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Der schnelle Unbekannte

Als Marcell Jacobs die Ziellinie überquert hatte, wurde es hektisch. Als erstes sprang der Italiener seinem Landsmann Gianmarco Tamberi in die Arme, der in der Stadionkurve noch seinen Sieg im Hochsprung feierte. Hinter dem Sprinter stürzte ein Fotograf beim Versuch, den neuen Olympiasieger vor seine Kameralinse zu bekommen. Schließlich hatte Jacobs wenige Augenblicke zuvor Historisches vollbracht.

Lamont Marcell Jacobs Junior, so sein voller Name, ist Olympiasieger über 100 Meter. Der 26 Jahre alte Sprinter gewann in 9,80 Sekunden als erster Italiener das Königsrennen. Europarekord. Zweiter wurde der Amerikaner Fred Kerley (9,84) vor Andre de Grasse (9,89) aus Kanada. Jacobs trat mit seinem Coup die Nachfolge von Superstar Usain Bolt an.

Athletics - Olympics: Day 9

Quelle: Getty Images/Richard Heathcote

„Es war mein Traum als Kind“, erklärte Jacobs im Anschluss an seine historische Leistung sichtlich berührt und schob nach: „Ich kann es kaum erwarten, die Hymne zu hören.“ Nach dem fabelhaften Sprint wartete auf den überraschenden Sieger ein Marathon. An jedem Mikrofon musste Jacobs stehen bleiben, auch eine halbe Stunde nach seinem Sieg gab er noch Interviews für die TV-Sender. Zwischendurch sprang ihm Tamberi auf den Arm. Die beiden Italiener umarmten sich unter ihrer Nationalfahne mehrere Sekunden innig.

Geboren in El Paso

Der neue Olympiasieger war vor dem Finale lediglich Experten ein Begriff gewesen. Geboren als Sohn eines Amerikaners und einer Italienerin im texanischen El Paso, wechselte Jacobs mit zehn Jahren vom Basketball zur Leichtathletik. Dort tritt das 1,88 Meter große Kraftpaket seither im Sprint und Weitsprung an. Seinen ersten Titel feierte er im März bei den Hallen-Europameisterschaften im polnischen Torun. Allerdings über die 60 Meter.

Überhaupt war das Finale von Tokio ein Duell der Unbekannten. Vor dem Startschuss hatten sich die Organisatoren redlich bemüht, dem Prestige-Event der Olympischen Spiele dennoch einen glamourösen Anstrich zu verpassen. Erst ging das Licht aus, dann warf eine Lichtshow die Namen der Finalisten auf die Laufbahn. Am Ende erhellten die Scheinwerfer die Gesichter der acht Starter im abgedunkelten Stadion. Doch das Flair eines Superstars, es fehlte ein wenig.

Tokyo Olympics Athletics

Stolz posiert Jacobs neben der Anzeigetafel

Quelle: AP/Matthias Schrader

Bei den vergangenen drei Spielen hatte Bolt den Puls der Zuschauer im Stadion und vor den Bildschirmen meist schon vor dem Start mit seiner unverwechselbaren Ausstrahlung in die Höhe getrieben. Auf der Pressetribüne kämpften die Journalisten um den besten Blick, wenn der Jamaikaner auf Goldjagd ging. Diesmal blieben viele Plätze frei. Seit dem Rücktritt des achtmaligen Olympiasiegers klafft eine riesige Lücke in der Leichtathletik. Niemand werde auf Anhieb in Bolts Fußstapfen treten, hatte auch Weltverbandspräsident Sebastian Coe vor dem Rennen erklärt.

Coleman sitzt Dopingsperre ab

„Das Publikum hat mich geliebt, weil es mich als eine lebenslustige und entspannte Person wahrgenommen hat. Darauf kommt es an“, entgegnete Bolt im Interview mit WELT AM SONNTAG kurz vor dem Start der Spiele auf die Frage nach einem neuen Superstar: „Für mich ist entscheidend, wer diesen Schritt gehen will. Das kann jeder sein. Ich kann keine Namen nennen, es geht nur darum, wer es mehr will.“ Er selbst werde sich die Rennen vor dem heimischen Fernseher anschauen und genau beobachten, wer jederzeit bereit sei, abzuliefern, verriet der Weltrekordhalter.

