Germany

Großes Interview zum Thema Wohnungsnot: „Wir brauchen jetzt Lösungen“

Der Befund ist alarmierend für die Sozialverbände – und er muss es wohl für uns alle sein. „Du kriegst in Weilheim keine Drei-Zimmer-Wohnung unter 1000 Euro“, sagt Thomas Koterba, der im Juli die Geschäftsführung des katholischen Caritasverbandes im Landkreis übernommen hat: „Ich frage mich schon, in welcher Größenordnung Menschen heute Geld verdienen müssen, um eine Familie durchbringen zu können.“

Weilheim - Stefan Helm, seit knapp zwei Jahren Geschäftsführer der evangelischen Diakonie Oberland, weiß: „Schon Normalverdiener können sich die Mieten in Weilheim und Umgebung oft nicht mehr leisten.“ Das Thema „bezahlbarer Wohnraum“ brennt den Chefs der kirchlichen Wohlfahrtsverbände vor Ort unter den Nägeln. Das zeigt sich im Gespräch mit unserer Zeitung, in dem Helm (53) und Koterba (56) erstmals gemeinsam die Stimme erheben.

Wie oft pro Woche schlägt denn das Thema „Wohnungsnot“ bei Diakonie und Caritas in Weilheim auf?

Stefan Helm: Bei unseren Beraterinnen und Beratern täglich. Es ist das Thema, gerade in der Beratung von Menschen mit Migrationsgeschichte. Aber auch für Alleinerziehende ist es ein Riesenproblem, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Früher hieß es mal, man brauche etwa 30 Prozent seines Einkommens für die Miete, heute sind wir da oft bei mindestens 50 Prozent. Das ist für viele nicht leistbar. Schon Normalverdiener können sich die Mieten in Weilheim und Umgebung oft nicht mehr leisten. Und es dauert zu lange, bis die langsam beginnenden Bemühungen der Politik Ergebnisse bringen. Wir brauchen jetzt Lösungen.

Thomas Koterba: Von Seiten der Bundes- und Landespolitik, so mein Eindruck, kommt bisher vielfach heiße Luft. Zum Beispiel: Man vermeldet stolz, wie viele Wohnungen mit Sozialbindung geschaffen worden sind, erwähnt aber nicht, dass im selben Zeitraum doppelt so viele ältere Wohnungen aus der Sozialbindung herausgefallen sind... Während wir hier miteinander sprechen, laufen bei uns in den Räumen nebenan Schuldner- und Insolvenzberatungen, und da ist immer auch „bezahlbarer Wohnraum“ das Thema. Wobei hier viele Räder ineinander spielen: Womöglich fände jemand in einem abgelegenen Dorf eine bezahlbare Wohnung, kann aber seine Arbeitsstelle dann nicht erreichen, weil wir keinen funktionierenden ÖPNV auf dem Land haben. Abgesehen davon: Eine Fahrkarte nach München ist für viele kaum zu bezahlen.

Gibt es insgesamt zu wenige Wohnungen – oder sind die Wohnungen, die es gibt, schlicht zu teuer?

Koterba: Beides. In Weilheim stehen viele Wohnungen leer, teils aus Spekulationsgründen. Leider haben wir im Wohnbaubereich keine soziale Marktwirtschaft mehr, sondern es agiert alles zum Wohle des Kapitals. Ich kann jeden Bürger verstehen, der das für sich ausschöpfen will. Aber auf diese Weise haben Leute, die nicht erben, keine Chance. Wer viel hat, muss auch mal schauen, dass er dem, der nichts hat, ein bisschen was zum Leben lässt.

Helm: Die Verteilung von Wohnraum ist schon immer ein Problem. Eigentlich gibt es ja ein Menschenrecht auf Wohnen – wobei es da um eine Wohnung als Schutz geht, nicht als Besitz. Auf diesen Schutz hat jeder Mensch ein Recht. Die Herausforderung ist: Wie schaffen wir ein Anreizsystem, dass dieses Ideal gelingt, dass jeder ein Dach über dem Kopf hat? Da kommt den Kommunen Verantwortung zu. Es ist auch ein Problem für das Gemeinwesen, wenn Mitarbeitende bei der Polizei, in den Krankenhäusern und im Einzelhandel sich das Leben hier nicht leisten können.

Die Geschäftsführer der Kreis-Caritas, Thomas Koterba (r.), und der Diakonie Oberland, Stefan Helm (Mi.), fordern im Interview mit Redakteur Magnus Reitinger Anstrengungen von Politik und Wirtschaft

Was kann eine Kommune da konkret tun?

