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„Crossroads”: Jonathan Franzen über eine Pastoren-Familie ohne Moral

Heiß auf eine knusprige Witwe – Russ Hildebrandt, evangelischer Pastor in der erstaunlich freigeistigen Gemeinde einer Chicagoer Vorstadt, ist eher gewillt, seinem testosteron-flimmernden Herzen zu folgen denn einem gewissen Gebot Nummer sechs, das Ehebruch ablehnend behandelt.

„Sie auch nur ein einziges Mal zu besitzen schien jeden Preis wert, den Gott ihn später dafür zahlen lassen würde“, heißt es im Roman „Crossroads“ von US-Romancier Jonathan Franzen zu Russ‘ „Schärfegrad“ und Midlife-Crisis. Gattin Marion hungert und raucht sich parallel auf ihr Jungfrauengewicht herunter, um eine Jugendliebe recyceln zu können. Die vier Pastoren-Kinder – knapp vor, in und kurz nach der Pubertät – sind von hyperaktiven Talgdrüsen und den Kobolden der Querköpfigkeit heimgesucht.

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So gefühlschaotisch geht’s zu im neuen Breitband-Werk des 62-jährigen Franzen, den die literarische Welt seit dem Bestseller „Korrekturen“ (2001) für akribische Demontagen dysfunktionaler Mittelstands-Familien und ausgiebige Epochen-Verhöre rühmt. Unter gut 800 Seiten macht es der Ami-Dickens auch in diesem ersten Teil einer Trilogie mit dem beinah anmaßenden Titel „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“ über drei Generationen nicht.

Empathie-Training, Schrei- und Umarmübungen

In den frühen 1970ern, den nixonesken US-Jahren, leben seine Hildebrandts moralisch von der Hand in den Mund. Aus Liebe wird Lüge, Rivalität. Die Familie droht auseinanderzubrechen. Pfarrer Russ neigt zu Larmoyanz und erweist sich als schlecht im Schlechtsein, doch rege in der Seitensprung-Angelegenheit.

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Ihm fehlen Gossen-Erprobtheit und eine Hipheit, die nötig sind, um von fromm-freien Teenagern nicht weggeklickt zu werden. Die stehen neuerdings auf Empathie-Training, Schrei- und Umarmübungen. Was Russ auch in eine Glaubenskrise schlittern lässt. Seine klägliche Ehe, ein Mix aus Gewohnheit und Pflicht, tun ein Übriges.

Die Meinung, dass ihre Beziehung zu einem Arrangement verkommen ist, dürfte so ziemlich das Einzige sein, worin Marion mit Russ noch einig ist. Diese Frau ist mit allerlei Komplexen ausgestattet und hat Geheimnisse: Verkorkste Männer-Geschichte in jungen Jahren, Abtreibung, Aufenthalt in der Klapse.

Jonathan Franzen trennt seine Schäfchen von der Herde, um ihre Porträts genüsslich auszubreiten. Perspektive wechselt. So zum ältesten Sohn Clem, der das Studium schmeißt. Er will in den Vietnam-Krieg ziehen. Nicht, weil er dessen Befürworter wäre – er sieht seine Zurückstellung als unfair gegenüber anderen. Mit Schwester Becky verbindet Clem eine heikle Geschwister-Zuneigung.

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Die verknallt sich derweil in einen Schönling mit Folk/Rock-Star-Potenzial und findet die Eltern fortan nur noch „voll daneben“. Der jüngere Bruder Perry erwägt gute Taten, also kein „Gras“ mehr an Siebtklässler zu verticken, experimentiert aber (schicksalhaft) selbst mit einer neuen Droge: Kokain.

Hippies mutieren zu idealistischen Witzfiguren

Es ist die Phase, da man noch Beatles hört, schon Yes-Songs. Hippies mutieren zu idealistischen Witzfiguren. Sartre steht auf der Leseliste, der Kommunismus ist Gesprächsthema. Religion, die Ehe-Institution, Fragen der Moral – nichts scheint vor Identitätsdiskussionen sicher. Eine Zeitenwende. Mittendrin: Das Hildebrandt-Sextett mit einem Schwarm an Freunden und Feinden. Reich an Konflikten, Tragödien, desillusionierenden Erfahrungen.

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Jonathan Franzen legt in „Crossroads“ die Ursprünge von Debatten frei, die heute geführt werden. Das tut er in bekannter Manier: Mit einer – inklusive dramatischer Zuspitzung – komplett durchkalkulierten Prosa in einem Stil, den seine Fans „bewährt konservativ“ nennen mögen. Ein Literatur-Erfinder ist an diesem Groß-Schriftsteller nicht verloren gegangen. Keine Verrätselungen, keine Verschlüsselungen. Franzen-Längen sind legendär. Dass es trotz Weitschweifigkeit, Detailverliebtheit und eines alles wissenden/erklärenden Erzählers kaum Wegnick-Momente gibt, darf als hohe Kunst geschätzt werden. In diesem Großroman kann sich der Leser für einige Wochen häuslich einrichten.

Jonathan Franzen: Crossroads