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Diese Botschaften finden Sprachforscher im Ampel-Koalitionsvertrag

Die Unterschriften auf dem Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien waren kaum trocken, da stellte der Grünen-Politiker Jürgen Trittin fest: „Der Koalitionsvertrag trägt klar eine grüne Handschrift.“ Das sehen SPD und FDP naturgemäß anders, genau wie viele an der Grünen-Basis. Der Linguist Simon Meier-Vieracker stimmt dem Alt-Grünen Trittin dagegen zu. Allerdings weniger inhaltlich, sondern was die Sprache des Koalitionsvertrags angeht.

Der Professor für Angewandte Linguistik an der Universität Dresden hat mit einem Team von Sprachwissenschaftlern Stil und Wortwahl des Vertrages analysiert. „Insgesamt zeigt der Koalitionsvertrag tatsächlich deutlich die Handschrift der Grünen“, fasst Meier-Vieracker seine Analyse zusammen.

„Begriffe, die vor allem SPD und FDP wichtig sind, sind unterrepräsentiert. Auf 177 Seiten taucht nur vier Mal das Wort ,Gerechtigkeit‘ auf, sonst eigentlich ein Schlüsselwort der SPD. Von ,Nachhaltigkeit‘ ist dagegen an vielen Stellen die Rede“, sagt der Linguist WELT.

Das dürfte viele Grüne ärgern, die mit dem Vertrag hadern, denen der Fahrplan für die kommende Legislatur nicht nachhaltig und ökologisch, nicht sozial und links genug ist. Aus dieser kritischen Sicht suggeriert die Sprache des Koalitionsvertrags, dass die Grünen mehr erreicht hätten, als das die Vereinbarungen im Konkreten hergeben.

Kaum Passagen, in denen das Wort Klima nicht vorkommt

„Es gibt in diesem Vertragstext 27 verschiedene zusammengesetzte Wörter, in denen ,Klima‘ vorkommt. Von Klimaschutz bis klimaneutral“, zählt Meier-Vieracker auf. Es gebe kaum Passagen, in denen das Wort Klima nicht vorkommt, auf einer Seite 14 Mal, auf den Seiten 20 bis 68 fehlt es kein einziges Mal, auch später im Text ist es allgegenwärtig.

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Dass den Grünen die Klimaschutzmaßnahmen der Ampel dennoch nicht weit genug gehen, ist kein Geheimnis. „Wenn wir in den Koalitionsverhandlungen in bestimmten Punkten keine Einigung erzielen konnte, haben wir unkonkrete Formulierungen gewählt, die gut klingen. Damit die Vertreter der anderen Parteien das Gesicht wahren“, sagt das Mitglied einer der Arbeitsgruppen, die den Vertrag ausgehandelt hatten.

Verträge sind in aller Regel sachliche, nüchterne Texte, verfasst von Juristen mit dem Ziel, eindeutige und klare Vorgaben zu machen. In den Präambeln großer Vertragswerke, gerade auf staatlicher Ebene, mag bisweilen Platz für Pathos sein. Die drei Ampel-Parteien haben jedoch in ihrem Koalitionsvertrag selbst darauf verzichtet und zählen zum Auftakt schnörkellos auf, was dieses Regierungsbündnis erreichen will.

Dennoch sagen die Art, wie der übrige Vertragstext geschrieben ist, und die sprachlichen Mittel einiges über den Geist dieser Allianz aus. Auch wenn nicht jeder Koalitionspartner mit der Ampel-Vereinbarung in Gänze zufrieden ist und wichtige Punkte falsch gewichtet sieht, so wie die Grünen.

Simon Meier-Vieracker

Simon Meier-Vieracker

Quelle: Simon Meier-Vieracker

Meier-Vieracker hat mit seinem Team aus Mitarbeitern und Studenten den aktuellen Koalitionsvertrag mit dem der großen Koalition aus dem Jahr 2018 verglichen. Um die Unterschiede herauszuarbeiten, haben die Sprachforscher Computerprogramme über beide Texte laufen lassen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten.

Das Fazit: „Der Koalitionsvertrag der drei Ampel-Parteien unterscheidet sich in Wortwahl und Stil deutlich von dem der GroKo“, so Meier-Viereck. Was nicht verwundert, schließlich war das Regierungsbündnis von Union und SPD eine Zweckgemeinschaft, die weder CDU und CSU noch die Sozialdemokraten wollten und am Ende eingehen mussten, weil die Jamaika-Verhandlungen geplatzt waren. Das kann man zwischen den Zeilen des schwarz-roten Vertrages herauslesen.

Die Dresdner Sprachforscher haben überall im Text Signale dafür gefunden, die Aufbruch unterstreichen sollen. Während Union und SPD im GroKo-Vertrag meist formulieren, „wir wollen“, heißt es im aktuellen Koalitionsvertrag häufiger deutlich offensiv „wir werden“. Das soll zeigen, dass die Koalitionspartner wirklich Willens sind, bestehende Strukturen aufzubrechen.

„Auffällig oft werden Adjektive verwendet, die Dynamik demonstrieren sollen: Vorhaben und Vorgehen werden als ,agil, flexibel oder konstruktiv‘ beschrieben, an mehreren Stellen wird gerne ,vorausschauend‘ oder ,bürokratiearm‘ verwendet“, sagt Meier-Vieracker. „Die Verfasser des Vertrags haben also sehr genau darauf geachtet, nicht nur die geplanten Maßnahmen selbst zu beschreiben, sondern auch die Art ihrer Umsetzung zum Ausdruck zu bringen.“

Interessant aus Sicht der Sprachforscher ist, dass manche Wörter, die in den Wahlprogrammen noch eine wichtige Rolle spielten, im Koalitionsvertrag überhaupt nicht mehr auftauchen: die bei den Grünen häufig beschworene „Mobilitätswende“ oder die gerne bei der SPD genannte „Eigenverantwortung“.

Gendersprache wird in dem Ampel-Vertrag übrigens nur sehr zurückhaltend verwendet. „Es gibt Beidnennungen, aber das Gendersternchen, das SPD und Grüne im Wahlprogramm verwenden, gibt es nicht im Koalitionsvertrag. Da hat sich wohl die FDP durchgesetzt“, so Meier-Viereck.

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