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Impfstoff für Problemviertel: "Die Corona-Leugner schaffen das doch auch"

Beengte Wohnverhältnisse, sprachliche Hürden, mitunter eine Abneigung gegen als willkürlich empfundene Regeln - es hat Gründe, warum Corona manche Wohnviertel härter trifft als andere. Jetzt reagiert die Politik.

"Köln-Chorweiler Inzidenz 500, Köln-Hahnwald Inzidenz 0", auf diesen Gegensatz zwischen einem sozialen Brennpunkt und einem Kölner Villenviertel lässt sich das Problem herunterbrechen: Offensichtlich können sich nicht alle Menschen in Deutschland gleich gut gegen Corona schützen. Der prägnante Vergleich stammt von Armin Laschet, der damit in der vergangenen Woche begründete, warum die nordrhein-westfälische Landesregierung neben der vom Bund vorgegebenen Impfpriorisierung nun noch eine eigene Rangliste eingeführt hat - eine soziale.

"Da, wo Menschen in beengteren Wohnverhältnissen leben, ist die Gefahr sich anzustecken größer als bei jemandem, der in einem großzügig angelegten Einfamilienhaus wohnt", sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident. Deshalb müsse dort geimpft werden, "wo Menschen enger zusammenleben als anderswo".

So stand am vergangenen Montag in Köln-Chorweiler ein Impfmobil der Feuerwehr auf dem Pariser Platz, im Hintergrund Hochhäuser, vor dem Wagen eine lange Menschenschlange. Über 500 Impfdosen hatte das Medizinerteam an Bord, sie reichten bei weitem nicht für alle Interessierten.

"Das ist sehr gut angelaufen", freute sich der Kölner Sozialpsychologe Musa Deli nach dem Start der Brennpunkt-Impfkampagne im Gespräch mit ntv.de. Der Leiter des Gesundheitszentrums für Migrantinnen und Migranten in Köln plädiert schon seit langem dafür, die höheren Infiziertenzahlen unter Menschen mit Migrationshintergrund nicht zu verschweigen. Auch nicht, wenn es darum geht, rechte Polemik zu vermeiden. "Es bringt uns nicht weiter, wenn wir nicht darüber sprechen", sagt er, selbst Kind eines türkischen Einwanderers, der Jahrzehnte lang in der Autoproduktion gearbeitet hat. "Wir brauchen die Daten und Studien, um zu erkennen, wo die Probleme liegen."

"Das ist Sozialmedizin, erstes Semester"

Mit dem Wunsch, Defizite offen anzugehen, steht Köln nicht alleine da. Einen Tag nach dem Start des Impfmobils in Chorweiler reagierte der Berliner Senat mit der Ankündigung, eine ähnliche Kampagne auch in der Hauptstadt fahren zu wollen. Ab der kommenden Woche, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller, werde man 10.000 Impfdosen an Stadtteilzentren in sozialen Brennpunkten oder Quartiere in schwierigen Wohnsituationen liefern.

Der Vorstoß der Landesregierung stieß vor Ort auf geteiltes Echo. Patrick Larscheid, Amtsarzt aus dem Berliner Bezirk Reinickendorf, sagte, die Aktion gehe am eigentlichen Problem dieser Viertel vorbei: Es gebe Menschen, die sich gar nicht impfen lassen wollten, weil sie krude Vorstellungen hätten.

Berliner Amtsärzte plädieren schon seit langem vergeblich dafür, dass auch die Politik anerkennt, wie stark die soziale Stellung Einfluss nimmt auf die Gesundheit. Nicolai Savaskan, Chef des Neuköllner Gesundheitsamts, ärgert es geradezu, "wenn jetzt manche Politiker ganz erstaunt darüber sind, dass die Betroffenheit von Covid-19 etwas mit dem Sozialfaktor zu tun hat".

Alter, Geschlecht, Einkommensstatus und Bildungsstatus seien die Größen, die über die Gesundheit eines Menschen bestimmen. Und das Leben eines Armen ende statistisch gesehen neun Jahre früher als das eines Wohlhabenden. "Das ist Sozialmedizin, erstes Semester."

