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Echte und unechte Bäche: Endlich Klarheit an Ufern nach dem Bienen-Volksbegehren

Naturbelassene Uferrandstreifen sind eine Errungenschaft des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“. Aber bei vielen Gewässern war bisher strittig, ob sie natürlich oder künstlich sind. Das Wasserwirtschaftsamt hat nun im Landkreis Klarheit geschaffen – auch mithilfe historischer Recherchen.

Landkreis – Über jeden Bach oder Weiher, der einen Namen hat, ist Markus Brandtner heilfroh. Weil er dann weniger Arbeit hat. Der Mann vom Wasserwirtschaftsamt (WWA) in Weilheim schmückt sich mit dem Titel „Gewässerrandstreifen-Koordinator“. Klingt langweilig? Nein, sein Job sei durchaus spannend gewesen in den vergangenen Monaten – aber auch mühsam, kleinteilig und zeitaufwenig. Mit seinem Team sorgte Brandtner dafür, dass eine Änderung im bayerischen Naturschutzgesetz, die schon seit 1. August 2019 gilt, nun endlich umgesetzt werden kann. Den Ausschlag dafür hatte das erfolgreiche Artenschutz-Volksbegehren „Rettet die Bienen“ gegeben. Seitdem ist es verboten, näher als fünf Meter am Rande von natürlichen oder naturnahen Gewässern Acker- und Gartenbau zu betreiben. „Das klingt recht klar“, sagt Brandtner. „Aber das ist es nicht.“

Insgesamt rund 500 Kilometer lang sind die Ufer der Gewässer dritter Ordnung im Landkreis – die fünf Seen und die Würm zählen nicht dazu. Das ist nicht wenig. Wobei der von Bächen, Tümpeln und Weihern wimmelnde Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau zum Beispiel auf satte 2000 Kilometer kommt. Im Fünfseenland sind laut der WWA-Untersuchung, die etwa zwei Monate dauerte, 66 Prozent der kleinen Gewässer randstreifenpflichtig – zum Beispiel der Deixlfurter See bei Tutzing, der benachbarte Lange Weiher, der Röhrlbach, der durchs Leut-stettener Moos führt, oder der Aubach am Pilsensee.

Hin und wieder sei schon aufgefallen, dass der eine oder andere Landwirt sich (noch) nicht an die Regel hält und seinen Acker bis zum Ufer zieht, sagt Brandtner auf Nachfrage. „Aber wir melden das nicht. Unsere Aufgabe ist nur die Kartierung.“ Kontrollieren müsse die Naturschutzbehörde im Landratsamt. Nun kann sie es auch, weil das WWA für Klarheit gesorgt hat.

Fünf Meter Abstand wie hier müssen Landwirte zu natürlichen Gewässern einhalten. Im Bild ist ein Zufluss zum Hauzengraben westlich von Traubing zu sehen. Mehr Bäume und Büsche wären dort aus Sicht des Wasserwirtschaftsamts wünschenswert.

Die Untersuchung zeigt eben auch, dass jedes dritte der kleinen Gewässer als künstlich und damit nicht randstreifenpflichtig einzustufen ist. Oft sei das nicht so einfach, sagt Brandtner. „Gräben, die Landwirte vor 200 oder 400 Jahren zur Entwässerung der Felder angelegt haben, sind oft schwer von natürlichen Wasserläufen zu unterscheiden.“ Die kleinen, künstlichen Gräben häufen sich im eher moorigen Süden des Landkreises, besonders deutlich etwa nahe des Tutzinger Ortsteils Kampberg. Brandtner und Co. fragten für die Erstellung der sogenannten Hinweiskarten bei den Landwirten nach, griffen aber auch auf alte Karten zurück. „Es steckt sehr viel historische Recherche dahinter“, sagt der Projektleiter. Als künstlich gelten übrigens auch (alte) Kanäle, die Wasser für eine Mühle oder ein Sägewerk transportieren. Oder Fischweiher, die von einem Bach gespeist werden.

Nun haben die Landwirte, Gärtnereien oder Baumschulen Planungssicherheit, wie es das WWA positiv formuliert. Kreisbauer Georg Zankl, dessen Felder in Gilching etwa an den Starzelbach und an den Russengraben grenzen, hat zwar das Volksbegehren nicht unterschrieben. Die Fünf-Meter-Regelung findet er aber „positiv“. Zumal die Bauern Ausgleichszahlungen kriegen. „Man muss die Bäche schon schützen“, sagt Zankl, wobei er der Meinung ist: „Wenn man aufpasst, dann geht’s so auch.“ Landwirte oder Gartenbauer, die sich ungerecht behandelt fühlen, können bis 2. Dezember Einspruch einlegen. „Erfahrungsgemäß rechnen wir mit Einwendungen, aber nicht mit vielen“, sagt WWA-Projektleiter Brandtner. Offiziell und rechtsgültig ist die Sache wohl zum 1. Juli 2022: Dann sollen die aktualisierten Karten mit den bisher unklaren Fällen im Umweltatlas des Freistaats stehen.

Erleichtert äußert sich die Kreisgruppe des Bund Naturschutz (BN) in eineraktuellen Pressemitteilung: „Wir begrüßen diese längst überfällige Umsetzung, denn naturnahe Gewässerrandstreifen sind Hotspots der Biodiversität. Je breiter desto vielfältiger sind sie. Gehölze und naturnaher Uferbewuchs stellen an Fließgewässern einen großen Gewinn dar. Sie bieten Lebensraum für Amphibien, Spinnen, Libellen, Käfer, Ameisen und andere Insekten“, schreiben Constanze Gentz und Helene Falk. Auch Vögel und Fledermäuse besiedelten die Uferbereiche. Nun sei es auch an den Landwirten und Eigentümern, die Flächen noch naturnaher zu gestalten. Der BN empfiehlt hierzu den online verfügbaren Leitfaden des Bundeslands Baden-Württemberg.

Wo gilt die Pflicht?

An welchen Ufern die Abstandspflicht gilt und an welchen nicht, zeigen die sogenannten Hinweiskarten. Sie sind auf der Homepage des Wasserwirtschaftsamts www.wwa-wm.bayern.de unter dem Reiter „Gewässerrandstreifen“ einsehbar.