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Ich drücke Facebook die Daumen – denn Tiktok ist das viel größere Übel

Facebook will mal wieder einen Konkurrenten kopieren, und diesmal muss man dem sozialen Netzwerk von Mark Zuckerberg tatsächlich die Daumen drücken, dass das gelingt. Erstmals kommt der Angreifer nicht aus dem Silicon Valley, sondern wird in China kontrolliert. Facebook will künftig auch ein wenig mehr wie die chinesische Videoplattform werden, denn dort sind die jungen Nutzer, der Konkurrent wächst rasant.

Tiktok ist – das muss man bei allen Bedenken gegen die Plattform sagen – nicht ohne Grund erfolgreich. Der Algorithmus der Chinesen ist unglaublich gut, er schafft das, was Facebook vor einigen Jahren auch noch konnte: Er überrascht. Vor allem damit, wie gut das Netzwerk die eigenen Vorlieben und Interessen kennt.

Mit einer Mischung aus Grusel und Bewunderung konnte man in der Anfangszeit von Facebook beobachten, wie das Netzwerk aus den einzelnen Datenpunkten immer neue Freunde und Inhalte generierte, mit denen die Nutzer sich verbinden wollten. Es entstand ein Sog, der Milliarden Menschen dazu verleitet hat, Facebook weitere Daten anzuvertrauen.

Genau diesen Effekt gibt es heute bei Tiktok. Während Facebook zu einer langweiligen Plattform geworden ist, auf der man im besten Fall zwischen den zahllosen Werbeanzeigen noch ein paar Urlaubsfotos der Tante entdeckt, die man eigentlich nie sehen wollte, fesselt der Algorithmus der Chinesen seine Nutzer ans Handy.

Immer neue Videos setzt der Algorithmus den Tiktok-Nutzern vor, die man selbst nie gesucht hätte, weil man nicht einmal wusste, dass es sie gibt, geschweige denn, dass man sie interessant finden würde. So scrollt man scheinbar endlos durch die Clips, die zwischen 15 Sekunden und drei Minuten lang sind, und liefert Tiktok immer neue Daten.

Für Tiktok gelten nur die Vorgaben aus Peking

Natürlich kann man das belächeln: Wer immer noch glaubt, dass bei Tiktok nur 13-jährige Mädchen ihre Tanzvideos hochladen, der glaubt auch, dass man für Facebook in den 2010er-Jahren nur sein Essen fotografiert hat. Man kann sich sogar wünschen, dass all das wieder verschwinden soll, dass Instagram keinen negativen Einfluss mehr auf die Entwicklung von Teenagern hat. Allein: Das wird nicht passieren. Und deshalb sollte man Facebook die Daumen drücken.

Denn wenn es Facebook nicht gelingen sollte, Tiktok durch Kopie und Nachahmung zurückzudrängen, dann werden die Netzwerkeffekte künftig für das chinesische Unternehmen wirken. Dann wird Tiktok uns besser kennen als wir selbst und es wird diese Macht zu nutzen wissen.

Ex-Mitarbeiterin erhebt schwere Vorwürfe gegen Facebook

Für Facebook war der jüngste Ausfall eine blamable Krönung schwieriger Wochen. Erst kürzlich hatte sich die ehemalige Mitarbeiterin Frances Haugen als Whistleblowerin zu erkennen gegeben und dem Online-Netzwerk vorgeworfen, Profit über das Wohl der Nutzer zu stellen.

Quelle: WELT/Steffen Schwarzkopf

Schon jetzt kann sich niemand sicher sein, was das Netzwerk schlicht ausblendet für seine Nutzer: Proteste in Hongkong? Kritik am chinesischen Regime? Spielen auf Tiktok natürlich keine Rolle.

Heute bestimmt Facebook mit seinen Algorithmen, was Milliarden Menschen denken und wahrnehmen, in welchen Blasen sie sich bewegen. Das ist nicht gut und muss dringend reguliert werden. Noch ist das möglich: Die Regeln für Facebook und seine Töchter Instagram und WhatsApp werden in Washington und Brüssel gemacht. Für Tiktok gelten nur die Vorgaben aus Peking.

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