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Dem Tod auf der Schippe: Mann aus Frieda gräbt Fliegerbombe in Göttingen aus

Kann seinen zweiten Geburtstag feiern: Baggerfahrer Tino Ibold aus Meinhard-Frieda hat am 7. Oktober auf einer Baustelle in Göttingen ahnungslos eine britische Fünf-Zentner-Fliegerbombe ausgegraben. Hier steht er mit seiner Frau Marlis in seinem Garten.

Als der 47-jährige Baggerfahrer Tino Ibold aus Frieda am 7. Oktober nach Göttingen zu seiner Baustelle fährt, ahnt er nicht, dass das beinahe sein letzter Tag gewesen wäre.

Frieda/Göttingen – Dass Gott doch noch Pläne mit Tino Ibold hatte, wurde dem 47-jährigen Baggerfahrer aus Meinhard-Frieda erst so richtig bewusst, als er am 8. Oktober auf Facebook ein Interview mit dem Sprengmeister Thorsten Lüdeke vom Kampfmittelräumdienst (KBD) liest, der über ihn sagt: „Der Mann kann jetzt noch einmal seinen Geburtstag feiern.“

Lüdeke und sein Team hatten in der Nacht zuvor im Alten Botanischen Garten am Weender Tor in Göttingen eine britische Fünf-Zentner-Fliegerbombe erfolgreich entschärft. Ebenjenen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, den Tino Ibold am Donnerstagmorgen mit seinem Bagger ausgräbt – nicht ahnend, was er sich da auf den Löffel buddelt.

Göttingen: Baggerfahrer aus Frieda gräbt Bombe aus – „Ich dachte, es sei ein Betonfundament“

Tino Ibold hat 25 Jahre Berufserfahrung, seit 20 Jahren arbeitet er bei der Firma Küllmer-Bau als Baggerfahrer. Am Morgen des 7. Oktober fährt Ibold auf die Baustelle nach Göttingen, wo die Firma neue Entwässerungskanäle auf dem Unigelände baut. Gegen 7.30 Uhr steigt Ibold auf seinen Bagger. Gleich zu Beginn stößt er mit seiner Schaufel in etwa vier Meter Tiefe auf ein Hindernis.

„Ich dachte, dass es sich vielleicht um ein altes Betonfundament handelt“, erzählt er. Also stößt, klopft und zieht er mit der Schaufel immer wieder an dem harten Gegenstand. „Irgendwann konnte ich druntergreifen und hatte den Klotz mit jeder Menge Erde drumherum im Löffel.“

Er dreht seinen Bagger um und schmeißt die Fracht auf den für den Aushub bereitstehenden Lkw. Erst als das Teil auf die Ladefläche kullert, löst sich die tonige Erde, die den Gegenstand bis dahin umschlossen hatte. „Als sich die Erde gelöst hatte, hab ich die Spitze mit dem Zünder gesehen und da war mir klar, dass wir es mit was Gefährlichem zu tun haben“, berichtet Ibold.

Göttingen: 20.000 Menschen mussten nach Bombenfund evakuiert werden

Der Lkw-Fahrer und zwei weitere Kollegen entfernen sich etwa 50 Meter und alarmieren die Polizei, die zehn Minuten später eintrifft. Ein Polizeibeamter klettert auf Ibolds Bagger, macht von dort aus Fotos von dem Blindgänger.

Und dann geht in Göttingen alles ganz schnell – innerhalb kürzester Zeit werden in einem Radius von einem Kilometer rund 20 000 Menschen evakuiert, der Verkehr steht still, der Kampfmittelräumdienst rückt an. „Wir standen dann noch eine Weile ein bisschen verloren auf der Baustelle rum und sind dann zu einer anderen Baustelle gefahren, um dort weiterzuarbeiten.“

So landete die 250-Kilo-Bombe auf der Ladefläche des Lkw: Der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg lag in vier Meter Tiefe im Erdreich auf dem Unigelände in Göttingen am Weender Tor.

Entschärft wird die Bombe 14 Stunden später. Den Ein-Kilometer-Radius beschreibt der Sprengmeister als dringend notwendig, da Splitter solcher Bomben so weit fliegen können. Was alles hätte passieren können, erklärte Sprengmeister Lüdeke am vorigen Freitag auf einer Pressekonferenz in Göttingen.

Bombe in Göttingen ausgegraben: „Ich könnte jetzt Witwe sein“

Wäre die Bombe mit einem sogenannten Langzeitzünder ausgestattet gewesen, hätte Ibold „das letzte Mal auf seinem Bagger gesessen“. Der Blindgänger, den Ibold mit seinem Bagger ans Licht gehoben hatte, war mit einem sogenannten Aufschlagzünder ausgestattet, aber auch da schaudert es Ibold: „Ich hätte den Zünder nur einmal kräftig mit dem Bagger berühren müssen.“

So richtig realisieren Tino Ibold und seine Frau Marlis erst am darauffolgenden Wochenende nach dem Bombenfund, welchem Schicksal sie beinahe wie durch ein Wunder entkommen sind. Marlis Ibold sagt: „Ich will mir das Allles gar nicht vorstellen, ich könnte jetzt Witwe sein.“

Ab nächste Woche wird Tino Ibold wieder im Botanischen Garten in Göttingen weiterbaggern. Es könne schon sein, dass ihm etwas „mulmig“ werde, sollte er mit seiner Schaufel wieder auf Widerstand stoßen. Andererseits weiß er, dass der Kampfmittelräumdienst die gesamte zurückliegende Woche das Gelände noch mal gründlich sondiert hat.

Seinen Geburtstag will Tino Ibold nicht jetzt, aber auf alle Fälle am 7. Oktober 2022 zum zweiten Mal feiern.

Am kommenden. Dort gibt es zahlreiche Punkte, an denen möglicherweise Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet werden. (Stefanie Salzmann)

Drei erfahrene Sprengmeister kamen 2010 ums Leben

Der Zweite Weltkrieg fordert auch viele Jahrzehnte nach seinem Ende noch Todesopfer. Bei einer Bombenentschärfung am 1. Juni 2010 kamen in Göttingen drei Sprengstoffexperten ums Leben, sechs weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Detonation des Blindgängers war damals in der ganzen Stadt zu hören. Dass es vor zehn Jahren nicht noch mehr Opfer gab, beruhte darauf, dass die Polizei die 7200 Anwohner schon in Sicherheit gebracht hatte. Am Samstag davor hatte es die Stadtverwaltung zunächst versäumt, den Flohmarkt auf dem Schützenplatz abzusagen, obwohl es schon Hinweise auf eine zweite Bombe gab.

Der Schützenplatz ist von dichten Bäumen und Sträuchern umgeben. Zur Schnellstraße und zu den Bahngleisen hin gibt es ein Gewerbegebiet. Das nahe Bahngleis mit der zentralen Nord-Süd-Strecke war ein Grund, warum der Kampfmittelbeseitigungsdienst die Entschärfung erst um Viertel vor elf am Abend einleiten wollte, nachdem der letzte ICE die Strecke passiert hatte. Eine Stunde vorher, um 21.34 Uhr, explodierte die Bombe.

Sicher ist, dass bei der Explosion keiner der Sprengmeister an der Bombe oder der Zündung arbeitete oder in der Grube war. Alle drei tödlich Verunglückten – sie waren 55, 52 und 38 Jahre alt – galten als besonders erfahren, zwei von ihnen hatten schon mehr als 700 Bomben unschädlich gemacht. (salz)