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Bob Israel hört auf Kiriasis‘ Kommando

Sie hatte sich zwei Nächte gegeben, um darüber zu schlafen, ob sie die reizvolle Herausforderung annehmen sollte. Sandra Kiriasis, 46, die einstige Weltklassepilotin, seit sieben Jahren im sportlichen Ruhestand, soll die Bobfahrer aus Israel trainieren, sie zu den Olympischen Winterspielen nach Peking führen. Es wäre eine Premiere, wenn Athleten aus dem jüdischen Staat beim weltweit wichtigsten Sportevent mit dem klobigen Schlitten starten würden.

Absender der über Instagram geposteten Offerte war Adam Edelman, 30. Der in Boston geborene Israeli hatte Kiriasis im Februar 2018 bei den Winterspielen in Pyeongchang kennengelernt. Sie hatte ihn an der Strecke angesprochen, weil sie von Neugier getrieben wissen wollte, warum dessen Kippa selbst beim Sprinten fest auf dem Kopf anliegt. Edelman rauschte dort mit dem Skeleton durch die Eisrinne, landete auf Platz 28 und kam hernach auf die kühne Idee, vier Jahre später in Peking auch als Erster seines Landes einen Bob durch das halsbrecherische Labyrinth zu steuern. Dabei, so dachte sich der Sportbesessene, sollte ihm Kiriasis das notwendige Know-how vermitteln. Wegen ihres fahrerischen Könnens habe er sie immer bewundert.

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Edelmans Nachricht erreichte Kiriasis an einem herrlichen Sommertag. Sie erwärmte ihr Herz zusätzlich, doch wirklich glauben wollte sie es nicht, dass ausgerechnet sie auserkoren worden sei für diesen interessanten Job. Nach 48-stündigem Grübeln entschloss sie sich deshalb auch, dass Angebot abzulehnen. Ihr Entschluss jedoch sollte nicht endgültig sein.

Kiriasis traute dem Ganzen nicht

Als sie WELT AM SONNTAG auf der Terrasse ihres Hauses in Pottum/Rheinland von ihrem „Geheimnis“ erzählte, neigte sich der Juli seinem Ende entgegen. Die Sonne schien gnadenlos. Doch weniger die tropischen Temperaturen als vielmehr die innere Zerrissenheit trieben der im Gesundheitsmanagement tätigen Unternehmerin die Schweißperlen auf die Stirn.

Lust hätte sie schon, sich der Aufgabe zu widmen, sagte sie seinerzeit, doch sie habe kein gutes Gefühl dabei. Sie traue dem Ganzen nicht. Ihr Unbehagen könne sie allerdings nicht wirklich erklären. „Warum“, fragte sie sich immer wieder, „wollen sie unbedingt mich?“ Sie sei nicht die Erfahrenste, und schließlich gebe es noch andere Trainer. Das stimmte zwar, doch der Bittsteller aus dem Nahen Osten gab sich mit ihrer Absage nicht zufrieden und reagierte prompt.

Ihr größter Triumph: Sandra Kiriasis (l.) und Anja Schneiderheinze bejubeln Olympiagold 2006

Ihr größter Triumph: Sandra Kiriasis (l.) und Anja Schneiderheinze bejubeln Olympiagold 2006

Quelle: pa/dpa/dpaweb/epa Mirko Guarriello

Edelman, ein Maschinenbau-Ingenieur, den alle nur AJ nennen, versuchte weiter gebetsmühlenartig die Olympiasiegerin von 2006 umzustimmen. Dass Kiriasis bei den Winterspielen in Südkorea als Trainerin der jamaikanischen Bobfahrerinnen, denen sie zu ihrem Olympiadebüt verholfen hatte, unliebsam in die Schlagzeilen geraten war, blieb ihm freilich nicht verborgen.

Mit aufmunternden SMS stand er ihr tröstend zur Seite, als sie vor Wettkampfbeginn nach Diskrepanzen mit den Verbandsoberen des Karibikstaates aus deren Mannschaft entfernt wurde.

Jamaika schuldet ihr noch eine hohe Summe

„Mir tat Sandra unheimlich leid, und ich weiß, dass sie an dem ganzen Theater nicht schuld war“, brach Edelman eine Lanze für die Sächsin. Die Insulaner schulden Kiriasis für ihr Engagement noch immer einen fünfstelligen Betrag. Inzwischen sei das für sie aber abgehakt, bemerkt die Rekordweltmeisterin (sieben Titelgewinne) und -Gesamtweltcupsiegerin (neun Triumphe). Nach einem nochmaligen In-sich-Gehen dank Edelmans geduldigem Zureden fühlte sie sich schließlich ermutigt, dem „Projekt Israel“ doch zuzustimmen.

