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Intensivstationen fehlt Personal: Auch Pflegenotstand verhindert "Freedom Day"

Intensivstationen fehlt Personal Auch Pflegenotstand verhindert "Freedom Day"

Trotz bisher relativ wenigen Covid-19-Patienten warnen Intensivmediziner vor einer drohenden Überlastung von Krankenhäusern, sollte die vierte Corona-Welle zu stark anwachsen. Es gibt zwar weit mehr als genug freie Intensivbetten, aber viel zu wenig Personal, um sie zu betreiben.

Bei Forderungen nach einem baldigen deutschen "Freedom Day" nach britischem, dänischem oder schwedischem Vorbild bleiben nicht nur signifikante Unterschiede bei Impfquoten, Alters- und Sozialstrukturen unberücksichtigt. Aufgrund einer vermeintlich hohen Zahl freier Betten und bisher relativ wenigen Covid-19-Patienten werden auch die Kapazitäten von Krankenhäusern überschätzt. Intensivmediziner warnen dringend davor, der Pandemie in Deutschland jetzt schon ihren Lauf zu lassen.

Auf den ersten Blick scheinen die Warnungen übertrieben zu sein. So hat das DIVI-Intensivregister zwar seit Ende Juli einen deutlichen Anstieg der Intensivbehandlungen von rund 350 auf aktuell etwa 1500 registriert. Doch von den Höchstständen im Januar oder April von mehr als 5000 Fällen ist man noch sehr weit entfernt. Und auch zu diesen Höhepunkten seien einige Krankenhäuser zwar am Limit, das deutsche Gesundheitssystem aber nicht überlastet gewesen, sagen Kritiker der Corona-Maßnahmen.

Was heißt "nicht überlastet"?

Das ist korrekt, muss allerdings in den Ohren von Intensivmedizinern und vor allem des Pflegepersonals extrem zynisch klingen. Denn sie haben die Überlastung mit großem Einsatz und zahllosen Überstunden möglich gemacht. Das heißt, die Menschen waren sehr wohl überlastet als sie das System vor dem Zusammenbruch gerettet haben.

Das traf aber nicht auf alle Krankenhäuser zu. So schürten Berichte von einzelnen Intensivstationen, deren Leiter auch Mitte April Normalbetrieb meldeten, den Eindruck, die Situation sei aufgebauscht. Doch das deutsche Gesundheitssystem ist nicht homogen, es gibt unter anderem große regionale Unterschiede, ein Stadt-Land-Gefälle und Krankenhaus ist auch nicht gleich Krankenhaus.

"Es gibt kleinere und größere Krankenhäuser. Wir unterscheiden Grundversorger, Regelversorger, Schwerpunktversorger und Maximalversorger", schrieb ein Narkosearzt auf Twitter gegen den falschen Eindruck an. "Kleine Krankenhäuser sind üblicherweise für die Regelversorgung zuständig. Das heißt, sie sind für alltägliche Krankheiten und Verletzungen gerüstet, nicht aber für komplizierte Operationen oder eben die Behandlung von schwerstkranken Covid-19-Patienten, die invasiv (intubiert) beatmet werden müssen."

Das trifft besonders dann zu, wenn sie eine ECMO benötigen, eine Extrakorporale Membranoxygenisierung. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine künstliche Lunge. Durch sie fließt das Blut des Patienten und wird mit Sauerstoff angereichert, weil seine eigene Lunge dies nicht mehr kann. Normale Krankenhäuser haben so etwas nicht, auch gut ausgestattete Einrichtungen nur selten. ECMOs findet man gewöhnlich in den großen Häusern wie beispielsweise der Berliner Charité.

"Low-Care"-Behandlungen, bei denen keine invasive Beatmung erfolgt, können oft auf Normalstationen ausgelagert werden. Problematisch sind daher vor allem die "High-Care"-Fälle. Diese Betten benötigen nicht nur viel, sondern auch hochqualifiziertes Personal.

