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Gründer Henning kontert Kritik: "Fort Knox ist unsicher gegen die Luca-App"

Seit Monaten kritisieren Aktivisten vor allem die zentrale Datenspeicherung der Luca-App. Im Interview mit ntv.de bekräftigt Geschäftsführer Hennig: Die App ist sicher und wird im Winter wieder ein wichtiger Baustein bei der Pandemiebekämpfung. Er gibt aber auch zu: Ein Allheilmittel ist sie nicht.

ntv.de: Als die Luca-App auf den Markt kam, galt sie als Geniestreich, um die Infektionsketten zu durchbrechen. In letzter Zeit ist es etwas ruhiger um die Anwendung geworden. Was ist schiefgelaufen?

Patrick Hennig: Wenn wir heute noch genauso viel Aufmerksamkeit wie im März und April bekommen würden, wäre das sicherlich überraschend. Aber wir wissen, wo wir herkommen. Noch im vergangenen Jahr lagen überall Zettel aus und wir kannten quasi die Telefonnummern unserer Nachbarn. Im Vergleich dazu hat sich in den vergangenen Monaten einiges geändert. Ich würde sagen, dass wir unsere Erwartungen und Ziele erfüllt haben. Natürlich ist aber auch die Luca-App kein Allheilmittel, aber ein sehr wichtiger Baustein der Pandemie-Bekämpfung, gerade in Hinblick auf den Winter.

Ihre Anwendung wird seit Monaten von Datenschutz-Aktivisten und Sicherheitsforschern kritisiert. Was entgegnen Sie?

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Firmengründer Patrick Hennig.

Schon vor Luca hat sich unser Unternehmen intensiv mit IT-Sicherheit befasst. In der Kritik stand ja die Grundidee hinter der App: zentrales System mit konkreten Informationen zu Ort, Zeit, Räumlichkeiten als Entscheidungsgrundlage für Gesundheitsämter wie bei Luca versus dezentrales, unkonkretes System zur individuellen Warnung wie bei der Corona-Warn-App. Die Sicherheit des Luca-Systems selbst war immer gegeben und ist heute stärker denn je. Ich würde sagen, Fort Knox ist unsicher dagegen. Dadurch, dass die Schlüssel im ganzen Land verteilt sind, gibt es keinen zentralen Angriffspunkt. Weder die Gesundheitsämter noch wir noch die Betreiber können allein auf die Daten zugreifen. Das macht dieses System so einzigartig. Es gibt außer Luca kein System zur Kontaktdatenerfassung, das dieses Maß an Sicherheit bietet. Wären wir nicht schon mit diesem hohen Maß an Sicherheit gestartet, würde es uns heute gar nicht mehr geben. Da bin ich mir sicher.

Haben Sie mit so viel Gegenwind gerechnet?

Nach den Diskussionen im vergangenen Jahr haben wir ein Stück weit damit gerechnet. Dass es am Ende so massiv kommt, aber nicht. Als wir den Quellcode veröffentlicht haben, haben wir ein eigenes Zertifikat für Entwickler hochgeladen, damit die schneller mit unserem Open-Source-Projekt starten können. Niemand hat sich das genau angeschaut, auf Twitter war trotzdem zu lesen: Die sind so doof, die haben Zertifikate veröffentlicht. Dabei war das ja Absicht. Wenn wir uns anschauen, was wir auf Basis des Feedbacks im Nachhinein geändert haben, sind es wenige Dinge gewesen. Das Krypto-System ist immer noch das gleiche wie an Tag eins. Und es hat gehalten. Wir haben in den vergangenen Monaten gesehen, dass keinerlei Kontaktdaten abhandenkamen.

Kritiker stellen nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Relevanz der Luca-App infrage. Der Chaos Computer Club etwa beziffert die Zahl der täglichen aktiven Nutzer auf gerade mal rund sechs Millionen Menschen. Das ist ein bisschen wenig.

Ist das wirklich wenig? In Wahrheit sind es sogar weniger als sechs Millionen Nutzer am Tag. In den vergangenen Wochen haben wir rund zwei Millionen Check-ins pro Tag verzeichnet. Man geht ja nicht jeden Tag ins Restaurant, in den Club oder in eine Bar. Insgesamt haben sich mehr als 36 Millionen Bürgerinnen und Bürger bei Luca registriert. Von unseren Android-Nutzern, die die App im September heruntergeladen haben, sind 85 Prozent der Downloads noch immer aktiv. Das ist eine sehr hohe Quote für eine App. Dass sich nicht alle Nutzer täglich an unserem System einchecken, heißt nicht, dass die App nicht genutzt wird. Sie kommt ja auch beim Vorzeigen des Impfnachweises zum Einsatz, ohne dass wir dies nachvollziehen können.

Was kann die Luca-App besser als die Corona-Warn-App?

Das sind zwei ganz unterschiedliche Lösungen. Bei der Corona-Warn-App geht es um das Risiko-Radar: Wie nah und wie lang saß ich mit jemandem zusammen? Wenn einer positiv getestet ist, kann die Corona-Warn-App andere darüber informieren. Obwohl die Corona-Warn-App dauerhaft im Hintergrund läuft, erfasst sie keine Kontaktdaten. Der Kern der Luca-App ist die digitale Anbindung an die Gesundheitsämter, die nur bei der Luca-App die Chance haben, eine individuelle Risikoeinschätzung vor Ort vorzunehmen und abgestuft zu warnen. Wir verstehen uns als Digitalisierungstool für die Behörden, damit die Akteure direkt miteinander kommunizieren und Entscheidungen treffen können, um Infektionsketten effektiv zu durchbrechen.

