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Frankfurter Premiere: Die leeren Gesichter des Kapitals

Kapitalismus, das ist ein Wort, das ihm nur schwer über die Lippen kommt. Wenn es auf seiner Zunge liegt, fängt er an zu schreien. Der linke Schriftsteller, der ein kapitalismuskritisches Stück verfassen will, weil der Kapitalismus „schlecht und ganz verdorben ist“, scheitert an seinen eigenen Ambitionen. Auf einem grünen Spielfeld steht er, in einem Anzug, dessen Muster exakt das gleiche ist wie das des Feldes. Von dort aus monologisiert er über die Ordnung, die unser Dasein bestimmt. Schnell wird klar: Das Leben ist ein Spiel, dessen Regeln wir alle unterworfen sind. Das gilt auch jetzt, bei diesem lustigen Theaterabend in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt.

Die Regisseurin Lea Gockel debütiert hier mit der deutschsprachigen Erstaufführung des komödiantischen Kammerspiels „Das Gesicht des Bösen“ von Nis-Momme Stockmann. Das Stück will die Abgründe unserer Wirtschaftsordnung aufzeigen – eigentlich ein wenig innovatives Unterfangen für eine deutschsprachige Bühne. Doch Gockels humoristische Inszenierung ist gegenwärtiger als vieles andere, das sonst so den freien Markt hinterfragt. Erstmals wurde der Text im Frühjahr 2021 in Aarhus aufgeführt.

„Die sehen alle so nett aus.“

Das Stück besteht aus drei Szenen. Zunächst spricht der namenlose Schriftsteller, gespielt von Sebastian Kuschmann, einen Monolog von der Gesichtslosigkeit der Wirtschaftsordnung und fragt nach dem „Gesicht des Bösen“. Sind es die Hedgefonds-Manager, die Politiker, die Vorstände? „Die sehen alle so nett aus.“ Dass er keine Antwort auf seine Frage findet, führt ihn an den Rand des Wahnsinns. „Ein Autor, der etwas auf sich hält, muss den Kapitalismus kritisieren“, sagt er mit erhobenem Haupt, dass sich jedoch schnell wieder senkt.

Gockels Adaption ist eine Collage der Kapitalismuskritik, die sich dem Kapitalismus beugt. Im Stakkato-Rhythmus schießt der Schriftsteller seine Wortsalven ohne Punkt und Komma in den Saal. Die Performance entwickelt sich zum Elevator-Pitch, bei dem die Stoppuhr ständig mitläuft. In Gockels Inszenierung bedeutet Zeit Geld, auch am Theater. Der Schriftsteller stolpert über seine Worte, denn die unsichtbare Hand des Marktes, die er sezieren will, lässt den Text aus-einanderfallen, bis nur noch effiziente Textfetzen übrig bleiben. Die Wirtschaftsordnung präge eben auch das Theater. Zynisch merkt er an, „dass der Hauptsponsor des Schauspiels immer noch die Deutsche Bank ist“.

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Mit der zweiten Szene kommt der radikale Schnitt. Die Scheinwerfer sind nun auf das pochende Herz des Kapitalismus gerichtet, in dem sich ein psychologisches Kammerspiel entfaltet. Zwei Archivare, genannt Schwarz, gespielt von Friederike Ott, und Blau, dargestellt von Fridolin Sandmeyer, sitzen im Keller eines Bankenhochhauses zwischen ihren Akten. Das Bühnenbild ist kalt und karg: Überwachungskameras, Monitore, kahle Wände. Die Nadelstreifenanzüge sitzen eng, die Haare der beiden sind streng nach hinten gekämmt, ihre Gesichter versteinert. Doch dann klingelt das Telefon: Sie sollen für einen besonderen Auftrag in den obersten Stock des „Towers“. Akten sollen sie bringen, geheime Akten, die explosive Informationen über Steuerhinterziehung, Korruption und Krisen enthalten. Eine gute Gelegenheit, um Eindruck bei den Chefs zu machen. Doch bei der Fahrt mit dem Aufzug stoppt die Effizienzmaschinerie. Der Fahrstuhl bleibt stecken. Für eine halbe Stunde liefern sich die beiden nun einen aggressiven Dialog über den Sinn ihres Daseins, aus dem sie ramponiert und gebrochen hervorgehen. „Ich habe mich bemüht“, sagt Blau weinend. „Vielleicht ist das das Problem“, entgegnet Schwarz bissig. Als der Fahrstuhl sich öffnet, stehen Demonstranten vor der Tür. Doch anstatt sich ihnen anzuschließen, streiten sie nun erbittert darum, wer von ihnen den Aktenkoffer nach oben tragen und in der Firmenhierarchie aufsteigen darf.

Stockmann und Gockel stellen die Gefangenheit der Angestellten in ihrem Unternehmen dar. Die Aufzugszene erinnert an das Vater-Tochter-Verhältnis bei „Toni Erdmann“ und an den Habitus der Banker in der Serie „Bad Banks“, denen ihre Karriere wichtiger ist als alles andere. „Irgendwann muss jeder mal nach oben“ lautet denn auch das unbefriedigende Credo dieses Abends. Am Ende tritt noch einmal der Schriftsteller auf, schafft es aber wieder nicht, die richtigen Worte für die Krise der Ordnung zu finden. Die Uhr tickt unaufhörlich. Das Licht geht aus. Die Frage, wie das böse Gesicht des Kapitalismus aussieht, bleibt weiterhin unbeantwortet. Leise dringt ein letzter Satz aus dem Dunkeln auf der Bühne: „Der Trick des Kapitalismus ist, dass er uns an den falschen Stellen suchen lässt.“