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Gerichtsprozess: Misshandlung eines Nachbarn – Bedrohte Zeugin sagt nicht öffentlich aus

Es war ein weiterer Tag am Landgericht Neubrandenburg im zähen Ringen um die Wahrheit. Im Prozess um einen misshandelten Mann, der Ende Februar diesen Jahres in Lärz (Mecklenburgische Seenplatte) verprügelt und zum Sterben in einem Bunker im nahe gelegenen Wald aussetzt worden war, werden die Zusammenhänge der Tat immer plastischer.

Sex oder nicht? Keine Erinnerung

Dazu tragen auch die Zeugen bei, die am sechsten Prozesstag zu Worte kommen sollten. Das gelang mal mehr, mal weniger respektvoll dem Gericht gegenüber. Bei einem Zeugen waren die Gedächtnislücken so groß, dass er sich – von der Richterin danach befragt – nicht einmal mehr daran erinnern konnte oder wollte, ob er mit der Hauptangeklagten Geschlechtsverkehr hatte oder nicht. Der Arbeitssuchende mit Wallebart blieb bei einem „Da kann ich nichts zu sagen”.

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Ein anderer Zeuge, der am zurückliegenden Prozesstag für viel Warten und Kosten gesorgt hatte, weil er angeblich keine Ladung bekommen hatte, hatte diesmal per Zug den Weg aus Berlin in der Vier-Tore-Stadt gefunden. Allerdings hörbar genervt, da man ihn zwei Stunden habe vor dem Gerichtssaal warten lassen: „Ick versteh' dat nich. Wat soll ick hier? Wat soll der ganze Mist?”, machte er sich laut Luft.

Mit Alkohol zu launigen Antworten

Auf die obligatorische Frage an Zeugen, wie alt er sei, kam ein „100”. Was Richterin Daniela Lieschke alles andere als angemessen fand und das auch deutlich machte. Anschließend gab der 49-jährige Hauptstädter, der seinerzeit auch in Lärz gewesen sein soll, zu, dass er „gern mal wat trinkt” und möglicherweise auch vor seiner wenig erhellenden Zeugenaussage „wat jetrunken haben könnte”. Ehrlichkeit, die ihm zumindest das Grinsen der Angeklagten einbrachte.

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Dabei ist der Selbstjustizprozess, in dem der kalkulierte Tod eines Menschen verhandelt wird, alles andere als lustig. Das wurde bei einer weiteren Zeugin deutlich. Sie wurde auf Antrag ihres Zeugenbeistands unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt. Begründung: Persönlichkeitsschutz.

Zeugin berichtet von Anfeindungen

Denn die junge Mutter soll bereits von einem Bekannten der 26-jährigen Hauptangeklagten bedroht worden. Sie solle „ihr Maul halten und niemandem etwas erzählen”, sonst würde sie schon sehen, „was passiert”. Zudem sei sie auch in den sozialen Netzwerken inzwischen so angefeindet worden, dass sie umgezogen sei, um sich und ihr Kind zu schützen.

Der Schutz ihrer beiden Kinder, sechs und zwei Jahre alt, vor angeblichen sexuellen Übergriffen des Nachbarn soll auch das Motiv der Hauptangeklagten gewesen sein, den 39-Jährigen in Lärz gemeinsam mit ihren mutmaßlichen Komplizen auf grausame Weise büßen und sterben zu lassen. Sie sollen ihn in dessen Wohnung aufgesucht, geschlagen, mit einem Cuttermesser „tätowiert” und ihm die Haare „geschnitten” haben. Anschließend habe das Opfer einen Sack über den Kopf bekommen, sei in ein Auto gezerrt und in ein einige Kilometer entferntes Waldstück gebracht worden. Dort habe er wieder körperliche Gewalt erlebt und sei in den Bunker gestoßen worden. Er überlebte trotz starker Unterkühlungen und blutiger Wunden am ganzen Körper.

Am nächsten Prozesstag wird das Opfer befragt

Der 39-jährige Epileptiker soll laut Gericht noch heute psychisch unter den Folgen des Erlebten leiden. Der Mann wird am kommenden Donnerstag, wenn die Verhandlung ab 10 Uhr am Landgericht Neubrandenburg fortgesetzt wird, audio-visuell befragt werden. Eine Vernehmung im Gerichtssaal vis a vis mit seinen mutmaßlichen Peinigern sei ihm nicht zuzumuten.

Die vier Angeklagten haben sich bis dato nicht zu den Vorwürfen des versuchten Mordes geäußert. Sie können nun aber noch einmal nachlesen, was sie sich bis zum und am Tattag per Chat mit dem Handy haben wissen lassen. Die Ergebnisse der Auswertung ihrer Handys liegen vor. Und die Richterin hat ihnen je ein Konvolut dieser Korrespondenz gegeben. Für zwei der vier Beschuldigten ist diese Lektüre eine Option für die Zeit in der U-Haft. Die beiden anderen sind auf freiem Fuß.