Covid-19-Patienten brauchen mehr und länger Pflege

Dass Intensivbetreuung vor allem auch personalintensiv bedeutet, gilt schon in normalen Zeiten. Die Corona-Pandemie hat die Situation allerdings nochmal deutlich verschärft. Denn während andere Patienten, beispielsweise nach einer Operation oder einem Unfall, in der Regel nur einige Tage auf der Station bleiben, müssen schwer erkrankte Covid-19-Patienten oft mehrere Wochen intensiv behandelt werden, ein Monat oder mehr ist keine Seltenheit.

Außerdem ist die Behandlung von Corona-Patienten häufig besonders aufwändig. Invasiv beatmete Patienten müssen beispielsweise mit allen Schläuchen und Kabeln regelmäßig in die Bauchlage gedreht werden. Dafür sind rund fünf Personen nötig, oft müssen dies drei Pflegekräfte hinbekommen. Dazu kommen viele andere Komplikationen und die besonderen Hygienemaßnahmen.

Mit diesen Unterschieden erklärt sich auch, warum eine Analyse der Initiative Qualitätsmedizin rein statistisch zu dem Ergebnis kommt, dass es bei den intensiv behandelten schweren akuten Atemwegsinfektionen (SARI) im Vergleich zu 2019 in der Corona-Pandemie einen Rückgang gegeben hat. In der Statistik zählt ein OP-Patient, der fünf Tage auf der Station lag, ebenso viel wie ein Covid-19-Fall, der dort vier Wochen verbringt.

Leere Reserve

Zu einer zusätzlichen Verknappung führte im Februar die Rückkehr zu Personaluntergrenzen von zwei Patienten pro Pflegekraft in der Tagschicht, nachts auf drei. Zuvor mussten auf Intensivstationen 2,5 beziehungsweise 3,5 Patienten betreut werden. Von Beginn der Corona-Pandemie an bis August 2020 gab es gar keine Untergrenze.

Die Personalknappheit führt dazu, dass die unglaublich vielen freien Intensivbetten in Deutschland auch frei bleiben. Mit rund sechs Betten pro 100.000 Einwohnern hatte die Bundesrepublik laut OECD schon 2019 nach Japan und Südkorea theoretisch weltweit die beste Versorgung. In der Corona-Krise wurde weiter aufgestockt und die DIVI weist aktuell eine Notfallreserve von knapp 10.300 Intensivbetten aus.

Diese zusätzlichen Kapazitäten stehen aber still und können nur durch Personal aus anderen Bereichen in Betrieb genommen werden. Das heißt einerseits, dass dort Betreuungslücken entstehen. Andererseits sind Pfleger aus anderen Stationen nur bedingt auf Intensivstationen einsetzbar. Das Gleiche gilt für Leasing-Kräfte, mit denen die Krankenhäuser die Lücken zu füllen versuchen.

Zahl der betreibbare Betten entscheidend

Die entscheidende Zahl des DIVI-Intensivregisters ist also die Zahl der freien betreibbaren Betten. "Diese integriert bereits die Information, wie viel Pflegekräfte zur Verfügung stehen und darüber hinaus natürlich auch an dem Tag, ob diese auch vor Ort am Patienten sind", sagte Christian Karagiannidis ntv.de. Er ist Intensivmediziner und leitet das DIVI-Intensivregister.

"Als Beispiel sei genannt, dass ich vielleicht einen Pflegeschlüssel habe und eine Besetzung, die es mir erlaubt, zehn Betten zu betreiben, am morgen melden sich aber zwei Kolleginnen oder Kollegen krank und schon kann ich die zehn Betten nicht mehr betreiben."

Das gilt ganz speziell im High-Care-Bereich, wo sich bereits die Gesamtzahl durch den Personalmangel von rund 12.000 im vergangenen Dezember auf jetzt knapp 9.500 reduziert hat. Aktuell sind davon 6419 belegt, darunter 306 von bundesweit 709 ECMO-Plätzen. Entsprechend steigt seit Juli bundesweit die Zahl der Krankenhäuser, die eine eingeschränkte Betriebssituation melden, stark an, während immer weniger Einrichtungen im Normalbetrieb arbeiten.

