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Chilly Gonzales: „Wenn das Publikum ein Album nicht liebt, ist das meine Schuld“

Chilly Gonzales, die Kunst, sich neu zu erfinden, haben Sie gemeistert. Warum ist es für Sie so wichtig, immer wieder neu anzufangen?

Ich habe keine Wahl. Das ist ein Charakterdefekt von mir, dass ich immer eine andere Person sein muss. Ich flüchte vor meiner Vergangenheit und ich muss immer Fehler machen, denn ich kann nur lernen, wenn ich viele Fehler mache. Für viele Künstlerfreunde von mir war die Pandemie das erste Mal, dass sie auf eine Krise reagieren mussten. Wie kann ich etwas fühlen, wenn ich nicht auf der Bühne stehen kann? Das Problem hatte ich nicht, ich hatte so viele Krisen und Fehler hinter mir, dass ich keine Angst davor hatte, einen anderen Weg finden zu müssen.

Sie haben schon häufiger darüber gesprochen, wie wichtig es ist, nicht nur Künstler zu sein, sondern auch Entertainer und Unternehmer.

Ja, weil ich schon in Kanada meine Erfahrungen mit einer großen Plattenfirma gemacht hatte. Wenn diese Firma einen Fehler macht, kann ich nicht von ihm lernen. Ein Fehler, der nicht mein Fehler ist, ist wertlos. Ich brauche die Kontrolle, sonst bin ich nur das Opfer, und niemand will ein Opfer sein. Ich muss also Unternehmer sein. George Bush junior hat einen berühmten Satz gesagt: „Die Franzosen haben für alles ein Wort, außer für Entrepreneur.“

401

401 Jahre – „It’s always day one“.

Schaut man sich Ihre offizielle Biografie auf Ihrer Internetpräsenz an, beginnt die mit dem Umzug nach Berlin. War das Ihr wichtigster Neuanfang?

Das war meine erste Neuerfindung. Chilly Gonzales ist 1998 in Berlin geboren. Der Name, der auf meinem Impfpass steht, ist Jason Beck. Chilly Gonzales ist nicht geimpft.

Das war also der Moment, in dem Sie die Kontrolle übernommen haben?

Mein Ziel 1998 war, mehr und mehr ich selbst zu werden. Viele Entertainer lassen bewusst eine Leerstelle, in die das Publikum dann alles, was es will, hineinprojizieren kann. Wir wissen nicht wirklich viel über Beyoncé. Um ein großer Mainstream-Entertainer zu werden, musst du leer sein. Dann kannst du universalen Applaus bekommen. Ich kann das nicht. Ich muss für meinen Erfolg schwer zu verstehen sein. Ich bin voll.

Führen Sie mich noch einmal zurück zu dem Augenblick Ihrer Neugeburt. Sie kommen nach Berlin, ohne ein Wort Deutsch zu können, um sich zu finden. Hat das sofort geklappt, hatten Sie vorher die Weichen gestellt?

Nein, das war nur ein Gefühl, das mir gesagt hat, dass Berlin für mich ein Spielplatz sein könnte. Wenn man in einen anderen Kontinent, in ein anderes Land, in eine andere Stadt umzieht, muss man sich selbst mehr Aufmerksamkeit schenken. Du sitzt in der U-Bahn, verstehst kein Wort, da bleibt dir als einzige Option, dich selbst zu verstehen. In Kanada kannte ich alles, hatte alles analysiert: Wer ist erfolgreich und warum. In Deutschland blieb mir nur mein Instinkt. Ich brauchte diese Erfahrung, nicht sofort alles verstehen zu können. Ich empfehle das auch anderen Musikern. In meiner Heimatstadt Toronto hatte ich Erfolg, darauf war ich stolz. Ohne diesen Stolz, befreit von der Notwendigkeit, in meiner eigenen Umgebung groß zu tun, konnte ich besser zu mir selbst finden. Ich hatte keinen Stolz mehr, nur meinen Instinkt.

Nun ist Chilly Gonzales keine starre Kunstfigur. Er hat sich ebenfalls verändert. Vom Hipster-Rabauken zum Klaviervirtuosen …

… ja, das war 2004, die Solo-Piano-Platte. Aber auch das ist nicht bewusst geschehen. Ich dachte, ich könnte vielleicht eine andere Seite meiner musikalischen Welt zeigen. Erwartungen hatte ich keine. Und die Lehre aus dem Erfolg von „Solo Piano I“ bestand auch nicht darin, für den Rest meiner Karriere nur noch Klavieralben aufzunehmen. Die Lehre ist, sich instinktiv immer wieder neu zu erfinden. Einen Erfolg wiederholen zu wollen, das ist immer schwach.

Direkt nach „Solo Piano“ haben Sie „Soft Power“ veröffentlicht, eine Hommage an die Radiohits Ihrer Kindheit. Ein Flop. Kann man wirklich aus jedem Fehler lernen?

Man kann immer lernen. Wenn das Publikum ein Album nicht liebt, ist das meine Schuld. Mein Publikum hat immer recht. Das ist kein Grund, zynisch zu werden und den Leuten genau das zu geben, was sie wollen. Es bedeutet nur, dass ich noch weitersuchen muss, nach dem, was ich ihnen präsentieren will, von dem sie vielleicht noch gar nicht ahnen, dass sie es brauchen.