„Der Typ geht gar nicht“: So lief der Zoff mit den Jamaikanern wirklich ab

Kurz vor den Bob-Wettbewerben kommt es bei den Olympischen Winterspielen im Team Jamaika zum Eklat. Im Mittelpunkt des Streits: Trainerin Sandra Kiriasis. Im Exklusiv-Interview verrät sie, warum die Situation eskalierte. Außerdem spricht sie über Zuspruch, verletzte Ehre und die enttäuschende Reaktion ihres Ex-Klubs.

Quelle: WELT

„Ich spürte, dass es ihnen nicht um Halligalli ging, sondern sie es ernst meinten mit dem Bobfahren“, begründete Kiriasis ihr Umdenken, das Edelman im Namen seiner Teamkollegen mit motivierenden Formulierungen bestärkte: „Wir glauben an dich und sind überzeugt, dass du für uns die ideale Trainerin bist.“ Den Worten folgten sogleich Taten. Schon wenige Tage nach ihrem Ja hatte sie einen unterschriftsreifen Vertrag vorliegen – datiert bis März 2022.

Mitte September flog Kiriasis nach Calgary, wo sie von den israelischen Sportlern schon sehnsüchtig erwartet wurde. Auf den Kunsteisbahnen in Nordamerika wollen sie sich bis Weihnachten nicht nur für die am 4. Februar in der chinesischen Hauptstadt beginnenden Wettkämpfe in Form bringen, sondern bei dortigen Rennen auch die erforderlichen Punkte zur Qualifikation für den Saisonhöhepunkt sammeln. Die restlichen Wochen bis zur Abreise ins Reich der Mitte werden sie in Europa verbringen. Außer Edelman, der an den Lenkseilen sitzt, gehören noch fünf Anschieber zum Sextett.

Zwei Tage nach Kiriasis‘ Ankunft in Kanada absolvierten sie die erste Übungseinheit unter der neuen Trainerin, womit sie Geschichte schrieb: Dass ein Nationalteam der Männer von einer Frau gecoacht wird, hat es im Bobsport noch nicht gegeben.

Edelmann verschuldete sich für seinen Traum

Kiriasis ist nun wieder dort in Aktion, wo sie sich am wohlsten fühlt, wo sie die meiste Akzeptanz besitzt, nachdem sie für ihren rührseligen Abstieg ins „Dschungelcamp“ zu Jahresbeginn 2019 doch eher Kopfschütteln geerntet hatte. Allerdings sind die Voraussetzungen, unter denen sie aus den jungen Heißspornen konkurrenzfähige Bobsportler formen möchte, alles andere als leistungsfördernd.

Anders als hierzulande üblich und wie sie es in ihrer glamourösen Karriere als Selbstverständlichkeit erlebt hatte, müssen die Crewmitglieder für alles, was sie tun, selber aufkommen. Ob beim Kauf eines Bobs oder von Kufen, ob für Transport, Unterkünfte, Behandlungen bei Ärzten oder Physiotherapeuten – stets greifen sie in ihre eigene Tasche. Der Verband ist nicht in der Lage, Unkosten abzudecken.

Bob Israel - das Team hat Spaß beim Training. Und noch viel Arbeit vor sich

Bob Israel - das Team hat Spaß beim Training. Und noch viel Arbeit vor sich

Quelle: Sandra Kiriasis

Um seinen Traum und den seines Teams zu verwirklichen, verschuldete sich Edelman, der sich das Skeletonfahren ohne Trainer, nur durchs Studium von Videos auf YouTube beibrachte, mit 300.000 Euro. Mit einem fünfminütigen Promotionsfilm versucht der passionierte Bodybuilder Geld zu generieren. Demnächst soll eine Crowdfunding-Aktion starten. Eine halbe Million Euro wird das Abenteuer die Enthusiasten kosten, die mittlerweile nach Whistler zur Olympiabahn von 2010 weitergereist sind.

„Sandra ist unser Kompass, der uns nach Peking leiten wird“, ist Verbandschef David Greaves überzeugt. Bislang läuft auch alles blendend, schwärmt Kiriasis, deren Schützlinge ihre Söhne sein könnten. Entsprechend respektvoll Verhalten sie sich auch ihrer „Mum“ gegenüber, wie sie von allen liebevoll bezeichnet wird.

Sandra Kiriasis und ihre Athleten - mit viel Engagement dem Traum entgegen

Sandra Kiriasis und ihre Athleten - mit viel Engagement dem Traum entgegen

Quelle: Sandra Kiriasis

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