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Faktor Mensch einberechnet: Wie schlimm könnte die Winterwelle werden?

Faktor Mensch einberechnet Wie schlimm könnte die Winterwelle werden?

Die Corona-Winterwelle baut sich auf, die Fallzahlen steigen, die Intensivstationen füllen sich, mehr Menschen sterben an Covid-19. Wie schlimm könnte es noch kommen? Ein Blick in den Covid-Simulator zeigt mögliche Entwicklungen, aber vor allem, was den entscheidenden Unterschied machen könnte.

Dass in Herbst und Winter die Zahl der Corona-Neuinfektionen nochmal deutlich ansteigt, ist keine Überraschung, dass die vierte Welle schon Ende Oktober so stark Fahrt aufnimmt, vielleicht schon. Seit Anfang des Monats hat sich die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz von 63 auf aktuell 118 Fälle pro 100.000 Einwohner nahezu verdoppelt und die Kurve zeigt fast senkrecht nach oben.

Obwohl die Voraussetzungen im zweiten Corona-Winter durch die Impfungen völlig anders sind, sieht man die Auswirkungen auch bereits auf den Intensivstationen, wo die Belegung mit Covid-19-Patienten bei bereits recht knappen Kapazitäten rasch zunimmt. Auch die Zahl der Corona-Toten steigt, allerdings wesentlich langsamer als die Neuinfektionen nach oben gehen.

Exakte Prognosen nicht möglich

Die große Frage ist, wie schlimm es noch werden wird. Steigt uns die Welle über den Kopf und die Krankenhäuser kommen an ihr Limit? Oder bricht sie früh genug, um das zu verhindern? Und mit wie vielen Toten ist noch zu rechnen? Der bisherige Pandemieverlauf hat gezeigt, dass Prognosen extrem schwer sind. Das Virus und vor allem die Bevölkerung verhalten sich nicht immer so, wie man es erwartet. Man weiß nicht wirklich, welche Maßnahmen welche Wirkungen haben, verlässliche Daten fehlen, bisher unbekannte Faktoren werfen Berechnungen über den Haufen.

Mathematische Modelle haben sich deshalb in der Vergangenheit als nicht sehr zuverlässig herausgestellt und als Basis für politische Entscheidungen sind sie daher weitgehend ungeeignet. Man kann sie aber trotzdem nutzen, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, was passieren könnte und worauf man möglicherweise vorbereitet sein sollte. Und die Modelle können zu einem gewissen Maße zeigen, welche Faktoren es sich lohnt, zu beeinflussen.

Simulator zeigt nur mögliche Entwicklungen

Allgemein zugänglich ist der Covid-Simulator der Universität des Saarlandes. Vor knapp einem Jahr sagte er zwar nicht präzise voraus, was passieren wird. Doch er zeigte klar, dass bis Weihnachten mit sehr hohen Inzidenzen und auch mit vielen Toten zu rechnen war - und so trat es schließlich auch ein.

Inzwischen haben die saarländischen Wissenschaftler an ihrem Modell gefeilt und neue Faktoren einbezogen. Damit arbeitet das Modell grundsätzlich schon mal genauer. Außerdem werden sich diesmal die Rahmenbedingungen in den kommenden Monaten kaum ändern, nach der jüngsten Beschlusslage wird es unter anderem eher keinen Lockdown geben und kaum zu Schulschließungen kommen.

Bei gleichbleibender Entwicklung errechnet der Simulator bis zum 25. November, an dem die epidemische Notlage auslaufen soll, eine bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz von rund 135 Neuinfektionen. Danach geht die Kurve weiter steil nach oben und zu Weihnachten liegen die Fallzahlen bei 250. Den Höhepunkt erreicht die vierte Welle dem Modell nach im März mit einer Inzidenz von fast 500, um dann ebenso schnell abzunehmen, wie sie zuvor zugelegt hatte.

Viele Tote, überlastete Krankenhäuser?

Die Todeszahlen steigen laut Simulator wesentlich geringer an, erreichen zum Höhepunkt im Februar Werte knapp unter 700 täglichen Opfern. Aktuell sterben in Deutschland im Sieben-Tage-Schnitt knapp 80 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19, im vergangenen Januar waren es fast 900.