In der Post-Bolt-Ära galt lange Zeit Christian Coleman als derjenige, der liefert. Bei der WM 2019 in Doha rannte er zu Gold. Allerdings war Coleman nicht immer bereit für die Dopingprobe. Dreimal innerhalb eines Jahres war der US-Amerikaner für eine Kontrolle nicht auffindbar. Die unabhängige Integritätskommission der amerikanischen Anti-Doping-Agentur sperrte ihn daraufhin für zwei Jahre. Zwar reduzierte der Internationale Sportgerichtshof (CAS) die Strafe nach Einspruch Colemans später um sechs Monate, die Spiele in Tokio verpasste er dennoch.

Auch Trayvon Bromell konnte seine Chance nicht nutzen. Vor den Spielen erlief sich der 26-Jährige aus Florida den Status als designierter Olympiasieger, stellte im Juni eine persönliche Bestzeit (9,77) auf. Doch auf der Tokioter Tartanbahn kam Bromell nie in Tritt.

Tokio 2020 - Leichtathletik

Raus im Halbfinale: Trayvon Bromell

Quelle: dpa/Michael Kappeler

Bereits im Vorlauf hatte sich der Goldkandidat nicht direkt für das Halbfinale qualifiziert, sondern schaffte es erst über die Zeit in die nächste Runde. Dort kam der Jahresweltbeste im zweiten von drei Läufen in 10,0 Sekunden nur auf Platz drei und gehörte auch nicht zu den zwei schnellsten Dritten. Besonders bitter für Bromell: Er lag im Fotofinish die Winzigkeit von einer tausendstel Sekunde hinter dem zweitplatzierten Nigerianer Enoch Adegoke. Bereits im Ziel hatte der Favorit geahnt, dass es nicht reichen könnte und fassungslos auf die Videoleinwand gestarrt.

Die Nerven des Briten versagen. Fehlstart. Raus

Als Schnellster der Halbfinals überraschte der Chinese Su Bingtian in 9,83 Sekunden vor dem zeitgleichen Ronnie Baker aus den USA; Su stellte damit einen asiatischen Rekord auf. Jacobs war nur eine Hundertstel langsamer und erreichte das Finale als Drittplatzierter dank seiner guten Zeit. Nach dem dreifachen Erfolg durch Elaine Thompson-Herah, Shelly-Ann Fraser-Pryce und Shericka Jackson am Vortag erlebte Jamaika dagegen einen bitteren Abend. Weil Yohan Blake im Halbfinale abgeschlagen ausschied, stand erstmals seit 2000 kein einziger Athlet aus der karibischen Sprinternation im Endlauf.

Das Finale um kurz vor 22.00 Uhr Ortszeit startete also ohne klaren Favoriten. Im Vergleich zur jahrelangen Dominanz von Bolt immerhin ein Sieg für die Spannung. Diese wurde noch gesteigert, als Zharnel Hughes sich als Erster aus dem Finale verabschiedete. Die Nerven des Briten versagten. Fehlstart. Raus.

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Der Olympiasieger am Ziel seiner Träume

Quelle: AFP/BEN STANSALL

Im zweiten Versuch schossen die Läufer regelkonform aus den Startblöcken. Jacobs erwischte einen soliden Start und übernahm nach rund 20 Metern die Führung. Diese gab der Italiener auf den restlichen Metern nicht mehr ab. Drei Bahnen neben ihm spielte sich zeitgleich ein Verletzungsdrama ab. Nach gut der Hälfte des Rennens schoss Adegoke der Schmerz durch den Körper. Der Nigerianer musste den Endlauf mit einer Beinverletzung humpelnd beenden.

Im Ziel angekommen, startete Jacobs seine Jubelshow. Mit der Fahne seines Landes um die Schultern joggte der Sieger eine Ehrenrunde, spannte immer wieder die Muskeln an. An Entertainer und Ausnahmesportler Bolt reichte seine Darbietung zwar nicht heran. Doch das dürfte Jacobs für den Moment egal sein. Er lief in Tokio das Rennen seines Lebens. Jetzt kennt ihn die ganze Welt.

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