Haben Sie auf Ihrem Handy auch die Corona-Warn-App installiert?

Ja, ich habe beide, klar. Das würde ich auch jedem empfehlen.

Ist es denn sinnvoll, auf zwei Apps parallel zu setzen?

Darüber kann man sich streiten. Einerseits macht es generell aus Datenschutzgründen Sinn, da zu trennen, wo man trennen kann. Das ist ein ganz wichtiger Grundsatz. In einer App, die meine Kontaktdaten erfasst, möchte ich mich aktiv dazu entscheiden, wann ich mich einchecke und wann nicht. Anders ist das technisch auch nicht möglich. Apple und Google haben entschieden, dass die Distanzfunktion wie bei der Corona-Warn-App nur aktiviert werden darf, wenn keine Kontaktdaten und ortsbezogene Informationen gesammelt werden.

Die Luca-App hat im Saarland laut SR-Informationen seit ihrer Einführung bei keinem einzigen Corona-Fall bei der Ermittlung von Kontaktpersonen geholfen. Im gleichen Zeitraum gab es allerdings mehr als 13.000 bestätigte Infektionen. Wie kann das sein?

Insgesamt sind 323 von rund 375 Gesundheitsämter angeschlossen. Mit vielen sind wir wöchentlich im Austausch, die unsere Anwendung sehr aktiv nutzen. Aber natürlich arbeiten 323 Gesundheitsämter alle unterschiedlich. Die Digitalisierung in den Gesundheitsämtern ist eine große Herausforderung. Für eine Nachverfolgung braucht es ein sinnvolles Konzept. Hinzu kommt: Jedes Gesundheitsamt und jeder Landkreis hat eigene Datenbeauftrage und damit unterschiedliche Anforderungen. Gerade über den Sommer, als es in der Außengastronomie gar nicht verpflichtend war, sich einzuchecken, kamen weniger Meldungen. Wenn ich im Biergarten mit genügend Abstand sitze, wo soll das Infektionsrisiko herkommen? In solchen Momenten ist die Nutzung der App natürlich deutlich geringer. In Bereichen mit viel Innengastronomie und in Clubs haben wir am Ende der Sommerferien eine ganz starke Nutzung durch die Gesundheitsämter gesehen. In den vergangenen zwei Wochen ist die Nutzung massiv angestiegen.

Wie nützlich ist die Luca-App dann überhaupt bei so einer Bilanz?

Die Technologie ist neu. Wir haben sie Ende März erst eingeführt. Trotz der Herausforderungen muss man sagen: Wir haben kein Gesundheitsamt getroffen, das noch mit Hammer und Meißel auf Steintafel hämmert. Unsere Aufgabe ist es, die Behörden zu unterstützen und das tun wir wöchentlich mit Schulungen. Kontaktverfolgung ist und bleibt ein Thema in diesem Herbst und Winter. Die aktive Nutzung unserer Lösung müssen wir gemeinsam Stück für Stück etablieren. Zumal zu befürchten steht, dass das nicht die letzte Epidemie sein wird.

Wurde die App im Vorfeld zu sehr gehypt?

Seit Anfang Juni haben wir 250 Millionen Check-ins in Deutschland registriert. Damit haben wir 250 Millionen Zettel gespart und damit übrigens auch im wahrsten Sinne des Wortes eine Menge Holz. Und auch eine Menge Arbeitszeit, die wir den Betreibern von Cafés und Restaurants erspart haben. Wir haben angefangen in einem Pflegeheim im Salzlandkreis. Mit der Luca-App sind die gebuchten Slots der Kontakterfassung weggefallen. Allein dadurch konnten die Familien länger bei ihren Angehörigen bleiben. Klar, es ist am Ende auch unsere Aufgabe, die Gesundheitsämter zu befähigen, gut mit unserer Technologie arbeiten zu können.

13 Bundesländer haben sich im Frühjahr für die Luca-App zur Kontaktvermittlung entschieden. Ihr Startup hat mit den Lizenzen ordentlich Geld verdient. Was haben Sie damit gemacht?

Knapp ein Drittel unserer Einnahmen haben wir mit insgesamt 4,5 Millionen Euro an Telekom, Vodafone und Co. für SMS bezahlt. Ein weiteres Drittel geht in die Infrastruktur, das letzte Drittel geht in Entwicklung und Support. Wir entwickeln unsere App ständig weiter. Damit gibt es deutlich teurere IT-Großprojekte. Ich finde, wir haben das relativ effizient hinbekommen.

Was wird aus der Luca-App, sollte die Pandemie eines Tages überstanden sein?

Die Frage, ob wir diese Infrastruktur auch in Zukunft weiter nutzen können, stellen wir uns natürlich auch. Momentan liegt unser Fokus mit Blick auf den Winter aber vor allem darauf, die Gesundheitsämter bei der Kontakterfassung und Nachverfolgung zu unterstützen. Da haben wir die nächsten Wochen und Monate noch einiges zu tun. Betreiber haben momentan ein riesiges Problem, die 2G- oder 3G-Regeln zu prüfen. Da wollen wir die Gastronomen mit einer neuen Betreiber-App unterstützen, die nächste Woche an den Start geht. Damit können sie dann die ganzen Nachweise prüfen und die Kontakterfassungspflicht besser erfüllen.

Mit Patrick Hennig sprach Juliane Kipper