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„Eine Schiene wäre schön“: Was Dorfbewohner von der Bundespolitik erwarten

Dhünn/Wermelskirchen -

Keine Packung Mehl könnte man heute im Dorf kaufen, wenn Michael Kuhn und Annika Fricke nicht vor knapp dreieinhalb Jahren den Frischmarkt Dhünn übernommen hätten. Früher, erinnert sich Kuhn, gab es in dem kleinen Ort bei Wermelskirchen Bäckereien, Restaurants und Kneipen, eine Post, eine Tankstelle, Schuhgeschäfte und eine Sparkasse. „Dieses Dorf sah früher ganz anders aus.“ Heute haben alle Bäckereien geschlossen. Von der Sparkasse blieb nicht einmal ein Geldautomat übrig. Die meisten Geschäftsleute sind gegangen, Kuhn und Fricke kamen. Aber wie ist es auf dem Land zu wohnen, wenn die Infrastruktur zu wünschen übrig lässt?

Dhünn, Herbst 2017. Michael Kuhn kennt den einzigen Lebensmittelladen in Dhünn nur vom Vorbeifahren. Als er erfährt, dass der Laden zum Jahresende schließt, genau wie die Bäckereien, der Schuster und einige Gaststätten vor ihm, parkt er und geht hinein. Die Nachfolge gestalte sich schwierig, sagt der damalige Inhaber. In den nächsten Wochen fragt Kuhn immer wieder nach, bekommt immer wieder dieselbe Antwort: Kein Nachmieter gefunden. Schließlich entschließen sich Michael Kuhn und seine Frau Annika Fricke: Sie übernehmen. Das Paar renoviert den Laden und feiert am 12. April 2018 die Wiedereröffnung.

„Der Laden bedeutet eine enorme Lebensqualität für die Menschen im Dorf“

September 2021. Michael Kuhn sitzt in dem einzigen Zimmer, unter dessen Decke noch die Lichtröhren des Vormieters hängen. Es ist ein Lagerraum mit Tisch und Stühlen, direkt neben Kisten voller Zigarettenpackungen und Schoko-Adventskalendern. Wieso übernimmt man ein Geschäft in einem kleinen Ort, das sich für den Vormieter nicht rentierte? Herr Kuhn schweigt für einen Moment. „Wir haben sehr viel Energie mitgebracht“, sagt er dann. Er und seine Frau haben modernisiert, eine Backwarentheke eingebaut, versucht, trotz des wenigen Platzes ein umfangreiches Angebot zu bieten.

frischmarkt

Michael Kuhn und seine Frau modernisierten das Geschäft und bauten eine Backwarentheke ein. 

„Der Laden bedeutet eine enorme Lebensqualität für die Menschen im Dorf“, sagt Herr Kuhn. Nicht nur für Rentner, die Autofahrten nach Wermelskirchen vermeiden möchten. „Ein Dorf besteht ja auch aus jungen Familien – denen bieten wir einen unkomplizierten Einkauf“, sagt er. Der Alltag werde immer hektischer. Da sei es doch stressig, die Kinder in den Kindersitz zu schnallen, zum nächsten Supermarkt zu brausen und den Überblick bei all den Regalreihen zu behalten.

Keine Förderung für Dhünner Frischmarkt

Hier im Frischmarkt, sagt Kuhn, finde man alles für den täglichen Bedarf. Fußläufig. Fast jeden Kunden begrüßt Herr Kuhn beim Namen, er bietet Hilfe an und erkundigt sich nach dem Feierabend. „Wir sind eben auch ein Kommunikationsort“, sagt er. „Uns gefällt es, dass wir hier etwas anbieten können, von dem ganz Dhünn einen Nutzen hat. Ein Geschäft wie unseres ist für ein Dorf elementar.“

Vor der Wiedereröffnung erkundigte sich das Ehepaar nach Wirtschaftsförderungen: Doch das Konzept des Frischmarktes passte in keine Förderkategorie. „Klar hätten wir mit einer Förderung einen leichteren Start gehabt“, sagt der Solinger. Unterstützung vom Bund würde vielen Menschen ein solches Wagnis leichter machen. Doch Herr Kuhn mag es nicht, die Politik für alles verantwortlich zu machen. „Wenn ich immer jemanden brauche, der mich an die Hand nimmt, dann bin ich sowieso zum Scheitern verurteilt“, findet er. Trotzdem: „Die Dörfer dürfen nicht an Attraktivität verlieren.“ Das solle sich die Politik hinter die Ohren schreiben.

„Ohne Auto kommt man hier kaum weg“

Ein Lebensmittelgeschäft wie der Frischmarkt Dhünn „bringt Leben ins Dorf“, sagt Elvira Kierdorf. Die 71-Jährige schiebt gerade ihren Einkaufswagen auf den Parkplatz. Seit 35 Jahren lebt sie in Dhünn. Was sie sich von der Bundespolitik wünsche? Förderungen für Geschäfte auf dem Dorf“, sagt Kierdorf. „Die Einwohnerzahl in Dhünn hat immer einen gewissen stabilen Stand. Nur die Geschäfte, die werden weniger.“

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Simone Bärwald wohnt seit fünf Jahren in Dhünn.

