaus mit Ehefrau Monika und Trauzeugen. Nichts davon ist Kunst oder kommt dem auch nur nahe, was im Ludwig ansonsten als Fotokunst verhandelt wird. Aber darum geht es auch nicht. Mit den Bildern sollen Erinnerungslücken im Bildgedächtnis der Stadt Köln geschlossen werden – einer Stadt, die von Arbeitsmigranten wie Dülger und ihren Geschichten mit geprägt wurde und wird.

Ela Kaçel will Lücken im Kölner Bildgedächtnis schließen

Als die Kuratorin Ela Kaçel auf Fotografien stieß, mit denen die städtische Baugesellschaft GAG in den 1960er Jahren ihre neuen Arbeiterwohntürme feierte, fiel ihr auf, dass darauf kaum Passanten zu sehen waren. Dies ist zwar nichts Ungewöhnliches für Architekturfotografien, aber selbstredend kann man darin auch etwas Symbolisches sehen: Die Menschen, die hier wohnen, vor allem Arbeiter aus der Türkei, Griechenland oder Italien, die erste Generation der längst heimisch gewordenen Arbeitsimmigranten, kommen in den Selbstdarstellungen der deutschen Gesellschaft allenfalls am Rande vor. Gemeinsam mit Barbara Engelbach vom Museum Ludwig entwickelte Kaçel daraus eine bestechende Ausstellungsidee: In „Vor Ort – Fotogeschichten zur Migration“ sollen die Menschen hinter den Häuserfassaden ein Gesicht bekommen, um ihre Geschichten mit eigenen Worten und eigenen Bildern zu erzählen.

So sieht man jetzt also private Aufnahmen von Menschen, die in den 1960er Jahren als „Gastarbeiter“ geholt und über Jahrzehnte auch so behandelt wurden, selbst als sie schon längst sesshaft und Mitbürger geworden waren. Auf den Bildern der ersten Angekommenen spürt man noch den Blick auf die Fremde, das eher touristische Posieren vor Sehenswürdigkeiten, die man eines Tages als Andenken des eigenen Lebens mit nach Hause, zurück in die Heimat nehmen will. Aber das ändert sich, sobald aus den Junggesellenbildern Aufnahmen aus dem Familienalbum werden. Auf ihnen zeigt sich eine Alltäglichkeit, die weder genuin türkisch, italienisch oder deutsch ist, sondern einfach der Logik des familiären Sammelns folgt. Das Hässliche bleibt ausgespart, nur die Sonntage des Lebens sind es wert, dauerhaft in Erinnerung zu bleiben. Für das Individuelle im Allgemeinen sorgen vor allem die Videos, in denen die Abgebildeten aus ihrem Leben erzählen.

Ali Kanatlı (3.v.l.) mit Freunden am Neumarkt Köln, um 1965

Ali Kanatlı (3.v.l.) mit Freunden am Neumarkt Köln, um 1965

Foto:

Ali Kanatlı/DOMiD-Archiv, Köln

Die Fotografien aus der Sammlung des Kölner Vereins „Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland“ (Domid) sind ein zeithistorischer Fundus, aus dem die Kuratorinnen erklärtermaßen „Gegenbilder“ schöpfen wollen. Doch Gegenbilder wozu? Wenn es eine offizielle deutsche Bildgeschichte zur Arbeitsmigration gibt, ist sie in der Kölner Ausstellung kaum präsent. Am ehesten kann man sie in den Aufnahmen entdecken, die Ludwig Wegmann im Mai 1962 für die Bundesbildstelle von italienischen Arbeitsimmigranten und ihren Familien machte.

Man sieht Kinder in der Schule, kleine Familien in aufgeräumten Wohnungen und Häuser mit Balkon – während die meisten „Gastarbeiter“ damals noch in Wohnheimen untergebracht waren. Sonderlich interessiert wirkt Wegmann an seinen Modellen nicht; vermutlich handelt es sich eher um staatliche Werbebilder als um dokumentarische Fotografien.

Um sich der Lebenswirklichkeit der Arbeitsmigranten zu nähern, bringen die Kuratorinnen dann doch wieder die klassische Dokumentar- und Reportagefotografie ins Spiel. Im zweiten Teil der Ausstellung geht es um prekäre Lebensbedingungen in vernachlässigten oder absichtlich herunter gewirtschafteten Wohnvierteln, um Ausbeutung und Arbeitskämpfe, Widerstand und Selbstbestimmung – und die Bilder dazu liefern professionelle Fotografen wie Jörg Boström, Gernot Huber, Ulrich Tillmann und Guenay Ulutuncok, Mitbegründer der Kölner Fotoagentur laif.

Chargesheimer steuert bestürzende Aufnahmen des Eigelsteins bei und von Candida Höfer sind einige Werke aus ihrer auf jede falsche Nähe verzichtenden Serie „Türken in Deutschland“ zu sehen. Es sind teils exquisite, klassische Aufnahmen darunter, die ganz selbstverständlich zum deutschen Bildgedächtnis gehören sollten. Und doch hat man ein seltsames Gefühl, weil die Menschen, die eine eigene Stimme bekamen, am Ende wieder verstummen. Sie sprechen nicht mehr durch die Fotografien – diese sprechen jetzt für sie.

„Vor Ort: Fotogeschichte zur Migration“, Museum Ludwig am Dom, Köln, Di.-So. 10-18 Uhr, 19. Juni bis 3. Oktober 2021. Der Katalog zur Ausstellung kostet 25 Euro.

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