Koterba: Sie kann zum Beispiel – wie es Weilheim schon getan hat – Regeln zur „sozialgerechten Bodennutzung“ erlassen: Dass bei Neubauprojekten ab einer bestimmten Größenordnung ein Teil der Wohnungen sozial vergünstigt abgegeben werden muss. Es gibt viele Kommunen, die so was noch nicht haben. Zudem kann eine Kommune schauen, was sie noch selbst an Grundstücken hat oder wo sie ein Vorkaufsrecht hat. Dort könnte man genossenschaftliche Projekte verwirklichen. Mein Wunsch wäre, dass man ein Grundstück in Weilheim findet, auf dem die Stadt einen Anfang macht, die Caritas und die Diakonie mit einsteigen und wir gemeinsam Wohnungen schaffen – mit Sozialbindung und einem Mietpreis, der allenfalls im Rahmen der normalen Inflation steigt. Da sehe ich auch unsere Verantwortung als Wohlfahrtsverbände.

Helm: Wir haben da eine Vorbildfunktion, müssen neue, innovative Projekte anstoßen. Das ist auch im Interesse unserer Mitarbeiter. Wenn ich hier aktuell eine Stelle ausschreibe, bekomme ich wegen der hohen Mietpreise kaum Bewerbungen von außerhalb, sondern nur von Leuten, die hier schon eine Wohnung haben. Da hat auch die Wirtschaft eine Verpflichtung – und eine Chance: Ein Unternehmen, das Wohnraum hat, hat auch Mitarbeiter. Das Thema Werkswohnungen hat ein Riesenpotenzial.

Koterba: Und da muss dann wiederum die Politik unterstützend tätig werden. Ich glaube schon, dass Gemeinden und auch der Landkreis da Einflussmöglichkeiten haben.

Helm: Ich fürchte allerdings, dass politisch Verantwortliche oft gar nicht wissen, wie herausfordernd es für einkommensschwächere Menschen ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden.

Koterba: Wir haben mit diesen Menschen täglich zu tun und müssen für sie lautstark unsere Stimme erheben. Es gibt auch in Weilheim Not, und darauf müssen wir laut hinweisen.

In wenigen Tagen ist Bundestagswahl. Sehen Sie bei den Bewerbern überzeugende Konzepte in Sachen „bezahlbarer Wohnraum“?

Koterba: Beim Triell der Kanzlerkandidaten habe ich dazu den Beteiligten nicht sehr viel gehört, das wurde von anderen Themen leider überlagert. Auch in den Parteiprogrammen sehe ich nur partiell Greifbares.

Helm: Es war wirklich ernüchternd, dass die soziale Frage beim TV-Triell kaum eine Rolle gespielt hat, mit Ausnahme des Hinweises von Frau Baerbock auf die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich. Die Diskussion um einen Mietendeckel hilft uns in Weilheim sicher nicht weiter. Es geht um kluge Anreizsysteme und einen guten ordnungspolitischen Rahmen. Die Politik muss stärker in den Blick nehmen, dass man das Thema Wohnen nicht dem Markt überlassen kann. Es ist eine Aufgabe der politischen Daseinsvorsorge, so wie Bildung oder der Bau von Straßen. Dazu braucht es auch Druck vom Volk – und ein Netzwerk.

Wie soll es diesbezüglich in Weilheim weitergehen?

Koterba: Ein Runder Tisch zum Thema „bezahlbarer Wohnraum“ könnte ein erster Aufschlag für ein solches Netzwerk sein.

Helm: Initiieren müsste den aber eigentlich die Kommune.

Football news:

Man City will 80 Millionen Euro für Sterling bekommen. Barça wird es sehr schwer haben, einen Transfer zu erzwingen
Ex-Schiedsrichter Pieri über Juventus - Roma: Hätte Orsato die Pfeife in der Hand und nicht im Mund gehalten, hätte er mehr Zeit gehabt
Josep Бартомеу: Barcelona betrachtete die Möglichkeit, Мбаппе, aber die Trainer haben es vorgezogen Dembele
Ferdinand Obmann: Sulscher muss anspruchsvoller sein für die Spieler. Ich habe mir das Spiel gegen Leicester zweimal angeschaut und war schockiert, wie desorientiert die Mannschaft war, wie sehr ihr die Einheit, die Kompaktheit fehlte
Ancelotti über Hazards Verletzungen: Eden Hazard ist am meisten verärgert. Real-Trainer Carlo Ancelotti hat sich über die regelmäßigen Verletzungen von Trainer Eden Hazard geäußert
Mourinho zeigte beim Spiel gegen Juve erneut drei Finger. Vielleicht deutete er die Fans auf Trebl mit Inter an
Virgil van Dijk: Es ist schwer, nach einer Knieverletzung zurückzukommen. Das einzige, was ich tun kann, ist, mein Bestes zu geben, um der Mannschaft zu helfen