Auch aus Perspektive seines Kölner Kollegen Deli liegt eine der Hauptursachen für hohe Inzidenzen in Brennpunktvierteln und unter Menschen mit Migrationshintergrund in den Lebensbedingungen: Viele arbeiten im produzierenden Gewerbe oder sitzen an einer Ladenkasse, reinigen Büros, liefern im Paketdienst - mäßig bis schlecht bezahlte Jobs, bei denen Homeoffice nicht infrage kommt. Die meisten sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, oft leben drei Generationen unter einem Dach und auf engem Raum - eine weitere Ansteckungsquelle.

"Wir müssen die Kanäle bespielen, die die Menschen nutzen"

Speziell für muslimische Jugendliche sieht der Experte eine schwierige Situation: "Sie hatten vor Corona die Möglichkeit, in Cafés und Bars ihre Freiheit auszuleben, mal Alkohol trinken, mal flirten, ohne mahnenden Blick der Eltern. Seit einem Jahr ist das Bedürfnis unterdrückt, das führt zu Ungehorsam gegenüber dem Regelwerk."

Um das Regelwerk zu befolgen, müsste man es zunächst erstmal verstehen. Große Barrieren an exakt diesem Punkt treten auch im Berliner Bezirk Neukölln zutage, Migrationsanteil 45 Prozent. Im vergangenen Jahr entdeckte das Gesundheitsamt einen großen Ausbruch in einer rumänischen Community. "Dort sahen wir: Das sind relativ geschlossene Kreise, wo die Informationen gar nicht ankommen. Erst im Rahmen des Ausbruches haben wir die Menschen aufgeklärt und Vertrauen in staatliche Institutionen aufbauen können, und sie haben verstanden, wo das Infektionsrisiko lauert", erläutert Amtschef Savaskan. Seine Schlussfolgerung aus den Neuköllner Erfahrungen mit der Pandemie: "Die sozialen Gruppen mit Menschen anderer Herkunft haben eines gemeinsam: Im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft werden sie von uns medial und auch durch die Kampagnen viel schlechter bis gar nicht bespielt."

Der Bezirk versucht seitdem gegenzusteuern. Er beantragte Mittel vom Land Berlin, die prompt nicht genehmigt wurden. Aber die Gesundheitsschützer hatten den Bezirksbürgermeister auf ihrer Seite: Also schichtete man aus anderen Töpfen um. "Der Aspekt Aufklärung und Bürgerkommunikation ist völlig unterbelichtet", klagt Savaskan. Er hat Sozialarbeiter, Angestellte in der Jugendhilfe, Quartiersmanager schulen lassen, so dass sie über Corona aufklären können. Für sein interkulturelles Aufklärungsteam hat er sieben Mitarbeiter abgestellt. "Bei 330.000 Einwohnern ein Klacks", aber besser als nichts, so sieht es der Amtsleiter. Ein Viertel seiner Energie - "Manpower wie Budget" - stecke er derzeit in die gesundheitliche Aufklärung.

Auch Musa Deli in Köln vermisst bei den Behörden ein Gefühl dafür, wie schwierig es ist, sich über Corona-Risiken zu informieren, wenn man nicht die deutsche Sprache spricht. Werbetafeln an Bushaltestellen würden zwar die Verbote vermitteln, "aber nicht ihre Sinnhaftigkeit", sagt Deli. "Warum kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht ein paar Info-Videos drehen - auf Arabisch, Türkisch und in anderen Sprachen und sie in die Mediathek stellen?" Seine Mutter, 70 Jahre alt, nutzt Facebook und Instagram. Doch auf diesen Kanälen finden sich keine Corona-Infos. "Wir müssen die Kanäle bespielen, die die Menschen nutzen. Die Corona-Leugner schaffen das doch auch."

Spätestens wenn die Aufgeklärten und Impfwilligen unter den Köln-Chorweiler Anwohnern und in den Berliner Bezirken durchgeimpft sind, wird es unverzichtbar werden, mehr Geld und Energie auch seitens der Landesregierungen in die Prävention und Aufklärung in sozial schwachen Milieus zu stecken - auch in anderen Ballungsgebieten in Deutschland. Nicolai Savaskan hofft vor allem, "dass aus Opfern, um deren Aufklärung sich niemand scherte, in der Öffentlichkeit nicht plötzlich die Schuldigen werden, die Treiber der Pandemie". In diesem Punkt sind die Kölner und zukünftigen Berliner Impfmobile wichtige Symbole: Statt Anschuldigungen und Druck bringen sie kostbaren Impfstoff.

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