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Der Gilchinger „Goldmacher“: Kreisbote-Leser Otmar Raab berichtet über das betrügerische Wirken des Franz Tausend

Die Überreste, die von der „Goldmacherwerkstatt“ in Gilching noch übrig sind.

Gilching - Goldmacherweg“ steht auf einem Straßenschild in Gilching. Wer´s sieht, denkt mit Fragezeichen weiter. Manche kurz, viele etwas länger. Es war einmal: Vor 100 Jahren etwa gabs ein Munkeln und Raunen in Gilching. Geheim tue sich was oben im Steinbergwald. Etwas zum Goldmachen. Vielleicht sollte man davon lieber nicht zu viel wissen.

Was sich damals auf dem Steinberg Besonderes getan hat, darüber ist mehrfach geschrieben worden. Zu Anfang erzähle auch ich heute von den Geschehnissen ums Goldmachen in GIlching.

Es war 1924, als ein Fremder, ausgerechnet mit dem Namen Tausend, am Steinberg mit Frau ein Haus bezogen hat. Nicht weit von senem Domizil begann er versteckt im Steinbergwald oben eine „Goldküche“ zu errichten. Viel mehr als küchengroß wurde aber das Gebäude. Ein Schmelzkessel für chemische Mischungen kam hinein; daneben Reihen von Reagenzgläsern in Regale. Prominente und Banken hatten in der Notzeit nach der vernichtenden Geldentwertung (Inflation) Tausend vertraut, er könne nach einer speziellen Rezeptur Gold herstellen. Vorsichtshalber hatte man, bevor Geld in eine gegründete Gesellschaft floss, sachverständige Beurteilungen eingeholt. Diese hatten ergeben, die entsprechenden Nachweise Tausends seien vielversprechend.

Es gab grünes Licht. Bald reisten finanziell Beteiligte an, teils in sehr vornehmen Automobilen mit Chauffeur. Sie wollten sich von Tausends Goldkünsten selbst überzeugen. Bei mehreren Vorführungen hatte Tausend den Geldanlegern zeigen können, dass im Schmelztiegel in seinem Gemisch jeweils ein Goldklümpchen entstanden war. Im Goldfieber wurden sich die Investoren einig, weiteres Geld für eine leistungsfähige Fabrikationsanlage andernorts einzusetzen. Tausend aber hatte ganz anderes im Sinn. Das neu eingegangene Geld verwendete er zum Kauf privater Immobilien, so auch eines Schlossgutes für die Familie. Der prominente Gesellschafter Ludendorff stieg aus und ließ sich seine Beteiligung auszahlen. Für eine weitere Vorführung der Goldgewinnung wurde vereinbart, dass sich alle Teilnehmer bis auf das Allernötigste ausziehen. Jeder Schwindel bei der Golderzeugung sollte ausgeschlossen werden. Nun kam es für Tausend zur Katastrophe: Dem scharfen Blick eines italienischen Professors war nicht entgangen, dass Tausend etwas Goldenes in den Schmelztiegel hineinschwindelte. Tausend wurde darauf später verhaftet. Von einem Strafgericht wurde der „Goldmacher“ verurteilt. Und viele Jahre musste er wegen seiner Betrügereien in Gefangenschaft verbüßen.

Wie Unwirkliches, nebelhaft Überliefertes kann die Goldmachergeschicht anmuten. Jedoch, zu dieser Geschichte gibt es jetzt noch Anfassbares; wenige bauliche Überreste unterhalb des Steilhangs über dem die Goldmacherwerkstätte einst gestanden hatte: Ein kaminkopfartiges Betonteil mit Ziegelresten und einem kurzen, abgebrochenen Steinzeugrohr in der Mitte, ein weit aus dem Boden ragendes krummes und gesprengtes Eisenrohr, es reicht vermutlich zu einer tieferen wasserführenden Schicht einer Abwassergrube aus Betonringen.

Bevor das Goldmacherlabor abgebrochen wurde, hatte es in der großen Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg auch noch einen guten Zweck gehabt. Eine Familie konnte darin einige Zeit provisorisch wohnen.

Zur Person Franz Tausend

Der Gilchinger „Goldmacher“ Franz Tausend wurde 1884 in Krumbach (Schwaben) geboren und starb im Jahr 1942 in Schwäbisch Hall. Sein betrügerisches Unterfangen wurde zur Inspiration zahlreicher Bücher und Theaterstücke. Ende der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurde seine Geschichte sogar verfilmt.