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„Bei uns bleibt das Geld nicht hängen“

Johannes Gratzer wirbt um Verständnis für die schwierige Lage der Handwerker

Der Materialmangel und die damit verbundene Planungsunsicherheit macht vielen Handwerkern schwer zu schaffen. Einer von ihnen ist Schreinermeister Johannes Gratzer. Er und seine sechs Mitarbeiter kämpfen mit hohen Preisen – und um das Verständnis ihrer Kunden.

„Zurzeit fehlen Pressspanplatten, Türen, Schrauben – einfach alles“, sagt Johannes Gratzer. Der Schreinermeister aus Trudering kämpft wie viele seiner Kollegen mit dem allgegenwärtigen Materialmangel und hohen Preisen. „Früher habe ich beim Materialhändler angerufen und für ein Projekt im nächsten Jahr einen Festpreis ausgemacht - jetzt gelten die Preise maximal zehn Tage lang.“ Und die neuen Preise sind oft weit höher: „Es kann sein, dass ich ein Angebot mache und drei Monate später 25 bis 30 Prozent mehr verlangen muss“, sagt Gratzer.

Eine Partei müsse den Preis immer zahlen, erklärt er: „Wenn ich vertraglich an den Angebotspreis gebunden bin, mache ich bei solchen Materialpreissprüngen ein Minusgeschäft.“ Besonders bei Großprojekten sei das so. „Für die Stadt München arbeite ich gar nicht mehr, weil die auf vertragliche Preisbindungen von sechs Monaten besteht.“ Sollten also die Kosten um 30 Prozent steigen, mache das bei einer Gewinnmarge von acht Prozent 22 Prozent Verlust für Johannes Gratzer.

In Zahlen: „Ein typischer Großauftrag ist für mich der Einbau von 50 Teeküchen für jeweils 1000 Euro. Dabei kann ich leicht 11 000 Euro draufzahlen.“ Diese Gefahr umgeht der Schreinermeister mit strengeren Klauseln: „Wenn ich Kunden ein Angebot mache, gilt der der Preis nur fünf Tage bis Vertragsabschluss, anders geht es nicht.“

Noch unkalkulierbarer ist die Gefahr durch Lieferverzögerungen: „Ich hatte dieses Jahr 15 Baustellen, die ich nur abschlagsweise abrechnen konnte, weil einzelne Teile gefehlt haben – da hingen zwischenzeitlich 80 000 Euro in der Luft.“ Existenzbedrohend für Gratzers Sechs-Mann-Betrieb.

Doch beim Material sei noch nicht Schluss, auch die hohen Energiepreise fordern ihren Tribut: „Wenn ich den Transporter dreimal die Woche nicht mehr mit 80 Euro volltanken kann, sondern mit 120 Euro, muss ich die Kosten irgendwann weitergeben.“ Die meisten Kunden hätten Verständnis, wenn er ihnen die Kosten vorrechne. „Erst vorletzte Woche hatte ich eine Küche, für die ich Pressspanplatten in pastell-moosgrün gebraucht hätte“, sagt Gratzer. Die waren nicht lieferbar, der farbgebende Schichtstoff schon: „Dann haben wir es mit der Furnierpresse selber gemacht, aber das ist natürlich der zehnfache Aufwand.“ Den müsse er dann auch berechnen: „Gute Leute kosten eben gutes Geld, mit dem Tariflohn lockt man kaum wen hinter dem Ofen vor“, erklärt Gratzer. „Zum Glück gibt es viele Privatkunden, denen gute Qualität etwas wert ist.“ Vielen Kollegen gehe es weit schlechter, weil: „Viele Leute verstehen nicht, dass die höheren Preise nicht in die Taschen der Handwerker wandern.“