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Ifo-Experte: Wäre vermeidbar: "Der harte Lockdown kommt"

Nicht ein erneuter Lockdown wäre nach Ansicht des Ökonomen Andreas Peichl nötig, sondern eine gezielte Reduzierung von Kontakten. Doch er fürchtet, dass Deutschland zu lange wartet. Bis ein Lockdown unumgänglich wird - und teuer. Peichl leitet das Ifo-Zentrum für Makroökonomik und lehrt Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

ntv.de: Das Bundesverfassungsgericht hat geurteilt, dass die "Bundesnotbremse" rechtens war. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht?

Andreas Peichl: Das Problem des Pandemie-Managements in Deutschland ist, dass wir versuchen, alles rechtssicher zu machen und deshalb so langsam reagieren. Rechtssicher ist natürlich gut, es wäre aber an der ein oder anderen Stelle besser, schneller zu reagieren und nicht auf das perfekte Gesetz zu warten.

Kommt nach dem Urteil nun ein neuer totaler Lockdown?

Er wird auf jeden Fall wahrscheinlicher. Ich würde allerdings nicht von einem totalen Lockdown sprechen, denn über die Einschränkungen, was wir in Deutschland bisher hatten, lachen andere Länder - europäische Länder, also nicht Diktaturen. In Italien, Spanien und Frankreich etwa waren die Ausgangsbeschränkungen und andere Maßnahmen viel schärfer.

Österreich gilt manchen deutschen Politikern zurzeit als Vorbild. Ist schon klar, wie sich die härteren Maßnahmen dort auswirken?

Wir haben immerhin ein bisschen schneller reagiert als Österreich, etwa mit 2G oder Teil-Lockdowns in Bayern. Dadurch haben wir ein wenig Zeit gewonnen, wir sind 15, 16 Tage hinter Österreichs Inzidenzentwicklung. Österreich hat zu spät reagiert, deshalb musste es den harten Lockdown geben. Außerdem wurde dort ja die Impfpflicht beschlossen. Ich fürchte allerdings, in Deutschland kommt es genauso. Man wollte weder das eine noch das andere, wartet aber zu lange - und am Ende werden wir beides bekommen. Die deutsche Politik wird jetzt wahrscheinlich nochmal ein, zwei Wochen warten, bis sie wieder strengere Maßnahmen beschließt. Dann wird es wahrscheinlich so weit sein, dass man nur noch einen Gesamt-Lockdown beschließen kann. Man hätte ihn vermeiden können, wenn man jetzt schneller handeln würde.

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Andreas Peichl

(Foto: picture alliance / photothek)

Was wäre Ihrer Meinung nach im Moment geboten?

Es ist richtig, regional differenziert vorzugehen. Wir müssen außerdem wieder weg von der Hospitalisierungsinzidenz, weil wegen deren zeitlicher Verzögerung auch die Reaktionen darauf vier Wochen zu spät kommen. Wir müssen auf jeden Fall so viel impfen, wie es geht, aber das hilft uns nicht bis Weihnachten. Für jetzt müssen wir viel mehr testen, vor allem dort, wo die Inzidenzen hoch sind, etwa in Schulen und Kitas mit PCR-Pooltests. Und wir müssen die Kontakte auf einen einstelligen Bereich reduzieren. Die Datenlage in Deutschland ist nicht gut. Aber wir wissen, dass Clubs, Diskos, Restaurants, wo viele Leute über einen längeren Zeitraum in einem geschlossenen Raum sind, ohne Maske, mit Alkoholkonsum und teils schlechter Belüftung, einen Großteil des Infektionsgeschehens erklären.

Was würden Sie deshalb dichtmachen?

Clubs, Diskos, Bars und Ähnliches komplett, was ja in einigen Gegenden schon gemacht wird. Ich würde auch Restaurants in Hochinzidenz-Gebieten nur noch liefern lassen. Für alles andere in einem geschlossenen Raum sollte 2G plus gelten, etwa in Fitnessstudios oder bei körpernahen Dienstleistungen.

Wie erklären Sie das einem Club- oder Restaurantbesitzer?

Um das Infektionsgeschehen einzudämmen, ist das zwingend erforderlich. Wir müssen sicherstellen, dass die Unternehmen, die eingeschränkt oder sogar geschlossen werden, eine Kompensation erhalten. Letztes Jahr war die Umsetzung der November- und Dezember-Hilfen eine Katastrophe. Man muss stattdessen schnell und unbürokratisch Hilfen auszahlen. Unternehmen, denen es gut ging, sollte es ermöglicht werden, die jetzigen Verluste mit Gewinnen aus der Vergangenheit zu verrechnen, so dass sie eine Steuerrückzahlung erhalten. So erreicht man sofort Liquidität. Der Bund muss hier einspringen, die Finanzmittel dafür sind da.

