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Blumen in historischen Kübeln

Der letzte Stein ist gesetzt, die Baumaßnahme Fischer- und Muschelgasse offiziell abgeschlossen, der Streit über Gestaltungsfragen beigelegt. Jetzt führt ein neuer Komfortweg für Fußgänger über das historische Pflaster, trotzdem bleibt das Altstadtviertel malerisch. Einen Beitrag dazu leisten einige Gegenstände, denen man erst auf dem zweiten Blick ihre lange Vergangenheit ansieht.

Die zahlreichen Pflanzgefäße vor Häusern sind typisch für die Lohrer Gassen. Eigentlich sind es Randerscheinungen, die kaum beachtet werden. Doch einige Blumenkübel waren früher Brunnentröge, also Teil der Wasserversorgung – und sind fast 200 Jahre alt, wie eingemeißelte Zahlen beweisen. Die Behältnisse gehören zur Geschichte des Lohrer Mainviertels, wobei auch der einstige Bayersturmverein eine Rolle spielt.

Geheimnis gelüftet

Der 2009 gestorbene Naturschützer und Heimatforscher Hans Schönmann spürte in einem Buch dem Schicksal von Brunnenbecken in der Region nach. Zur Fischergasse schrieb er, dort stehe "mehr als ein halbes Dutzend zum Teil mächtiger Steintröge". Deren Geheimnis habe der frühere Leiter des städtischen Bauhofs, Edwin Schüssler, lüften können.

Demnach sei in den 1960er-Jahren eine Lkw-Ladung mit alten Brunnentrögen aus Sandstein von Schöllkrippen nach Lohr gekommen – und zwar im Tausch gegen ausrangierte Gehsteigplatten aus Basalt. Drei der Becken seien beim alten Rathaus aufgestellt worden, die anderen in der Fischergasse. Dort zählte Schönmann "mindestens acht ehemalige Brunnentröge".

Ältester Trog von 1825

Der wohl älteste trägt die Jahreszahl 1825 und die Initialen FWD, mehr ist darüber nicht bekannt. Aufschlussreicher ist die Geschichte eines Brunnentrogs mit der Jahreszahl 1836, der vor dem ehemaligen Gasthof Anker stand, jetzt gegenüber auf der anderen Seite der Fischergasse steht und als Blumenkasten dient. An ihm ist eine kleine Plakette angebracht mit der Aufschrift "Eigentum Bayersturmverein".

Dieser bestand von 1974 bis 2018, seine Schwerpunkte waren der Bayersturm und das "Meeviertel". Es ergab sich, dass der Brunnentrog von 1836 aus Rothenbuch nach Lohr geholt werden konnte. Das lief über Toni Hofmann, einem der Organisatoren des Bayersturmfestes. Das historische Stück sei als Dekoration für die Fischergasse gedacht gewesen, berichtet Schönmann, der in Rothenbuch weiter nach der Herkunft des außergewöhnlichen Trogs forschte.

Wasser für das Vieh

Ergebnis: Ursprünglich gehörte das Becken zu einem Ziehbrunnen im Dorf, der Brauchwasser und Wasser für das Vieh lieferte. Dass der Trog als Tränke genutzt wurde, darauf weisen eiserne Ringe hin, an denen die Tiere festgebunden wurden.

So sind über manche Umwege einige alte Brunnenbecken erhalten geblieben; sie schmücken heute als Blumenkübel den öffentlichen Raum und tragen damit zum ganz typischen Ansichtskartenbild des Lohrer Fischerviertels bei.

Das Brunnen-Buch

"Quellen – Götter – Brunnenstuben" heißt das 2003 erschienene Buch von Hans Schönmann mit dem Untertitel "Von heidnischen Quellenkulten, Osterbräuchen und alter Brunnenherrlichkeit". Die Beschreibungen und Standorte umfassen Lohr und sein Umland mit Maintal, Spessart und Fränkischer Platte. Das Buch enthält viele vergessene Informationen und historische Bilder über die einstige Wasserversorgungin der Region und geht auch auf die kultische Bedeutung von Quellen und Wasser in früher Zeit ein. Sogar die Herkunft einiger alter Brunnentröge in der Lohrer Fischergasse wird geklärt.

(eiei)