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Corona-Impfung: Starnberger Arzt hört frustriert auf - Entwicklung im Landkreis insgesamt aber positiv

Sie finden kaum jemanden mehr, der die Spritze will oder braucht: Deshalb stellt so mancher Arzt im Landkreis das Impfen ein. Aber diese Einzelfälle täuschen über die positive Gesamtentwicklung in der Region hinweg, sagt der Ärztliche Koordinator in der Pandemie, Dr. Bernhard Junge-Hülsing.

Landkreis – Der Starnberger Orthopäde Dr. Helmut Weinhart hörte schon vor einigen Wochen mit dem Impfen auf. „Zwei Mitarbeiterinnen haben zusammen sechs Stunden telefoniert, um sechs Leute aufzutreiben, damit wir ein einziges Fläschchen von Biontech loswerden“, berichtet er. Sein Eindruck: „Man findet fast niemanden mehr, der geimpft werden will.“ Vielen seiner Kollegen gehe es ähnlich, sagt Weinhart. Der Arzt zog die Konsequenzen und hängte einen Zettel an die Gemeinschaftspraxis: ab sofort keine Erstimpfungen mehr. Die Impfmüdigkeit, die Impfgegner, die Ignoranz, die Medien und das Astrazeneca-Totgerede – so werde das nichts mit der Herdenimmunität. Er habe sogar Impfstoff wegschütten müssen. Auch das steht auf dem Zettel. Weinharts Hintergedanke: „Mit dem etwas provokanten Text wollte ich den einen oder anderen doch noch überzeugen.“ Die Wirkung war gering. Und die Frustration ist riesig bei Weinhart, der über ungeimpfte Kroatien-Urlauber aus seinem Umfeld schimpft. Er und seine Kollegen hätten sich den „Arsch aufgerissen“ – aber nun würden die zahlreichen Bequemen und Egoistischen die Rückkehr zur Normalität verhindern.

Deutschlandweit ist von Impfmüdigkeit die Rede. Dass engagierte Ärzte wie Weinhart hinschmeißen, dass das BRK am Samstag in Seefeld eine Impfaktion aus mangelndem Interesse absagte, sind klare Belege dafür, oder? Dr. Bernhard Junge-Hülsing, Ärztlicher Koordinator für den Landkreis in der Pandemie, relativiert diesen nachvollziehbaren Reflex. Er verweist darauf, dass derzeit in den Praxen insgesamt täglich 150 bis 200 Erstimpfungen und 1000 bis 1500 Zweitimpfungen verteilt werden. In seiner eigenen HNO-Praxis in Starnberg drücke er 30 bis 60 Spritzen pro Tag in Oberarme. „Einige Augenärzte, Dermatologen oder Rheumatologen hören jetzt auf. Aber vor allem die Hausärzte impfen weiter“, so Junge-Hülsing.

Von zehn Bürgern über 18 Jahre sieben bis acht mindestens einmal geimpft

Im Laufe des Monats Mai stieg die Zahl der Erstimpfungen noch um rund 25 000, im Juni um zirka 12 000 und im Juli nur noch um etwa 6500. Es läuft schleppender, weil der Pool derer, die sich noch impfen lassen könnten, immer kleiner wird. Geschätzt sind das zwischen 20 000 und 25 000 Menschen. Das bedeutet im Umkehrschluss aber: Von zehn Landkreis-Bürgern über 18 Jahre sind sieben bis acht mindestens einmal geimpft. Als offizielle Erstimpfquote gibt das Starnberger Impfzentrum 64,2 Prozent an. Sie bezieht sich auf die Bevölkerungszahl. Zieht man Kinder unter zwölf Jahre, für die es noch kein Angebot gibt, und die rund 5000 Genesenen ab, nähert sich die Quote der Immunisierten den 80 Prozent. „Ich bin angenehm überrascht“, sagt Junge-Hülsing deshalb. Aus Sicht des Ärztlichen Koordinators ist die Gesamtentwicklung im Landkreis klar positiv – auch bei den 12- bis 17-Jährigen. Von dieser Gruppe sei mittlerweile etwa ein Drittel geimpft.

Für den Orthopäden Weinhart ist das Impfen eine ärztliche, nicht nur eine hausärztliche Gemeinschaftsaufgabe, wie er betont. Mehr als 1000 Patienten habe er Vakzine gespritzt. Lange lief es zäh. Und ausgerechnet, als der 62-Jährige endlich so viel Impfstoff bestellen konnte, wie er wollte, wurde er ihn nicht mehr los. Junge-Hülsing merkt an, dass ein Orthopäde in der Regel eher ältere Patienten habe, von denen viele bereits geimpft seien.

Auch bei Dr. Markus von Rebay nahm die Nachfrage in den vergangenen Wochen deutlich ab. Zwar fragt der Gilchinger Internist noch immer jeden Patienten, aber die Antworten klingen oft ähnlich: „Der Großteil der Leute ist schon geimpft oder gehört zu der Gruppe, die sich sowieso nicht impfen lassen will.“ In von Rebays Praxis ist nun wieder etwas mehr Ruhe eingekehrt. Zwischenzeitlich habe das Impfen neben dem Normalbetrieb die Praxis an den Rand des Erträglichen gebracht. „Wenn das Telefon an einem Nachmittag 90-mal klingelt, wird es heftig.“ Mittlerweile ist von Rebay hauptsächlich mit Zweitimpfungen beschäftigt, aber auch Erstimpfungen verteilt er nach wie vor. Trotz der Umstände: Sobald er eine Ampulle von Biontech öffnet, hat er nur wenige Stunden Zeit, ehe das Vakzin unbrauchbar wird. Meistens findet er in dieser Zeit nicht genügend Impfwillige, also sechs oder sieben. Sei’s drum, findet er: „Dann muss ich eben Impfstoff wegwerfen. Lieber sind unterm Strich drei Leute mehr geimpft – das zählt für mich.“

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