Man lernt viel in Ihren Konzerten, Sie geben gewissermaßen Musikunterricht. Kann man sich sein Publikum auch erziehen?

Mit meinen Konzerten oder meiner Masterclass auf YouTube versuche ich, meine Musik inklusiv zu machen. Die Götter der Musik wollen, dass wir die Musik teilen. Meine Stücke haben selten Gesang und wenig Worte. Manchmal brauchen die Leute da noch andere Eintrittspunkte. Ich will keine seriöse Rezitation, die Leute sollen nicht denken: Ah, jetzt spielt er Klavier, jetzt ist er nicht mehr witzig. Nein, ich bin immer noch witzig, ich bin immer noch ein Arschloch, all die alten Chilly-Gonzales-Eigenschaften sind noch da. Bleibt die Frage, wie stelle ich eine Verbindung zum Publikum her? Für viele reicht Musik allein völlig aus, aber für einen Menschen wie zum Beispiel meinen Vater nicht. Wenn der in eine Kunsthalle geht und eine Malerei von Mark Rothko sieht, ist er unsicher. Weil es keine Figuren gibt, keine oberflächliche Geschichte. Aber wenn er den kleinen biografischen Absatz liest, der ihm erzählt, welche Krisen Rothko durchgemacht hat, dass er ein Alkoholiker war, dann versteht mein Vater diese Malerei. Für diese Menschen gebe ich meine Masterclass. Ein Pianostück ist ja auch abstrakte Kunst.

Was passiert mit den Personas von Jason Beck, die Sie ablegen? Wo ist der Indie-Rocker mit der rasierten Glatze hin?

Die entwickeln sich weiter. Ich entscheide nicht von einem Tag auf den nächsten, ein anderer Mensch zu sein. Das geschieht unmerklich über einen längeren Zeitraum. Der Performer, der bereit ist, dem Publikum einen Schlag ins Gesicht zu verpassen, nur um eine Reaktion zu bekommen, der kommt manchmal noch raus. Denken Sie daran, wie Sie als Teenager waren, dieser Teil von Ihnen existiert doch auch noch irgendwo. Chilly Gonzales ist der Name, der mir hilft, das zu erreichen, was ich erreichen will. Aber Chilly und Jason sind nicht zwei verschiedene Personen.

Vor ein paar Jahren haben Sie mit einen Wettbewerb nach einem neuen Chilly Gonzales gesucht. War das eine Variation auf das Doppelgänger-Motiv der Romantik, oder waren Sie Chilly wirklich leid?

Auf jeden Fall Ersteres. Mir war von Anfang klar, dass das nicht klappen konnte? Das war der Punkt. Das ist natürlich eine Fantasie, die jeder Künstler pflegt: Vielleicht gibt es ja Teile des Jobs, die ich nicht selbst übernehmen muss. Ich wollte damit zeigen, dass ich die Tatsache akzeptiert habe, dass ich Geschichten erzählen muss, damit meine Musik funktioniert. Auch für andere Musiker wird es mit jedem Jahr wichtiger, Geschichtenerzähler zu werden. Das sieht man ganz deutlich, wenn man Musikern auf Instagram folgt: Wer hat seine eigene Geschichte unter Kontrolle? Wer hat verstanden, dass er Mythen bilden muss, um seine Musik zu ermächtigen?

Im Sommer haben Sie sich mit einer Single zurückgemeldet: „Music Is Back“. Das Video dazu kann man sich kaum angucken, ohne ein paar Tränen der Rührung zu vergießen. Haben Sie das Stück aus Hoffnung oder aus Trotz geschrieben?

Nein, das war ein ganz großes Gefühl in mir drin. Der Wunsch, dass die Musik zurückkommt. Ich habe das im April, oder Mai 2021 geschrieben. Dieser Satz, „Music is back“, ist so einfach, ja simpel. Aber ich habe gelernt, dass eine ganz simple Phrase große Wirkung erzielen kann. Das erste Mal, dass ich „Music is back“ auf der Bühne gesagt habe, das war ein paar Tage nach dem Anschlag auf das Bataclan in Paris. Zufällig hatte ich drei oder vier Tage nach den Terrorattacken ein Konzert in den Folies Bergères. Wir haben die Lichter im Zuschauerraum angelassen, damit sich jeder sicher fühlen konnte, und am Ende des Konzerts habe ich spontan gesagt: „Music is back, motherfuckers!“ Das Publikum ist ausgeflippt. Da habe ich die Kraft dieses einfachen Satzes begriffen.

„Music is back“ — mit dem Zusatz „Baby“ — haben Sie auch im Sommer 2020 bei Ihrem Konzert im Tanzbrunnen gerufen.

Stimmt. Danach habe ich den Satz monatelang im Hinterkopf gehabt, mich gefragt, wie sich das als Song anhören könnte. Das ist übrigens mein erster Rap-Song seit zehn Jahren. Normalerweise rappe ich immer nur über mich, aber „Music is back“ ist größer als ich, das ist für die Götter der Musik.