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Die Tochter

Immer wieder wurde und wird Sarah Biasini auf ihre Mutter Romy Schneider angesprochen, sogar im Kreisssaal, bei der Geburt ihrer eigenen Tochter. Wie sieht Biasini heute ihre Mutter, die starb, als sie vier Jahre alt war? Das steht in ihrem Buch „Die Schönheit des Himmels“.

Eine Frau, die in den Wehen liegt, ohne Zweifel ein physischer und emotionaler Ausnahmezustand. Eine stationsfremde Krankenschwester, die in diesem so intimen Moment an ihr Bett tritt, ihren Arm berührt und sagt: „Oh, Sie haben aber Ähnlichkeit mit jemandem...“ – Schicksal, wenn man die Tochter von Romy Schneider ist? Jener Schauspielerin, die nicht zuletzt durch ihren frühen Tod mit 43 Jahren zum Mythos geworden ist . Sarah Biasini, geboren 1977, Tochter aus der Ehe Schneiders mit Daniel Biasini und selbst Schauspielerin, hat ein Buch geschrieben, das eine Art langer Brief an ihre eigene Tochter Anna ist („Ich muss dir etwas von mir überlassen“), aber natürlich auch ein Buch über ihre berühmte Mutter. „Die Schönheit des Himmels“ lautet der Titel, er klingt so poetisch, so somnambul wie viele Passagen dieses Werks, das viel über die Autorin verrät und wenig – man möchte fast sagen wohltuend wenig – über Romy Schneider. Ein Blick in die eigene Seele, ein Blick auf die Wunden, die der Tod der Mutter reißt, wenn man selbst erst vier Jahre alt ist und so gut wie keine eigene Erinnerung an sie hat.

Vater und Tochter: Sarah mit Daniel Biasini

Biasini verschweigt nicht, dass sie nicht mehr damit gerechnet hat, selbst noch ein Kind zu bekommen, an ihrer 2018 geborenen Tochter spiegelt sie das Verhältnis zur eigenen Mutter, schreibt über ihre Angst, Anna könne etwas zustoßen („Ich stelle mir deinen Tod vor“), um sich ein paar Seiten später die Sätze einer Freundin zu eigen zu machen: „Du brauchst keine Angst zu haben, das Leben hat dir das alles schon beigebracht, du bist quasi geimpft.“

Man spürt den inneren Kampf der Tochter eines Stars, der in Filmen und Dokumentationen weiterlebt, sich zur Mutter zu verhalten – Anwältin und Anklägerin zugleich zu sein. An diesen Stellen wird Biasini scharf, sie kritisiert Emily Atefs Film „Drei Tage in Quibéron“ (2018), der inspiriert ist von einem Interview, das der „Stern“ 1981 mit Schneider führte, als „Bockmist“, und beklagt zugleich: „Ich bin gezwungen, meine Mutter zu verteidigen, eine dumme Gans, weil sie sich selbst nicht besser geschützt hat.“

Sarah Biasini bei einer Lesung aus ihrem Buch „Die Schönheit des Himmels“ im Münchner Literaturhaus.

Auch das aus ihrer Sicht von Romy Schneider verbreitete Bild, die Schauspielerin sei „ausgesprochen unglücklich“ gewesen, will die Tochter korrigieren, sie bietet ihren Vater als Zeugen auf: „Ich habe mich gefragt, ob ich mit der, die sie beschreiben, wirklich zusammengelebt habe. Und, nein, das ist nicht die Frau, die ich gekannt habe, ganze elf Jahre lang!“

So ausführlich Sarah Biasini von der Familie des Vaters erzählt, von der geliebten Oma Monique, die sie großzog, so kurz und knapp ist die Passage über Romys Mutter Magda Schneider. Sie habe „das Bild einer Schauspielerin im Kopf, die in der Vergangenheit lebt, nicht das der Großmutter, die uns Apfelstrudel macht“, heißt es da lapidar. Und obendrein: „Ich spreche kein Deutsch, ich lehne diese Sprache ab.“

Mutterglück: Romy Schneider mit Sarah als Baby

„Die Schönheit des Himmels“ ist eine erfreulich unlarmoyante Reflexion über ein Kindheitstrauma und seine Folgen – und zugleich der Versuch, die Mutter zu entmystifizieren, ein Bild Romy Schneiders zu zeichnen, mit dem die Tochter – buchstäblich – leben kann. Ein Bild jener Frau, von der sie „möchte, dass sie mir allein gehört“. Und doch transferiert die Autorin ihr Dilemma in die nächste Generation. Wie wird wohl Anna eines Tages über dieses Buch, über ihre Mutter denken?

Sarah Biasini:

„Die Schönheit des
Himmels“. Aus dem
Französischen von Theresa Benkert. Paul Zsolnay, Wien, 192 Seiten; 22 Euro.