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Der Tausendsassa geht von Bord

Eine Ära beim TSV 1880 Starnberg geht zu Ende. Ludwig Kastenmeier, der 23 Jahre lang Football-Abteilungsleiter bei den Argonauts war, stellt sich im November nicht mehr zu Wahl.

Starnberg – Seine letzte Amtshandlung übernahm Ludwig Kastenmeier – wie schon so viele zuvor – selbst. „Ich trete nicht mehr als Abteilungsleiter an“, verkündete der Chef der Starnberger Footballer offiziell seinen Abschied. „Jetzt wird es Zeit. Jetzt ist es soweit.“ 23 Jahre lang hat er die Geschicke bei den Argonauts geprägt und mitbestimmt. Am 18. November ist Schluss. Dann muss die Mitgliederversammlung einen Nachfolger für ihn wählen.

Über zwei Jahrzehnte lang war der gemütliche Vollbartträger, den alle nur „Wiggerl“ nennen, eine Institution am Riedener Weg. Zusammen mit seiner Frau Petra und seinen Eltern schmiss er den ganzen Laden. Mitarbeiter fanden sich stets nur auf Zeit. Kastenmeier überlebte jede Abteilungsleitung oft nur als einziger. Meistens hielten seine Vorstandskollegen nicht einmal bis zum Ende ihrer Amtszeit durch. Also übernahm er klaglos ihre Aufgaben gleich mit.

Kastenmeier führte den Verein, er trainierte den Nachwuchs und auch die Erwachsenen, er verpflichtete Übungsleiter und Spieler und war nebenbei für Marketing und Presse zuständig. Was den Verein aber zusammenhielt, waren jene zahllosen unscheinbaren Dienste, die er mit seinen Familienangehörigen im Verborgenen geleistet hat. Die Kastenmeiers sorgten für Kuchen und Hamburger, sie räumten den ganzen Krempel nach den Spielen auf, wenn die starken Recken schon längst über alle Berge waren, und sorgten auch sonst für Ordnung. „Es kann sein, dass ich zu der aussterbenden Spezies gehöre, die ihre Sachen still und leise macht“, vermutet der Boss.

Ein Mann mit Pathos war er nie, obwohl der ehemalige Verteidiger, der es in seinem Sport bis auf die europäische Bühne brachte, eine imposante Erscheinung abgibt. Kastenmeier war eher einer zum Knuddeln, der ein wenig bärbeißig wirkt, aber ein riesengroßes Herz hat. Da ist es logisch, dass er es mit der Jugend gut kann und er auch als Ansprechpartner für Football an den Schulen gern gesehen ist.

Wie viele andere Verantwortungsträger war er mit seinem Verein bald so sehr verwoben, dass für seine beiden eigenen Kinder die Zeit immer knapper wurde. Der 55-jährige waschechte Starnberger hat das Problem früh erkannt, doch wegen der Corona-Pandemie konnte und wollte er erst einmal nicht von seinem Amt zurücktreten. Und so bewältigte er noch den ganzen Papierkram, den die Corona-Krise mit sich brachte, und stemmte nebenbei viele Arbeiten zum 40. Jubiläum der Argonauts in diesem Jahr.

Kastenmeier erkannte, dass er ohne radikalen Bruch niemals aus seiner Rolle schlüpfen würde: „Wenn ich nicht aufhöre, wird sich nichts ändern. Dann muss ich es weitermachen, bis ich in der Kiste liege.“ Er musste seinen Platz an der Spitze des Klubs räumen, damit seine Argonauts nicht mehr umhin kamen, selbst nach vorne zu rücken. Andere hätten schon vorher den Bettel hingeschmissen, wenn sie an der ganzen Arbeit und Verantwortung nur noch alleine gehangen hätten. Doch er ist kein Patriarch im klassischen Sinne, sondern eher eine stille Seele, die vieles in sich hineinfrisst und die offene Konfrontation scheut. Und so ertrug er es in bewundernswertem Langmut, wenn seine Mitarbeiter immer wieder von der Fahne gingen und er nie einen Nachfolger aufbauen konnte, weil nie wirklich einer wollte. Mittlerweile hat auch er es verstanden, dass es keinen Sinn ergibt, sich nur für andere aufzuopfern, für die Verlässlichkeit ein Fremdwort ist. „Ich will nicht mehr ans Steuer, damit die anderen es auch mal lernen“, sagt der Kapitän, der mit der Argo eins geworden ist.

In Zukunft wird es nicht heißen, der Wiggerl wird’s schon machen. In Zukunft werden all die Siebengescheiten, die gerne das große Wort führten, selbst bei jenen ganz alltäglichen Dingen anpacken müssen, für die es kein überschwängliches Lob oder irgendwelche Meriten gibt. Oder die Football-Abteilung wird in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Kastenmeier wird weiter im Flag- und Jugendbereich arbeiten und mit seiner Erfahrung zur Verfügung stehen, sollte denn jemand auf sie zurückgreifen wollen. Aber Kapitän, Steuermann, Lotse, Matrose und Koch auf der Argo wird er nicht mehr sein. „Ich bin nicht mehr für alles verantwortlich“, sagt er mit einer gewissen Erleichterung. Aber eines ist ihm auch bewusst: „Ich weiß, dass es schwer wird, mich zu ersetzen.“