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Fliegen ohne Gewissensbisse: Wie viel Zukunft hat synthetisches Kerosin?

Köln -

Der Begriff „Flugscham“ schaffte es in der deutschsprachigen Schweiz 2019 zum Wort des Jahres. Doch die Menschen wollen reisen. Wie lässt sich ein ökologisches Leben damit verbinden? Beim Auto scheint derzeit der batterie-elektrische Antrieb die beste Lösung zu sein. Kann man also auch mit dem Akku von A nach B fliegen? Manche hoffen auf das elektrische Flugtaxi. Pioniere darin sind die Münchener Tüftler der Firma Lilium. Deren Liliumjet genanntes Flugobjekt soll mit 36 Elektromotoren gespeist aus leistungsstarken Batterien Personen befördern. Ferne Zukunftsmusik scheint das nicht zu sein.

Der Düsseldorfer Michael Schweers etwa hat sich schon zur Aufgabe gemacht, um die Landeshauptstadt herum eine Ladeinfrastruktur bereitzustellen. Aber es gibt Skeptiker. „Für kleinste Strecken mag das klappen, damit über den Atlantik zu fliegen ist schlicht nicht möglich“, sagt Manfred Aigner, Professor und Direktor des Instituts für Verbrennungstechnik beim DLR. Seine Vision für das Fliegen der Zukunft ist CO2 -neutrales Kerosin. Dazu gibt es zwei Wege. „Einerseits kann man den Treibstoff aus Biomasse gewinnen“, sagt Aigner im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Doch da stand der Biosprit stets in der Konkurrenz zur Lebensmittelerzeugung. Diesen Schritt aber sieht Aigner heute überwunden. „Es gibt Biomasse, die quasi übrig ist. Jedes Jahr werden ungenutzt etwa zehn Millionen Tonnen Stroh in Deutschland entsorgt. Bei dessen Verrottung entsteht auch Kohlendioxid, aber völlig ungenutzt“, sagt Aigner. Da Stroh als Einstreu kaum noch genutzt wird, ist es praktisch Müll. Ähnlich sei das mit Waldabfällen oder Klärschlamm. Der zweite Weg besteht für ihn in der Herstellung von Öko-Kerosin aus Strom, der aber aus Wind und Sonne gewonnen werden muss.

Deutschland voller Windräder und Solarparks für Fernreisen also? Für Aigner ist klar, dass sich Deutschland ohnehin „nicht selbstständig mit regenerativer Energie versorgen kann“. „Doch die notwendige Industrie kann auch in Wüsten gewonnen werden, Biomasse kann sogar aus den Meeren kommen“, sagt Aigner. Dann würde der Energieträger der Zukunft etwa per Schiff vom Äquator nach Deutschland kommen. Viel anders ist es mit dem heutigen Öl ja auch nicht.

Aber kann man mit Öko-Kerosin überhaupt fliegen? „Heute dürfen Flugzeuge zu 50 Prozent mit diesem neuen Treibstoff fliegen, wir haben es mit einem Airbus A320 ausprobiert“, sagt Aigner. Auch 100 Prozent seien technisch möglich, nur nicht erlaubt, weil sehr alte Maschinen es nicht vertrügen. Messungen bei echten Flügen hätten gezeigt, dass der neue Treibstoff sogar weniger Feinstaub hinterlässt.

Aber ist das Öko-Kerosin auch bezahlbar? Aktuell kostet es das Fünffache von Flugbenzin. Doch es entsteht nur zu Forschungszwecken. „Bislang hat keiner eine Fabrik gebaut. Ich bin aber optimistisch, dass es mit der Zeit lediglich 30 bis 50 Prozent mehr als Erdöl-Kerosin kosten wird.“ Einen Anteil von 20 Prozent Öko-Sprit für Flugzeuge bis 2030 hält Aigner für „technisch ehrgeizig, aber machbar“. Die Rahmenbedingungen dafür aber müsse die Politik aber erst einmal schaffen.