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Der Todesstoß für Deutschlands Clubs?

Die Party ist vorbei – zumindest vorerst: Nach dem Beschluss von Bund und Ländern müssen Clubs und Diskotheken künftig spätestens ab einer Inzidenz von 350 schließen. Mehr als die Hälfte der Städte und Landkreise in Deutschland überschreitet aktuell diesen Wert. Und einzelne Bundesländer haben ohnehin schon eine flächendeckende Schließung von Tanzlokalen angeordnet, darunter Bayern, Nordrhein-Westfalen und das Saarland.

Für die Betreiber gleicht die neue Regel einer Katastrophe. Schon im März 2020 mussten Clubs deutschlandweit schließen, länger als eineinhalb Jahre blieben sie dicht. Erst seit Oktober 2021 waren Partys in Discos wieder überall möglich – nun ist erneut Schluss. Besonders hart trifft es Clubbetreiber in Bayern: Dort hatten die Betriebe unter dem Strich gerade einmal acht Wochen geöffnet.

Die Stimmung unter den Betreibern ist entsprechend schlecht. Er fühle sich wie ein „Unternehmer zweiter Klasse“, beschreibt Philipp Schleef WELT seine Gefühlslage. Schleef betreibt unter anderem die Disco „Heimatliebe“ in Pfaffenhofen an der Ilm, nördlich von München. Er befürchtet, dass er sein Geschäft nicht vor Ende Februar 2022 wieder öffnen werde. Und das werde richtig teuer: „Ein technisch hochgerüsteter Laden wie eine Diskothek kann nicht ohne Weiteres von heute auf morgen eröffnet werden“, sagt er. Ein ständiges Auf und Zu sei für seine Branche „tödlich“. Den politischen Entscheidungsträgern wirft er vor, in alte Muster zu verfallen – schließlich sei lange davon geredet worden, die Bewertung der pandemischen Lage von der Inzidenz zu entkoppeln.

Peter Fleming spricht von einem „Beschluss, der willkürlich gefasst zu sein scheint“. Fleming, der das „Harry Klein“ in München betreibt, verweist auf die strengen Einlasskontrollen, die er und viele andere Clubbetreiber umgesetzt hätten: 2G oder 2G+ hielten aus seiner Sicht „das minimale Restrisiko für unsere Gäste so gering wie möglich“. Als Konsequenz der Schließung musste er gerade alle 30 Minijobber in seinem Unternehmen entlassen – wieder. Dabei seien gerade in München die jungen Leute, darunter viele Studenten, auf die Arbeit, die gutes Trinkgeld abwerfe, angewiesen. „Die Festangestellten wurden erneut in Kurzarbeit geschickt. Der Aufwand hierfür ist nicht zu unterschätzen.“

Dabei sei es zur Wiedereröffnung vor ein paar Wochen für viele Clubs schon schwierig gewesen, überhaupt ausreichend Personal zu akquirieren, sagt Ingrid Hartges, die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA), WELT. Und jetzt würden sie schon wieder in Kurzarbeit geschickt. „Da werden noch mal mehr Mitarbeiter abwandern“, sieht die Lobbyistin ein ohnehin vorhandenes Problem noch eklatanter auf ihre Branche zurollen. Wichtig sei jetzt, dass alle coronabedingten Kurzarbeiter-Regelungen fortgeführt würden. Denn dann würden unter anderem über den Dezember hinaus nach sechs Monaten Kurzarbeit 80 statt 60 Prozent des entfallenen Nettoentgelts erstattet.

„Für viele Betriebe kommt 2G-plus einem Lockdown gleich“

„Die Situation ist jetzt schon bitter, die Umsatzverluste sind enorm“, sagt DEHOGA-Chefin Ingrid Hartges zu den neuen Corona-Maßnahmen. Trotz großer Wut sehe man jedoch ein, dass man vereint aus der Pandemie rauskommen müsse. Dafür sei die Impfung weiterhin der „Königsweg“.