Während man die errechneten Todeszahlen je nach Standpunkt noch als verkraftbar betrachten mag, hätten die Krankenhäuser bei diesem Szenario ein echtes Problem. Denn hier sieht das Modell im Februar bis zu 12.500 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen, von denen rund 7500 beatmet werden müssten. Die bisher höchste Zahl von Corona-Intensivpatienten wurde am 3. Januar 2021 mit 5745 registriert. Dieser Wert wäre laut Simulator bereits kurz vor dem Jahreswechsel erreicht.

Faktor Mensch entscheidend

Die Erfahrung lehrt aber, dass die Entwicklung nicht so gleichmäßig verlaufen dürfte, wie vom Modell errechnet. Denn die Bevölkerung ist keine stupide Herde, die nicht erkennt, was passiert. So ist zu erwarten, dass die Menschen an einem gewissen Punkt reagieren und ihr Verhalten ändern. Das war schon zu Beginn der Pandemie vor Inkrafttreten des ersten Lockdowns so und hat sich danach wiederholt.

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Würde sich nichts ändern, müsste man mit einer Überlastung der Krankenhäuser rechnen.

(Foto: CoSim Online)

Das sieht auch Physikerin Viola Priesemann so, die zusammen mit anderen deutschen Wissenschaftlern verschiedene Szenarien für den kommenden Winter berechnet hat, nachzulesen in "The Winter Dilemma" ("Das Winter-Dilemma"). Die Forscher gehen davon aus, dass eine steigende Zahl von Intensivfällen dazu führt, dass die Menschen sich selbst schützen möchten, indem sie freiwillig ihre Mobilität einschränken. Außerdem rechnen sie damit, dass sich dann auch mehr bisher skeptische Menschen impfen lassen werden.

Ein "Weiter so" könnte genau richtig sein

Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler ist, dass zu stark einschränkende Maßnahmen kontraproduktiv wären. Sie erwarten in so einem Fall zwar zunächst niedrigere Inzidenzen und damit Hospitalisierungs- und Todeszahlen. Das würde jedoch mehr als kompensiert, wenn im Frühjahr die Einschränkungen fallen und dann das Virus nochmal freie Bahn in mehr nicht geimpften beziehungsweise genesenen Menschen hätte.

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Ändern die Menschen ihr Verhalten, um sich zu schützen, kann die Winterwelle ohne zusätzliche staatliche Einschränkungen bewältigt werden.

(Foto: CoSim Online)

Es spricht also alles für einen Mittelweg. Und der entspreche in etwa einem "Weiter so", sagte Priesemann dem "Spiegel": Nicht zu viele Großveranstaltungen zulassen und Masken tragen, wo es vertretbar ist.

Drei Prozentpunkte können einen großen Unterschied machen

Das menschliche Verhalten im Simulator zu berücksichtigen, ist nicht ganz einfach. Man kann aber eine wachsende Impfbereitschaft einstellen, die zu einer höheren Impfquote führt. In den Grundeinstellungen sind am 10. Dezember knapp 69 Prozent der Bevölkerung durchgeimpft und das war's. Angesichts des lahmenden aktuellen Fortschritts könnte das passieren, bisher sind erst 66,4 Prozent erreicht.

Stellt man die Regler so ein, dass zum gleichen Zeitpunkt knapp 72 Prozent durchgeimpft sind, steigt die Inzidenz nur bis Ende Januar auf bis zu 220 Neuinfektionen an. Wichtiger aber ist, dass die Zahl der Intensivpatienten 5800 nicht überschreitet. Das wäre zwar immer noch sehr hart für die Stationen, aber wahrscheinlich mit Ach und Krach zu stemmen.

Auch die täglichen Todeszahlen würden bei diesem Szenario mit höchsten 320 wesentlich niedriger ausfallen. Und wenn sich noch mehr Menschen impfen lassen und/oder vorsichtiger verhalten, könnte die Winterwelle sogar noch glimpflicher ablaufen. Es liegt an jedem Einzelnen.