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Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Helios Klinikum: „Im heimischen Umfeld werden Kinder schneller gesund“

Pforzheim. Kinder und Jugendliche sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Die Kinder- und Jugendmedizin hat in Deutschland klinisch und wissenschaftlich einen hohen Stellenwert, zugleich haben große und kleine Kinderkliniken seit Jahren erhebliche wirtschaftliche Probleme bis hin zu Schließungen. Die Pandemie hat kurzfristig mit einer rund 20-prozentigen Verringerung der Klinikaufenthalte die Probleme erheblich verschärft. Gleichzeitig werden gerade bei Kindern oft zeitnahe Diagnosestellung und Therapiebeginn strukturbedingt verzögert. Der Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Helios Klinikum nimmt mit seinem Fachbereich an einem wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekt teil, um Kindern und Eltern zukünftig eine familiengerechtere Versorgung zu ermöglichen. Im Interview erklärt Chefarzt Dr. Kai Siedler – passend zum zu Beginn dieser Woche begangenen Weltkindertag –, warum er sich so engagiert für dieses Thema einsetzt.

PZ: Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Kinder- und Jugendmedizin?

Dr. Kai Siedler: Während des Lockdowns wurden Kindergärten und Schulen vorübergehend geschlossen. Die Sport- oder Musikstunde fiel aus, Kontakte zu Freunden waren beschränkt, Freizeitaktivitäten wurden reduziert. Die Bedürfnisse der Kinder waren über Monate zweitrangig. Laut einer Studie der Universität Hamburg stieg während der Krise das Risiko für psychische Auffälligkeiten auf 31 Prozent. Die Kinder und Jugendlichen zeigten häufiger Auffälligkeiten wie Hyperaktivität, emotionale Probleme und Verhaltensprobleme. Auch wir in Pforzheim mussten erleben, wie die Isolierung von Kindern und Begleiteltern die Familien bei Krankenhausaufenthalten völlig überforderte. Das hat uns gezeigt, dass gerade wir als Kinder- und Jugendmediziner die besonderen Bedürfnisse von Kindern noch mehr ins Zentrum stellen müssen.

Wo sehen Sie dabei den größten Handlungsbedarf?

Eine heliosweite Elternumfrage ergab, dass über 40 Prozent der Eltern länger als einen Monat auf einen Termin beim Spezialisten warten. Nach Vorstellung der Symptome vergehen bei über einem Drittel der Patienten zwei Monate bis zur Diagnose. 20 Prozent der chronisch kranken Kinder bekommen ihre Diagnose sogar erst nach über einem Jahr. Die Wartezeit kann dazu führen, dass Krankheiten nicht frühzeitig erkannt und schwere Verläufe oft nicht verhindert werden können. Kinderschutz bedeutet, genau hier anzusetzen und neue Versorgungsstrukturen zu etablieren. Diesen Ansatz haben wir auch den niedergelassenen Kinderärzten vorgestellt, die sich Strukturveränderungen gegenüber sehr aufgeschlossen zeigen.

Warum ist der Weg von der Diagnose zur Therapie oft so lang?

Schon auf der Suche nach der richtigen Diagnose für ihr krankes Kind brauchen Eltern einen langen Atem. Denn bis Kinder die richtige Diagnose erhalten, müssen die Familien häufig viele verschiedene Spezialisten aufsuchen. Das kostet nicht nur Zeit, sondern ist für viele Eltern auch schwer in den Alltag zu integrieren. Der Hälfte der befragten Eltern ist deshalb ein fachübergreifendes Angebot unter einem Dach wichtig.

Wird eine stationäre Behandlung erforderlich, ist es für Familien mit mehreren Kindern kaum zu realisieren, dass ein Elternteil für mehrere Tage bei dem betroffenen Kind in der Klinik bleibt. Nur weniger als fünf Prozent der befragten Eltern ziehen einen stationären Krankenhausaufenthalt der ambulanten Behandlung vor. Deshalb wollen wir in Bereichen, in denen es möglich ist, die ganzheitliche, fachübergreifende Diagnostik und Therapie in den ambulanten Bereich verlagern.

Was bedeutet das konkret? Können Sie dies an einem Beispiel erklären?

Die Vermeidung stationärer Aufnahmen zugunsten tagesstationärer Behandlungen durch eine Umorganisation des klinischen Alltags rund um die Bedürfnisse der Kinder und Familien haben in unserem Projekt oberste Priorität. Wenn ein Kind beispielsweise über einen längeren Zeitraum immer wieder über Bauchschmerzen klagt, erfassen wir im Rahmen einer ambulanten Vorstellung zunächst die Krankengeschichte und untersuchen das Kind. Anschließend wird die notwendige Diagnostik, von den Laboruntersuchungen über die Magenspiegelung bis hin zu bildgebenden Verfahren, festgelegt und durchgeführt. Hierbei ist uns ein ganzheitlicher Ansatz wichtig: Wenn nötig, führen wir auch psychologische Gespräche, um die Ursachen solcher Beschwerden zu ergründen. Die Ergebnisse werden ebenfalls ambulant mit den Eltern besprochen. Die Therapien können dann in Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kinderärzten erfolgen.

Gehört zu diesem neuen Ansatz in der Kinder- und Jugendmedizin auch Telemedizin?

Auf jeden Fall, Digitalisierung ermöglicht uns neue Kommunikationswege über die Entfernung hinweg. So können wir in digitalen Fallkonferenzen, etwa innerhalb unseres deutschlandweiten Helios Netzwerkes mit 89 Kliniken, die entsprechenden Spezialisten zurate ziehen. Ob darüber hinaus eine telemedizinische Sprechstunde auch für Eltern und ihre kranken Kinder, so wie wir es bereits aus anderen Fachbereichen kennen, sinnvoll ist, soll in diesem Zusammenhang geprüft werden.

Wie geht es nun weiter?

Wir haben uns in der Pilotphase für ausgewählte Bereiche entschieden, mit denen wir diese Strukturveränderungen anstoßen wollen. Unser Wunschbild sind Ein-Tages-Zentren, in denen Kinder ambulant versorgt werden und somit alle erforderlichen Untersuchungen an einem Tag stattfinden können.

Rechnen Sie damit, dass die Krankenkassen als Kostenträger und die Politik diesen Weg mitgehen werden?

Auch Gesundheitsexperten und Krankenkassen wissen, dass es eine Vielzahl an Besonderheiten in der Kinder- und Jugendmedizin gibt, die derzeit nicht erfasst und vergütet werden können. Dieser Mangel führt zu einer Unterfinanzierung von qualitativ guter und ganzheitlicher Kinder- und Jugendmedizin. Kinder sind immer wieder die Leidtragenden und das nicht nur in der Pandemie. Oft gibt es keine richtige Anlaufstelle, deshalb haben wir das Projekt „Kind im Zentrum“ ins Leben gerufen.

Nach den Wahlen werden wir auch auf die Politik zugehen. Es soll sich etwas bewegen, auch wenn die beteiligten Kliniken zunächst Geld verlieren werden, weil eine stationäre Versorgung viel besser mit den Krankenkassen abgerechnet werden kann als eine ambulante. Auch den Kostenträgern und Politikern ist klar, dass Kinder schneller im heimischen Umfeld gesund werden.

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