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Entschädigung für Corona-Opfer?: Ischgl-Prozesswelle rollt in Wien an

Verantwortlich will bis heute niemand in Österreich sein für das Corona-Desaster in Ischgl. Nun sprechen die Richter: In Wien beginnen die ersten Schadenersatz-Prozesse gegen die Republik. Auch Dörte Sittig klagt - ihr Lebensgefährte ist nach dem Skiurlaub in Ischgl an Corona gestorben.

Der erste Test war noch negativ, aber Dörte Sittig ahnte schon, dass da was nicht stimmen konnte. Mitte März war ihr Lebensgefährte Rudi Lempik gemeinsam mit Freunden überstürzt aus dem Skiurlaub in Ischgl abgereist, wie Tausende andere Touristen überrascht von der Quarantäne, die Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz am Freitag, den 13. März über das Paznauntal in Tirol verhängt hatte.

Lempik isolierte sich vorsorglich, "ich war ein bisschen sauer, dass wir uns nicht sehen können", erzählt die 57-Jährige. Die beiden führten eine Wochenendbeziehung, am Telefon berichtete Lempik seiner Freundin von seinem ersten Testergebnis: negativ. "Ich dachte: Das kann nicht sein. Alle seine Mitfahrer waren positiv." Dann wird Lempik krank, hat Fieber, Atemnot, kann kaum noch sprechen. "Das habe ich mir ein paar Tage angehört, dann habe ich ihn zu einem befreundeten Arzt geschickt." Wenige Tage nach der Rückkehr aus dem Skiparadies Ischgl muss Lempik in die Klinik Erftstadt eingeliefert werden, später wird er nach Köln verlegt. Sittig hat die Geschichte schon oft erzählt, an dieser Stelle stockt ihre Stimme. "Ich dachte: Er ist in den besten Händen, das wird schon." Am 16. April verstirbt Rudi Lempik, 52 Jahre alt, an einer Covid-Infektion.

An diesem Donnerstag ist Dörte Sittig aus ihrem Wohnort Bremen nach Wien gereist, um fast anderthalb Jahre später endlich "Ruhe zu finden", wie sie sagt. In Österreichs Hauptstadt beginnt am Freitag die juristische Aufarbeitung der Covid-Katastrophe in Ischgl mit der ersten Amtshaftungsklage gegen die Republik Österreich. Hunderte Prozesse könnten folgen, insgesamt 15 Klagen sind bereits anhängig, darunter auch die von Dörte Sittig.

Vom Ski-Mekka zur Virenschleuder

Ischgl war der Lieblings-Skiort von Dörte Sittig und Rudi Lempik, oft waren sie gemeinsam dort, immer in Hotels nah der Pisten, abends gingen sie essen oder feiern. Seit den 1990er Jahren hat sich Ischgl zu einem Ski-Mekka entwickelt, mit 240 Kilometern Piste, neun Sternerestaurants und natürlich den berühmt-berüchtigten Aprés-Ski-Bars, die Ischgl den Titel "Ballermann der Alpen" eingetragen haben - die 12.000 Betten im Ort waren während der Saison quasi permanent ausgebucht.

Doch seit jenem Freitag, den 13. März 2020, trägt das It-Dorf in den Alpen neue, wenig schmeichelhafte Beinamen: "Corona-Drehscheibe", "Europas Superspreader", "Europas Wuhan". Mehr als 10.000 Infektionen lassen sich direkt auf Ischgl zurückführen, einige Länder wie Großbritannien vermuten, dass ihr "Patient Null" das Virus aus dem Skiurlaub mitgebracht hat.

"Multiorganversagen", so bezeichnet der Verbraucherschutzverein Österreich (VSV) den Grund für jene verhängnisvolle Mischung aus Profitgier, Betriebsblindheit, Versagen und Überforderung, die Ischgl zur Virenschleuder machte. Weil der VSV den Behörden schwere Versäumnisse vorwirft, strebt er Amtshaftungsklagen an - der Staat soll für den Schaden aufkommen, den seine Organe angerichtet haben. Rund 6.000 Geschädigte hat der VSV ausgemacht, mehr als die Hälfte aus Deutschland. Das Ziel: eine Sammelklage mit Tausenden Beteiligten, dann würde es um Millionensummen gehen. Vorerst werden die Prozesse jedoch einzeln geführt.

Wer übernimmt die Verantwortung?

Eigentlich sollten die ersten Klagen schon im April verhandelt werden, doch das Wiener Landesgericht für Zivilrechtssachen verschob den Termin - wegen Corona. Nun wird der erste Fall am Freitagmorgen verhandelt: Der bekannte Journalist Hannes Schopf hatte sich in Ischgl mit Covid angesteckt und verstarb rund einen Monat später. Seine Witwe und der gemeinsame Sohn fordern insgesamt knapp 100.000 Euro Schadenersatz von der Republik Österreich.