Woher soll das Geld kommen?

Wir können als Bund noch deutlich mehr Schulden machen. Am Ende des Jahres werden wir eine Staatsschulden-Quote von knapp 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts haben. 2009 nach der Finanzkrise waren wir bei deutlich über 80 Prozent und mussten keine Steuern erhöhen. Wir haben also noch genügend Puffer. Die Hilfsprogramme, die wir letztes und dieses Jahr gefahren haben, könnten wir noch zwei-, dreimal in gleichem Umfang fahren - ohne negative Auswirkungen. Es ist nicht schön, es kostet Geld, aber in Deutschland sind wir in so einer guten Verfassung, dass wir das noch ein paar Mal machen könnten. Auch wenn ich nicht hoffe, dass wir das müssen. Sondern das wir endlich lernen und die fünfte Welle hoffentlich verhindern.

Warum greifen wir dann nicht zu noch schärferen Maßnahmen?

Dann würde man zwar das Infektionsgeschehen noch schneller eindämmen. Ich fürchte aber, dass die Kollateralschäden und damit Kosten dann noch höher wären. Das hat zum einen ökonomische Folgen: Es drohen Einkommensverluste, Arbeitslosigkeit und Insolvenzen sowie langfristige Schäden durch Bildungsausfälle. Vor allem aber hat es auch andere Folgen: psychologische wie Depressionen oder etwa häusliche Gewalt. Da gibt es ja eine ganze Reihe von Studien. Es wäre deshalb nicht gut, alle Kontakte zu verbieten. Es können sich aus meiner Sicht auch ruhig zwei ganze Haushalte treffen, das Risiko hier ist überschaubar.

Ein neuer harter Lockdown wäre also "teurer" für unsere Volkswirtschaft als weiter steigende Infektionszahlen?

Jein. Auch steigende Infektionszahlen wären schlecht. Wir müssen sie runter bekommen, aber gezielter. Es ist besser, dort anzusetzen, wo sich die Infektionen übertragen, als alle Kontakte einzuschränken.

Um welche Branchen müssen wir uns dann besondere Sorgen machen?

Hotellerie, Tourismus, Gastronomie, "sozialer Konsum", wie es heißt, also auch Kinos, Theater, letztlich der ganze Kulturbereich, Fußballstadien und andere Sportveranstaltungen mit Zuschauern. 50.000 Menschen ohne Maske im Stadion sind verheerend für die Öffentlichkeitswirkung. Da fragen sich die Menschen, wieso sie sich selbst einschränken sollten, wenn das zugelassen wird.

Wer muss um seinen Job bangen?

Jeder, der in den genannten Bereichen arbeitet, muss sich auf Kurzarbeit einstellen. Wahrscheinlich wird es zum Teil auch Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit geben. Durch das Instrument der Kurzarbeit wird jedoch ein Großteil abgefedert.

Was sagen Sie den Betroffenen?

Es ist ganz wichtig, dass der Staat die Einkommensverluste kompensiert. Aber je länger wir warten, desto härter und länger müssen am Ende die Maßnahmen werden, weil die Infektionszahlen exponentiell steigen. Wenn wir jetzt bis Weihnachten warten, haben wir Maßnahmen bis Ostern.

Waren wir bisher zu zurückhaltend?

Das ist eine schwierige Frage. Je härter die Maßnahmen, desto schneller ist alles vorbei. Gleichzeitig sind dann die Kollateralschäden deutlich größer. Das Schwierige: Wie findet man die richtige Balance zwischen der Dauer und der Schärfe von Maßnahmen? Der Extremfall: Wenn ich die ganze Welt zwei Wochen lang zuhause einschließe, dann ist das Virus weg, aber auch vieles Andere. Dann bricht die Energieversorgung zusammen, die Nahrungsmittelversorgung. Dann haben wir keine Polizei und keinen Rettungsdienst mehr. Dann würden viel mehr Menschen sterben als durch das Virus. Man kann also nicht die ganze Welt lahmlegen. Wir brauchen allerdings auch nicht den Komplett-Lockdown, dass jeder zuhause bleiben muss.

Auch nicht in Hochinzidenz-Gebieten?

Dort braucht man vielleicht drastischere Maßnahmen, insbesondere bei Inzidenzen über 1000, 2000. Auch dort werden nicht die meisten Infektionen durch Treffen von zwei Haushalten entstehen. Aber ein Total-Lockdown dort könnte ein sinnvolles Signal an die Bevölkerung sein, dass die Lage wirklich ernst ist.

Mit Andreas Peichl sprach Christina Lohner