Dramatische Abwärtsentwicklung

Die Entwicklung bei den freien betreibbaren Betten ist durchaus dramatisch zu nennen. Nachdem es im August 2020 noch über 8000 davon gab, sind es heute noch rund 3500. Einen Anstieg gab es auch in den nahezu coronafreien Sommermonaten, da hier nicht nur das Pflegepersonal dringend Erholung benötigte. Die Krankenhäuser holten auch verschobene Operationen nach.

Oft wird vergessen, dass nicht nur Covid-19-Patienten auf Intensivstationen liegen. Im Gegenteil, sie bilden nach wie vor die große Mehrheit. Und wenn man sagt, es seien noch genügend Betten frei, um eine größere Corona-Welle reiten zu können, vergisst man, dass wegen der Covid-19-Fälle möglicherweise andere Patienten keine Intensivbehandlung erhalten, deren Leben ebenfalls davon abhängt.

Zu wenig Reserven für "Freedom Day"

So wie sich die Pandemie derzeit höchst ungleichmäßig in Deutschland ausbreitet, ist auch der akute Bettenmangel sehr unterschiedlich verteilt. In Baden-Württemberg melden aktuell beispielsweise mehr als zwei Drittel der Krankenhäuser schon einen eingeschränkten oder teilweise eingeschränkten Betrieb, während es in Schleswig-Holstein fast umgekehrt ist. Aber da ja die Gesamtzahl der betreibbaren Intensivbetten fast überall rückläufig ist, könnte bei steigenden Einweisungen von Covid-19-Patienten der Kipppunkt rasch erreicht werden.

Daraus folgt, dass neben einer ungenügenden Impfquote bei den Älteren in Deutschland auch wegen der dünnen Personaldecke auf den Intensivstationen ein baldiger "Freedom Day" einen zu hohen Preis hätte. An der Impfquote kann sich schnell etwas ändern, wenn genügend zögernde Menschen umdenken. Der Personal-Notstand in der Intensivpflege lässt sich dagegen nicht schnell beheben.

Mangelhafte Statistik

Wie viele qualifizierte Menschen fehlen, ist nicht ganz klar. Die gemeldeten Zahlen unterscheiden nicht zwischen normalem und intensivem Pflegedienst. Außerdem sagten sie nichts über Dienstpläne aus, da ganz viele Pflegekräfte in Teilzeit arbeiteten und damit die Anzahl der Köpfe zunehmend an Wertigkeit verliere, sagt Christian Karagiannidis. "Weiterhin berichtet das Statistische Bundesamt frühestens ein Jahr nach Datenerhebung über die Zahlen, womit jegliche Aktualität ad absurdum geführt wird."

Nachdem es anfangs nur Applaus gab, folgten in den Pflegeberufen zwar auch Prämien und Gehaltserhöhungen. Aber grundsätzlich sind die Löhne in der Branche niedrig, laut Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit erhält eine Intensiv-Fachpflegekraft im Mittel 4100 Euro brutto monatlich.

"Aufgabe für kommende Regierung"

Wegen des relativ niedrigen Gehalts für einen Knochenjob mit hoher Verantwortung, aber vor allem wegen Überlastung erwägte im April laut einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft fü Internistische Intensivmedizien und Notfallmedizin (DGIIN) rund ein Drittel der Beschäftigten in der Intensivmedizin ihren Job an den Nagel zu hängen.

"Die Problemlösung des Pflegenotstandes sollte eine der elementaren Aufgaben der nächsten Bundesregierung sein", sagt Christian Karagiannidis, "beginnend mit einer völlig transparenten Datenerfassung und Berichterstattung mit dem Ziel die Versorgung zu verbessern. Wir tun uns mit Transparenz viel zu schwer, obwohl es am Ende der Beginn einer nachhaltigen Lösung ist."

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