Dörte Sittigs Klage wird erst in der nächsten Woche verhandelt. Um Geld, sagt die Unternehmerin, gehe es ihr dabei gar nicht: "Keine Summe kann einen Menschen ersetzen. Schon gar nicht einen wie Rudi." Sittig will, dass endlich die Verantwortlichen benannt werden - und eine Entschuldigung, nicht nur für sich, sondern auch die vielen anderen Menschen, die Angehörige verloren haben oder selbst an den Langzeitfolgen einer Infektion leiden.

Die Aufarbeitung der Fehler in und um Ischgl hat international für Kopfschütteln gesorgt. Wenige Tage nach der Verhängung der Quaränte über das Paznauntal und der chaotischen Abreise von Zehntausenden Touristen lädt die wichtigste Nachrichtensendung des Landes, die ZiB2, den Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg zum Interview. Es sollte in die Geschichte eingehen, als Zeugnis unerschütterlicher Tiroler Sturschädeligkeit. Ganze elfmal wiederholt Tilg auf die Fragen des Moderators einen heute legendären Satz: "Die Behörden haben alles richtig gemacht."

Fehler bis hinauf ins Bundeskanzleramt

Eine unabhängige Untersuchungskommission, eingesetzt von der Tiroler Landesregierung, kam im Oktober 2020 zu einem ganz anderen Urteil. "Fehleinschätzungen" der Behörden hätten dazu geführt, dass Bars und Restaurants länger geöffnet blieben, als angebracht - darunter auch das berühmte "Kitzloch". Noch am 8. März hatte die Tiroler Gesundheitsbehörde in einer Pressemitteilung behauptet, eine Übertragung des Virus vom infizierten Personal auf Gäste sei "aus medizinischer Sicht unwahrscheinlich".

Sittig hat all die Berichte aus Ischgl gesehen, über den Gemeindearzt, der die Leute ohne Tests nach Hause schickt, über die Bars, in denen weitergefeiert wird. "Es ist alles einfach weitergegangen ... da fehlen mir die Worte." Auch den Bericht der Kommission kennt sie, auch wenn es ihr schwer fällt, ihn zu lesen. So viele. So viele Fehler, so viel Versagen auf allen Ebenen. Zurückgetreten ist bis heute keine der verantwortlichen Personen, weder in Ischgl, noch im Bezirk Landau, noch im Land Tirol. Der "Alles-richtig-gemacht"-Landesrat Tilg schmiss in diesem Mai hin - offiziell aus persönlichen Gründen.

Eine prominente Rolle spielt im Bericht der Kommission auch Sebastian Kurz. Der Bundeskanzler hatte die Quarantäne über das Paznauntal am 13. März gegen 14 Uhr eigenmächtig auf einer Pressekonferenz verkündet - Tausende Touristen erhielten die Nachricht oben am Berg auf ihrem Smartphone. Dadurch kam es zu "Panikreaktionen" von Gästen und Saisonkräften, wie der Bericht festhält. Tatsächlich brach in diesen Stunden das komplette Chaos aus: Tagesgäste eilten noch in Skischuhen zu ihren Autos, einige Menschen ließen ihr Gepäck in den Hotels zurück, um so schnell wie möglich einen Bus aus dem Tal heraus zu erwischen. Der Stau Richtung Landeck löste sich erst in der Nacht auf, weil viele ausländische Gäste erst am traditionellen Abreisetag am Samstag einen Flug gebucht hatten, übernachteten sie in Innsbruck oder München, wo sie das Virus weitertrugen.

Dabei hätte die Abreise eigentlich, zumindest für die ausländischen Gäste gestaffelt und kontrolliert ablaufen sollen - ein Plan, den die Pressekonferenz des Bundeskanzlers komplett zunichte machte. Kurz habe "ohne unmittelbare Zuständigkeit, überraschend und ohne Bedachtnahme auf die notwendige substantielle Vorbereitung" gehandelt, schreibt die Kommission - und damit "eine sinnvolle epidemiologische Kontrolle behindert". Ein Fehler, den der Bundeskanzler bis heute nicht eingeräumt hat.

Peter Kolba, Chef des Verbraucherschutzvereins und Organisator der Klagen gegen die Republik, würde Sebastian Kurz gern in Wien im Zeugenstand sehen. Die Anklageschrift im Fall Hannes Schopf nennt Kurz als einen der Verantwortlichen, neben Innenminister Karl Nehammer, dem damaligen Gesundheitsminister Rudolf Anschober und dem Tiroler Landeshauptmann Günther Platter.

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