Germany
This article was added by the user . TheWorldNews is not responsible for the content of the platform.

Kathrin Beyer von der Freiwilligenagentur Omnibus über das Ehrenamt in Pandemie-Zeiten

Hier berät sie Ehrenamtler und Organisationen, die Engagement anbieten: Kathrin Beyer im Büro der Freiwilligenagentur Omnibus.

Werra-Meißner – Der internationale Tag des Ehrenamts an diesem Sonntag soll an die Bedeutung von freiwilligem Engagement für Gesellschaften weltweit erinnern. Über 40 Prozent der Deutschen engagieren sich für das Gemeinwohl – eigentlich. Corona hat viele Bereiche des gesellschaftlichen Engagements stillgelegt. Kathrin Beyer von der Freiwilligenagentur Omnibus koordiniert das Ehrenamt im Werra-Meißner-Kreis und schaut optimistisch in die Zukunft.

Frau Beyer, sind über die Pandemie-Monate viele Ehrenamtliche verloren gegangen?

Beyer: Natürlich sind welche verloren gegangen. Wir stellen fest, dass es durchaus die älteren freiwillig Engagierten sind, die in dieser Pandemie ihr Engagement nicht ausleben konnten, weil sie einfach den Kontakt nicht leben durften. Für die Eschweger Tafel zum Beispiel war es anfangs schwierig, ihr Angebot aufrecht zu erhalten, weil diese Leute erstmal nicht die Möglichkeit hatten, sich weiterhin in diesem Feld zu engagieren. Da gibt es sicher einen Teil, der sein Engagement nicht wieder aufnehmen wird. Die anderen, die fit sind und denen das Spaß macht, die starten bestimmt wieder neu.

Also ist das Ehrenamt nur eingeschlafen?

Einschlafen, das klingt zu negativ. Wir haben gerade Rahmenbedingungen, die Engagement an manchen Stellen einfach nicht ermöglichen. Wir erleben an anderen Ecken, dass Engagement in einer anderen Form lebt. Dass wir sehr kreativ nach Möglichkeiten gesucht haben, Menschen anzusprechen, sich einzubringen. Das ist auch während der Pandemie passiert.

Welche Strategien haben die Akteure im Kreis genutzt, um sich trotz allem zu engagieren?

Diejenigen, die kreativ sind und bei denen das möglich gewesen ist, die haben andere Formate genutzt. Manche Sportvereine haben einfach digitales Kinderturnen gemacht. Im kirchlichen Bereich haben sich diese To-Go- Angebote entwickelt, um noch Kinder zu erreichen, also dass Kinder sich was abgeholt haben. Oder man hat auf digitalen Plattformen Kindergottesdienst gefeiert.

Warum ist das Ehrenamt auch während der Pandemie wichtig?

Engagement bedeutet Teilhabe: ‚Ich nehme am gesellschaftlichen Leben teil und gestalte es mit’. Und Engagement-Förderung ist Demokratie-Förderung, weil Menschen mitbestimmen, wie es bei ihnen läuft. Wenn Menschen sich nicht engagieren, dann nehmen sie passiv hin, was in ihrem Staat oder ihrem Kreis passiert. Zum anderen bietet das Ehrenamt soziale Kontakte, Bindung und Weiterbildung. Es macht glücklicher.

An sozialen Kontakten mangelt es nach anderthalb Jahren Pandemie wohl jedem. Wird das Ehrenamt in Zukunft neue Wertschätzung erfahren?

Engagement kann ein guter Baustein sein, wieder in soziale Bindungen reinzuwachsen. Da steckt die große Chance nach der Pandemie, wenn wir hier gute Angebote haben, wo Leute mitmachen können.

Hat das Ehrenamt sich auch verändert?

Über 40 Prozent der Menschen in Deutschland engagieren sich, momentan sind es weniger. Ein Großteil davon ist in einer Warteschleife. Das heißt, die Bereitschaft ist gegeben. Aber Engagement hat sich verändert. 20 Jahre bei etwas dabeizubleiben, dieses Engagement wird weniger. Was mehr Raum einnimmt, ist kurzzeitiges Engagement. Wichtig ist, dass diejenigen, die Engagement anbieten, sich darauf einstellen.

In vielen Bereichen werden Ehrenämter von Menschen im Rentenalter getragen, die während der Pandemie besonders gefährdet und belastet waren. Sollte man jetzt versuchen, gezielt junge Menschen anzusprechen?

Man sollte das Eine tun und das Andere nicht lassen: Älteren Menschen Engagement zu ermöglichen, bindet sie toll in die Gesellschaft ein, und sie bringen so viel von sich mit ein. Aber junge Menschen genauso, die bringen nochmal ganz andere Kompetenzen und Erfahrungen mit. Ich würde das nicht gegeneinander ausspielen. Es wäre immer schön, wenn wir einen gesunden Mix haben aller Generationen. Denn junge Menschen sind Zukunft. (Alina Andraczek)

Zur Person

Kathrin Beyer koordiniert gemeinsam mit ihren Kolleginnen Andrea Eckardt und Christine Horn die Freiwilligenagentur Omnibus der Evangelischen Familienbildungsstätte Werra-Meißner. Die drei verbinden interessierte Freiwillige und Organisationen miteinander, werben für das Ehrenamt und organisieren unter anderem den jährlichen Freiwilligentag im Kreis. (ala)