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Corona-Pandemie: Irgendwann muss es doch besser werden!

Was hatte man sich vergangenen Dezember nicht alles erhofft für das Jahr 2021. Der Impfstoff war damals schon in greifbarer Nähe. Er sollte uns rausführen aus dieser Pandemie. Endlich. All das, was monatelang nicht möglich war, sollte 2021 wieder klappen. Ach, was heißt, wieder klappen, es sollte einfach alles wieder so sein wie vor dem Moment, als das Virus seinen Weg um die Welt begann. Die Zuversicht war groß. Zigmal hatte man 2020 den Satz gehört und mitunter selbst gesagt: „Nächstes Jahr, wenn alles vorbei ist, dann machen wir wieder, was jetzt nicht möglich ist.“ Volle Konzerte, ausgiebiges Reisen, Weihnachtsfeiern im Betrieb und Sportverein, ausgelassene Hochzeiten, angstloses Umarmen und unbeschwerte Begegnungen.

Lucia Schmidt

Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Nun neigt sich 2021 dem Ende zu, und von einer Normalität, selbst einer neuen, einer, in der man eben mit dem Virus lebt, sind wir weit entfernt. Stattdessen ist Deutschland erschöpft, erschüttert, enttäuscht. Monatelang wurde gehofft, geimpft, getestet. „Irgendwann“, so der immer wieder motivierende Appell an sich selbst, an Kollegen, Freunde und Familie, „irgendwann muss es doch besser werden.“

Aber eins kann man mit Sicherheit, jetzt Anfang Dezember, sagen: 2021 wird es nicht mehr besser. Fassungslos schaute Deutschland wochenlang auf Inzidenzen, die Richtung Himmel wuchsen. Im Sommer wollte keiner mehr den Impfstoff, jetzt fehlt er wieder an allen Enden. Was die Wissenschaft seit Monaten sagt, wollte offensichtlich die Politik nicht hören. Und während man sich beriet und vertagte, breitete sich mitten in die vierte Welle hinein – erst ganz unbemerkt, dann offensichtlich – eine „besorgniserregende“ Virusvariante aus. Nicht nur die Panikmacher, sondern auch nüchterne Wissenschaftler sprechen bei Omi­kron von einem worst case.

Wieder kein Glühwein mit Kollegen

Irgendwie kommt immer noch eins drauf – dieser Gedanke ist gerade in den vergangenen Tagen nicht mehr zu unterdrücken gewesen und lässt viele einfach nur noch abgekämpft schnaufen. Statt endlich wieder mit den Kollegen Glühwein zu trinken, sitzen auch in diesem Dezember alle wieder allein im Homeoffice. Statt neugierig durch die weihnachtlich geschmückten Geschäfte zu ziehen, bangt man darum, ob der eigene Impfschutz noch bis zum Booster ausreicht. Während man überlegt, ob Heiligabend wieder ohne Besuch von weit weg stattfinden muss, werden quer durch die Bundesländer schwer kranke Patienten verlegt. Bis zum Wochenende hat unser Land 102.568 Corona-Tote zu betrauern, seit Beginn der Pandemie haben sich hier mehr als sechs Millionen Menschen mit dem Virus infiziert. Erschreckend hohe Zahlen. Wir kommen gerade nicht mehr gut durch die Krise.

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2021 war nicht das Jahr, in dem wir all die Gutscheine und Gutschriften von abgesagten Veranstaltungen und stornierten Ferienwohnungen aus 2020 endlich einlösen konnten. 2021 war das Jahr, in dem der Blick auf die Inzidenzen so zur morgendlichen Routine wurde wie das Zähneputzen. Jetzt sind es die Hospitalisierungsraten.

Eine ganz neue, ganz persönliche Risikoabwägung

Ziffern, Daten, Regeln, gepaart mit dem ganz individuellen Willen, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen: Das entschied 2021, was wir machen durften und konnten. Die einen trauten sich mehr, die anderen waren das ganze Jahr hindurch vorsichtig. Eine ganz neue, ganz persönliche Risikoabwägung bestimmte plötzlich den Alltag. Ostern, der eigene Geburtstag, die Einschulung der Enkel und der so sehr herbeigesehnte Beginn der Sommerferien – zum zweiten Mal fand all das unter Pandemiebedingungen statt. Schien dem Leben 2020 die Leichtigkeit und Spontanität nur abhandengekommen, ist beides 2021 völlig verloren gegangen. Ohne Impfzertifikat und Maske in der Tasche braucht man das Haus nicht mehr zu verlassen.

Wie lange uns der Mund-Nasen-Schutz wohl noch erhalten bleibt?

Wie lange uns der Mund-Nasen-Schutz wohl noch erhalten bleibt? : Bild: dpa

Nur kurz, einige Wochen im Sommer, da keimte es mal auf, dieses wieder freiere Leben trotz Virus. Draußen war vieles möglich, Geimpfte fühlten sich sicher, die Inzidenzen waren einstellig. Doch mit diesem bitteren Herbst kam eine neue Frage auf: Was eigentlich, wenn Corona niemals wieder endet?

Die Wissenschaft hatte in Aussicht gestellt, dass wir 2022 von der Epidemie endlich in die Endemie kommen. Einen Zustand also, in dem das Virus zwar weiter da ist und auch regelmäßig zu saisonalen kleineren Ausbrüche führt, auch durchaus zu schweren Verläufen; durch eine ausreichende Immunisierung der Gesellschaft – ob geimpft oder genesen – steigen die Fallzahlen aber nicht mehr so stark an, dass das Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt. Ist mit Omikron selbst diese Aussicht nicht mehr haltbar?

Mit Vorbehalten blicken wir auf 2022

Der Verlauf der Pandemie hat uns schmerzlich gelehrt, es kann schlimmer kommen, als man denkt. „Nur noch einmal durchhalten“ – der Appell von politischer Seite wirkt mittlerweile mehr als unglaubwürdig. Ob sie selbst noch daran glaubt? Das alles führt dazu, dass man in das Jahr 2022 mit jeder Menge Vorbehalte geht. Den Satz: „Nächstes Jahr machen wir wieder, was jetzt nicht möglich ist“, hört man schon gar nicht mehr. Pläne werden vorsichtig geschmiedet. Gehen sie nicht auf, ist die Enttäuschung nicht mehr allzu groß.

Die Silvesternacht ist die große kollektive und auch persönliche Zäsur im Jahresverlauf: diese eine Nacht, nach der ein blankes neues Jahr vor einem liegt, das noch für sich behält, welche schönen Überraschungen, aber auch welche Schicksalsschläge es bereithalten wird. Ein Jahr, das noch gestaltet werden kann, das neue Räume, Sichtweisen und Chancen bietet. So, wie 2021 die Impfung wirklich kam. Hätten wir sie nicht gehabt, wäre 2021 anders verlaufen. Noch düsterer. Vielleicht brauchen wir in diesem Jahre genau diese Silvester-Zäsur noch mehr als sonst, um wieder zuversichtlich zu werden, um wieder klarer zu sehen, dass viele auch in den schweren Zeiten Verantwortung übernommen und die Forschung vorangetrieben haben. Und um 2022 besser zu machen, was 2021 versäumt wurde.