Dajana S. (48) weiß genau, wann sie die Kontrolle verlor. Bei einem Chat im Juli 2021. Die Verkäuferin aus Berlin schreibt über Instagram ihrem Flirt, einem Mann, der vielleicht ihre große Liebe werden könnte. Er nennt sich „Morrisson King“. Angeblich aus Florida. Soldat der US-Marine. Stationiert in Syrien. Mit jedem Chat vertraut sie ihm mehr – und er wird zu dem Mann, der sie ruiniert.

Von Thomas Gautier

Sie tippen sich gegenseitig ihr Leben ins Handy: Dajana S. ist alleinerziehend. Er auch. Sie hat eine kleine Tochter. Er angeblich auch. Sie hat vor einem Jahr ihren Vater verloren. Und er gerade seinen besten Freund bei einem Einsatz – angeblich erschossen.

„Ich glaube, da hat er mich gekriegt“, sagt Dajana S. „Das mit der Trauer. Ab da war ich völlig benebelt. Er konnte mich ab da immer mehr einlullen.“

„Morrisson King“ macht das beruflich. Er ist ein sogenannter „Love Scammer“, ein Heiratsschwindler des 21. Jahrhunderts. Er klaut Profilfotos unbescholtener Bürger aus dem Internet. Bastelt sich ein Konto, erfindet einen Namen. Schreibt Frauen über Instagram an. Gewinnt ihr Vertrauen.

Und dann verschickt er ihnen angeblich ein Paket mit wertvoller Fracht – für das die Frauen zweimal, dreimal horrende Gebühren zahlen müssen. Das Geld fließt über ausländische Banken oder Bitcoin direkt in die Taschen der Betrüger – in diesem Fall eine Bande aus Afrika, so der Zoll.

An Dajana S. schickte „Morrisson King“ angeblich Diamanten – eingenäht in ein Plüschtier. „Dazu wichtige Papiere und Bargeld“, sagt sie. „Er sagte, er braucht das für seine Zeit nach der Marine.“ Für seine Zukunft. Vielleicht mit ihr. Sie soll das Paket annehmen. Dajana S. sagt Ja und schreibt ihm ihre Adresse.

„Ich habe dann eine Sendungsverfolgung einer Firma CTX bekommen. Alles sah sehr realistisch aus.“ Doch das Paket, das es nie gab, bleibt scheinbar hängen – erst in der Türkei. „Es hieß, das Paket müsse versichert werden. Für 2800 Euro.“ Sie zahlt.

„Zwei Tage später hing das Paket in Polen. CTX meinte, ich soll Zollsteuer zahlen: 9800 Euro.“ Dajana S. zahlt wieder – in Bitcoin. Nimmt dafür 6000 Euro Kredit auf. „Er hat mich dermaßen unter Druck gesetzt. Ich hatte Angst, für Diamantenschmuggel verantwortlich zu sein.“

Nach einigen Tagen kommt wieder eine Mail von CTX. Das Paket sei im Lager des Hauptzollamts in Garching bei München. „Ich sollte wieder 9800 Euro Zollsteuer zahlen.“

Dajana S. googelt „Zoll“, „München“ und „Paket“ – und stößt auf eine Webseite von Thomas Meister, Sprecher des Hauptzollamts. Der warnt im Netz vor der Paket-Masche. Dajana S. ruft ihn sofort an – und fällt aus allen Wolken.

Zu BILD am SONNTAG sagt Meister: „Ich habe schon länger mit Liebesbetrügern zu tun – aber derzeit ist es brutal. In acht Wochen haben 70 Menschen bei mir deshalb angerufen. Zu 95 Prozent Frauen. Von der Verkäuferin bis zu Ärztin.“

Es ist immer wieder die gleiche Masche: Flirt, Paket, Geld weg. Meister: „Einige zahlten 200 oder 300 Euro. Andere bis 40.000 Euro.“

Meister stellt klar: „Natürlich verlangt der deutsche Zoll auch Gebühren. Aber nie auf eine inländische oder ausländische Bank. Oder in Kryptowährungen. Immer über die Bundeskasse.“

Dajana S. zahlt nicht mehr – ihr Albtraum ist aber nicht vorbei. „Er hat bis zum Letzten noch Geld verlangt. Er drohte sogar, dass er mir die Taliban nach Hause schickt.“ Sie hat Angst, bleibt aber stark – und ändert ihre Nummer.

Dajana S.: „Ich habe viel geweint danach und mich sehr über mich geärgert.“ Sie weiß: „Er hat mein Leben ruiniert“ – und gibt doch sich die Schuld dafür. „Es war zu 90 Prozent aus Mitleid.“

Jetzt zahlt sie mit der Hilfe ihrer erwachsenen Kinder den Kredit ab. Und holt sich Stück für Stück wieder die Kontrolle über ihr Leben zurück.