Quelle: WELT

Hartges nennt die Bund-Länder-Entscheidung für die Clubszene „absolut bitter“. „Die Branche hat unheimlich viel investiert in bessere Be- und Entlüftung und auf freiwilliger Basis vielfach 2G+ mit Testungen vor Ort praktiziert“. Das Mindeste sei jetzt, dass mit ausreichenden Hilfen dafür gesorgt werde, dass die Betriebe „die hoffentlich letzten Monate der Pandemiebekämpfung“ überstehen.

Eine Forderung formuliert Hartges zudem besonders deutlich: „Ich erwarte endlich ein professionelles Management der Impfkampagne.“ Es könne nicht sein, dass Impfwillige jetzt noch abgewiesen oder vertröstet werden. Jeder, der wolle, müsse sofort einen Termin für Erst-, Zweit- oder Booster-Impfung bekommen. „Das gehört sofort maximal beschleunigt.“

Gerade erst hat ihr Verband seine Mitglieder befragt: Von 9700 Unternehmen sprachen sich knapp 70 Prozent für eine Impfpflicht aus. „Im Sommer war bei uns wie auch in der Gesellschaft das Stimmungsbild gegenteilig“, sagt Hartges. „Aber es kann nicht sein, dass wir Jahr für Jahr in diese Situation reingeraten und nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist eine hohe Impfquote nun mal der beste Weg raus aus der Pandemie.“

„Inzidenzwerte nicht mehr sinnvoll nachvollziehbar“

Einen Impfappell formuliert auch Roman Lehmann, der Geschäftsführer des „Pacha“ in München. Auf verlässliche Signale aus der Politik hoffe er schon gar nicht mehr. „Wir hoffen nur, dass sich nun viele Leute Impfen lassen und wir die Pandemie somit schnell überwinden können“. Was die Wiedereröffnung angeht, ist Lehmann noch pessimistischer als sein Kollege Schleef: Er gehe davon aus, dass die Clubs nicht vor März oder April wieder öffnen. An den beim Bund-Länder-Treffen festgelegten Richtwert von 350 bis zur Wiedereröffnung werde sich Bayern nicht halten, sondern „wieder einen Sonderweg gehen“, befürchtet er.

Grundsätzlich seien die Inzidenzwerte für ihn nicht mehr sinnvoll nachvollziehbar. „Warum jetzt 350? Auf welcher wissenschaftlichen Basis gründet dieser Wert?“, fragt Lehmann. Grundsätzlich trage er aber alle Maßnahmen mit, die auf wissenschaftlicher Evidenz basierten und nachweislich zum Gesundheitsschutz beitrügen.

„Es liegen harte Wochen vor uns“, sagt DEHOGA-Hauptgeschäftsführerin Hartges. Wie lange der Branchen-Lockdown für Clubs andauern wird, darauf will sie sich nicht festlegen. Nur so viel: „Je schneller und besser die Impfungen jetzt erfolgen, umso eher wird es auch für Clubs und Diskotheken wieder Öffnungen geben.“ Das Ziel müsse die dauerhafte Öffnung aller Betriebe sein, fordert sie. Und das ohne Sonderregeln. „2G+ und trotzdem Maske – wer will denn da noch in die Disco gehen?“, fragt Hartges. Und bei strengen Kapazitätsbegrenzungen sei ein wirtschaftlicher Betrieb der Clubs nicht machbar: „Wenn statt 1000 nur noch 200 kommen dürfen, kommt kein richtiges Disco-Feeling mehr auf und es heißt ganz schnell, in dem Laden ist ja eh nichts mehr los.“

Dass die erneuten Schließungen für einige Tanzlokale den Todesstoß bedeuten könnten, schließt Hartges nicht aus. Fleming vom „Harry Klein“ setzt auf die bereits zugesagten Hilfen. Schleef von der „Heimatliebe“ ist skeptischer: Überbrückungshilfen seien nicht auf die besondere Situation von Clubs abgestimmt. „Wir können keine Behelfsumsätze beispielsweise durch ein To-Go-Geschäft generieren. Durch die extrem lange Schließung müssten nun entgangene Umsätze entschädigt werden, um wenigstens einen Teil des Unternehmerlohns zu ersetzen.“ Für ihn stellt sich daher längst die Grundsatzfrage, welche Unternehmen die neuerliche Corona-Welle überhaupt noch unbeschadet überstehen.

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