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Kuriose Jagd nach dem "Skalp": Als die Bundesliga noch Toupet trug

Es klingt wie eine Geschichte aus 1001 Nacht. Vor genau fünfzig Jahren lief das erste Mal in einem Bundesligaspiel ein Profi mit einem Toupet auf. Und das sorgte für tüchtig Wirbel - auf und abseits des Platzes. Denn die optische Verwandlung führte zu manch kurioser Szene mit prominenter Starbesetzung.

Es war der 2. Oktober 1971, als Horst Köppel auf einmal so völlig anders aussah. Die Spieler des FC Bayern München rieben sich verwundert die Augen. Irgendetwas hatte der "Horschtle" im Trikot ihres Gegners, dem VfB Stuttgart, machen lassen. Als sich die Fotografen dann auch noch um Köppel scharten, um ein Bild vom Jungprofi der Schwaben zu erhaschen, ging den Münchenern ein Licht auf: Köppel hatte ein künstliches Haarteil auf dem Kopf.

Dort, wo zuvor beim 23-Jährigen eine veritable Glatze gemeinsam mit dem Flutlicht um die Wette strahlte, wehte nun eine üppige Frisur im Wind. Doch Köppel gefiel die Geschichte ganz und gar nicht. Sein Fazit nach 90 Minuten hörte sich nicht gut an: "Wenn ich gewusst hätte, wie viel Arbeit das macht und wie viel man darunter schwitzt, also nein ...!"

Vielleicht lag sein Unbehagen aber auch daran, dass sich der legendäre Torhüter der Bayern, Sepp Maier, gleich einen Spaß aus Köppels ungewohnter Lage machen wollte. Immer wieder griff er im Spiel nach dem "Skalp" des Stuttgarters - doch bekam ihn mit seinen Handschuhen einfach nicht zu packen. Köppels neuer Kopfschmuck war aber auch in den Monaten und Jahren danach immer wieder Anlass für kuriose Aktionen - auch nach seinem Wechsel zu Borussia Mönchengladbach.

Ein Zupfer am Haarteil und ...

Dort war Köppels neuer Trainer Udo Lattek überhaupt nicht angetan vom umstrittenen Haarteil seines Spielers: "Horst Köppel hat damals Toupet getragen und ich habe im Spiel immer gesagt, er soll das abnehmen, weil das immer hochgeflogen ist." Doch das tat er nicht - und so wurde er bei einer Partie der Fohlen bei den Kölner Geißböcken schließlich Opfer einer fiesen Attacke. Und das kam so.

Horst Köppel, der an diesem Tag extrem schwach auf den Beinen zu sein schien und bei jeder Körperberührung zu Boden ging, reizte seinen Gegenspieler Horst Simmet bis aufs Äußerste. Irgendwann reichte es dem Kölner und er flüsterte ziemlich genervt wegen Köppels Schauspielereien dem Toupetträger ins Ohr: "Wenn du dich noch mal fallen lässt, zieh' ich dir den Hut aus." Und dann war es bei der nächsten Gelegenheit tatsächlich soweit.

Scheinbar bemüht, dem wieder einmal auf dem Boden Liegenden aufzuhelfen, zupfte Simmet leicht an Köppels Kopfschmuck. Das reichte. Denn sehr zur Freude der sich vor Lachen biegenden Zuschauer war das Haarteil daraufhin bedenklich verrutscht. Doch die böse Aktion Simmets zeigte Wirkung. Direkt danach war der so Bloßgestellte urplötzlich wieder wesentlich stabiler auf den Beinen.

Die Glatze geht dann auch wieder

Doch warum setzte sich Horst Köppel nur bloß all dieser Demütigungen freiwillig aus? Ganz einfach, wie der gebürtige Stuttgarter einmal freimütig gestand: "Es ging nicht nur um Eitelkeit oder Schönheit, es war auch eine ganze Menge Geld im Spiel, und da konnte ich nicht Nein sagen." Und genau dieses viele Geld wurde später schließlich auch zu Köppels Problem.

Denn nachdem der Haarersatz-Hersteller den Fußballer mit der hohen Stirn als perfekten Werbeträger für seine Produkte entdeckt und unter Vertrag genommen hatte, bemerkte Köppel recht schnell, dass er das Toupet bei den Spielen lieber nicht tragen wollte. Es war ihm schlicht zu kompliziert und aufwändig. Doch Horst Köppel hatte einen Fehler gemacht: Aus seinem langjährigen und gut dotierten Vertrag kam er nicht so einfach heraus. Und so musste er sein Haarteil bis zum Vertragsende im Jahr 1975 tapfer weitertragen. Doch danach war Schluss. Köppel stand wieder zu seiner Glatze - und warf das gute Stück "einfach weg".

Übrigens: Horst Köppel war damals nicht der erste Bundesligaprofi, der einen Deal mit einem Toupet-Hersteller abgeschlossen hatte - aber der erste, der sein neues Haarteil in einem Spiel trug. Denn Charly Dörfel hatte sich etwas geschickter angestellt. Der HSV-Star war damals dafür bekannt, dass er den Schotter mitnahm, wie er auf der Straße lag.

Dörfel findet Haar-Witze nicht so witzig

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er montags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Und 1969 gelang es ihm schließlich, einen ganz besonderen Vertrag auszuhandeln, wie er einmal erzählte: "Ich war der erste Fußball-Profi in Deutschland, der ein Toupet trug - dafür gab's damals einen Zweijahres-Werbevertrag, der mit 20.000 Mark dotiert war." Doch im Gegensatz zu Horst Köppel blieb der breiten Öffentlichkeit das neue Haarteil verborgen: "Ich habe mit dem Fiffi ja nur trainiert, nie gespielt. Die Zuschauer grölten dann: 'Ey, Glatze, wo sind deine Haare?'"

Damals litt Charly Dörfel unter seinen fehlenden Haaren so sehr, dass er richtig patzig wurde, wenn ihn einer damit versuchte aufzuziehen. Dann schlug der gebürtige Hamburger kompromisslos auf gewohnt zügellose Weise verbal zurück: "Ich erzähl doch auch keinem, dass du nur einen kleinen Pillermann hast!" Tragen durfte er das Haarteil im Spiel übrigens deshalb nicht, weil es ihm sein Trainer Georg Knöpfle verboten hatte: "Wenn ein Spieler dem Charly das Toupet aus Versehen vom Kopf reißt, ist es aus mit seinem Selbstvertrauen."

Gott sei Dank hatte der geschäftstüchtige Dörfel seinen Vertrag etwas besser ausgehandelt als zwei Jahre später Horst Köppel. Aber vermutlich hatte die Firma einfach - zum Leidwesen des damaligen Stuttgarters - aus ihrem Fehler bei Dörfel gelernt und auch den Einsatz in den werbewirksamen Bundesligaspielen mit in den Vertrag aufgenommen.