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Chaos im Springer-Verlag: Sex, Lügen und ein achtkantiger Rauswurf

Bis Montagabend sah es so aus, als könne dem Bild-Chefredakteur nichts und niemand etwas anhaben. Doch dann kam das Aus für Julian Reichelt. Und zwar achtkantig: Er sei mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden worden, teilte der Springer-Verlag mit. An Reichelts Stelle als Vorsitzender der Bild-Chefredaktion rückt Johannes Boie, bislang Chefredakteur der Zeitung Welt am Sonntag.

„Als Folge von Presserecherchen hatte das Unternehmen in den letzten Tagen neue Erkenntnisse über das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen“, so Springer. Man sei  Informationen  nachgegangen. Dabei habe „der Vorstand erfahren, dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat.“

Reichelt, sagte der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, habe „Bild journalistisch hervorragend entwickelt und mit Bild Live die Marke zukunftsfähig gemacht. Wir hätten den mit der Redaktion und dem Verlag eingeschlagenen Weg der kulturellen Erneuerung bei Bild gemeinsam mit Julian Reichelt gerne fortgesetzt. Dies ist nun nicht mehr möglich.“

Neue Anhaltspunkte für Fehlverhalten

„Im Kontext jüngster Medienrecherchen“ seien  dem Verlag „seit einigen Tagen neue Anhaltspunkte für aktuelles Fehlverhalten von Julian Reichelt zur Kenntnis gelangt“. Der Vorstand habe „erfahren, dass Julian Reichelt auch aktuell noch Privates und Berufliches nicht klar trennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat. Deshalb hält der Vorstand jetzt eine Beendigung der Tätigkeit für unvermeidbar.“  Zugleich habe man  rechtliche Schritte gegen Dritte eingeleitet, „die versucht haben, die Compliance-Untersuchung vom Frühjahr mit rechtswidrigen Mitteln zu beeinflussen und zu instrumentalisieren, offenbar mit dem Ziel, Julian Reichelt aus dem Amt zu entfernen und Bild sowie Axel Springer zu schädigen“.

Dabei gehe es „insbesondere um die verbotene Verwendung und Nutzung vertraulicher Protokolle aus der Befragung von Zeugen sowie die Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen und privater Kommunikation“.

Mit der New York Times fing es an

Bis zum späten Montagnachmittag hatte der Vorlauf ganz anders ausgesehen. Die New York Times (NYT) hatte am Sonntag einen umfassenden Bericht über Springer und die Machtmissbrauchsvorwürfe gegen  Reichelt veröffentlicht. Dabei berichtete die Zeitung quasi nebenbei von der umfassenden Recherche eines deutschen Investigativreporterteams, die durch einen deutschen Verleger zwei Tage vor ihrer Veröffentlichung am Sonntag auf Eis gelegt worden sei.

So war es denn auch: Der Verleger Dirk Ippen hatte eine umfassende Recherche des verlagseigenen Investigativ-Teams zu den Akten gelegt, ohne inhaltliche Begründung.

Der Verleger Dirk Ippen.

Der Verleger Dirk Ippen. : Bild: dpa

Wovor hatte Ippen Angst?

Der Hintergrund: Im März hatte die Anwaltskanzlei Freshfields, beauftragt von Springer selbst, wegen möglicher „Compliance-Verstöße“ gegen Julian Reichelt ermittelt. Es ging um den Vorwurf, Reichelt habe private Beziehungen nicht von der beruflichen Sphäre sauber getrennt. Die Folge: zwölf Tage erzwungene Abwesenheit, Wiedereingliederung, eine Entschuldigung. Springer stellte, wie nun abermals betont wird, fest, man habe keine Beweise für sexuelle Übergriffe gefunden.

Es habe gegen Julian Reichelt nie den Vorwurf sexueller Belästigung oder sexueller Übergriffe gegeben. Doch habe es „den Vorwurf einvernehmlicher Liebesbeziehungen zu Bild-Mitarbeiterinnen und Hinweise auf Machtmissbrauch in diesem Zusammenhang“ gegeben. Bewiesen und eingeräumt worden sei „eine frühere Beziehung zu einer Mitarbeiterin von Bild“. Umstritten geblieben sei, „ob dieser Mitarbeiterin dadurch berufliche Vorteile gewährt wurden“.

Das war der Stand in Frühjahr, der sich nun offenkundig dramatisch verändert hat. Anders ist nicht zu erklären, dass Springer Reichelt, auf den gerade  Döpfner große Stücke hält, vor die Tür setzt.

Döpfner kann tanzen

Der Bericht  der New York Times indes ist ein Stück voller Details, die bis zu Mathias Döpfners „beeindruckenden“ Tanzfähigkeiten reichen. Zugleich ist in der Times von Krieg und von „Bunkermentalität“ die Rede, aber auch – in einem Zitat aus einer privaten Nachricht von Mathias Döpfner an den Autor und einstigen Freund Benjamin von Stuckrad-Barre – vom letzten mutigen Rebellen gegen „den neuen autoritären DDR-Staat“. Der Rebell ist Reichelt.