Simone Bärwald vermisst vor allem den öffentlichen Nahverkehr. „Wenn ich abends weggehen möchte, muss ich den Taxibus anrufen. Ohne Auto kommt man hier kaum weg“, sagt die 40-Jährige. Auch sie hat gerade den Frischmarkt verlassen und steht auf dem Bürgersteig, neben der Kirche und gegenüber der Grundschule. Morgens fahre ein Schulbus nach Wermelskirchen, mittags wieder zurück. Das war’s. „Es muss ja nicht einmal stündlich ein Bus fahren“, sagt sie. „Aber so ein bisschen Anbindung, das wäre wirklich schön.“ Trotz der schlechten Verbindung seien die Immobilienpreise auch in Dhünn „durch die Decke“ gestiegen. Dennoch: „Wer eine Familie gründen will, besinnt sich oft auf die Wurzeln und kommt doch zurück.“

Druck auf Wermelskirchener Wohnungsmarkt

Wermelskirchen, sechs Kilometer oder zehn Autominuten von Dhünn entfernt. Marion Lück, seit 2019 parteilose Bürgermeisterin, setzt sich auf eine Bank am Marktplatz, nur fünf Minuten vom Rathaus entfernt. Sie spricht schnell und trotzdem überlegt. Im Ort Dabringhausen seien noch deutlich mehr Geschäfte: „Es ist immer eine Frage von Angebot und Nachfrage“, sagt sie.

Im Gegensatz zu den Dörfern biete Wermelskirchen mit seinen 35 000 Einwohnern einiges an Einkaufsmöglichkeiten. „Der einzige Mangel, den wir in Wermelskirchen spüren, ist die Verkehrsanbindung“, sagt sie. „Eine Schiene, das wäre schön.“ Damit sei man schnell in Köln und Düsseldorf. Bei Diskussionen über Busverbindungen in die Dörfer, wirft sie ein, sei auch die Taktzahl wichtig: Ein Bus alle drei Stunden sei auch keine Lösung.

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Marion Lück, Bürgermeisterin von Wermelskirchen

Genau wie die Dhünner spricht auch Lück von einem „unheimlichen Druck“ auf dem Wohnungsmarkt. „Wenn nicht gerade eine Immobilie in der Familie übrig ist, dann ist es wirklich nicht einfach, hier zu kaufen.“ Sie versuche dem entgegenzuwirken, zum Beispiel mit einem neuen Baulandmanagement. Doch ihre Mittel seien begrenzt. „Bei so vielen Talsperren haben wir irre viele Wasserschutzzonen“, sagt Lück. „Da ist es schwer für eine Stadt sich zu entwickeln, was Gewerbeflächen und Wohnen angeht. Auf der anderen Seite: Es wird hier immer grün bleiben. Wir werden nie eine schlimme Verdichtung erleben. Es ist Fluch und Segen zugleich.“

Mehr Geld für Kommunen

Von der neuen Bundesregierung wünscht sich Lück mehr Einsatz für die Herstellung gleichartiger Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Damit meine sie nicht ein Theater oder eine Oper. Die Rede sei von einer Grundstruktur: Schulen, Straße, Mobilität, Einkaufen, medizinische Versorgung. „Es ist schwer, in Wermelskirchen Nachfolger für Arztpraxen zu finden“, sagt Lück. „Wir brauchen Unterstützung, um die Arbeit hier für Ärzte attraktiv zu machen.“ Sie schlägt eine Starthilfe für Ärzte auf dem Land vor: Finanzielle Unterstützung für die Praxiseinrichtung und bei der Immobiliensuche.

Mehr Geld für die Kommunen – darauf kommt Lück immer wieder zurück. Zum Beispiel, wenn sie von der Kita spricht, bei der es durchs Fenster regnet. Eigentlich sei das Gebäude ein Fall für den Abrissbagger, aber von welchem Geld soll neu gebaut werden? Und da wäre die Feuerwehr, die für die Stadtfläche und ein riesiges Waldgebiet zuständig ist, während die Sommer immer heißer werden. Die nach neuen Ehrenamtlichen sucht, weil eine Berufsfeuerwehr so eine riesige Fläche nicht abdecken könne. „Das Bergische Land ist die grüne Lunge für das Rheinland“, sagt Lück. „Ohne sie würden wir schon ganz andere Klimawandelfolgen spüren.“ Die Dhünntalsperre sei am Start, wenn das Trinkwasser mal eng wird. Doch Schutz koste eben.

Dieses Jahr, sagt Lück, veranstalte Wermelskirchen einen Kultursommer. 22 Veranstaltungen an zehn Wochenenden, ermöglicht durch viel Engagement der Musik- und Kunstvereine und finanziert durch Fördermittel vom Bund. „Das hätten wir niemals alleine stemmen können“, sagt Lück. „Wenn man finanzielle Unterstützung bekommt, dann ist vieles möglich.“

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