Ingrid G. (76) liebte das Leben. Sie liebte das Reisen, Unternehmungen mit Kindern, Enkeln… Und sie liebte ihr Fahrrad. Mit dem war sie fast täglich unterwegs. Auch am 6. Mai 2019 zum Einkaufen für eine 96 Jahre alte Dame, von ihr ehrenamtlich betreut. Ihre letzte Fahrt. Auf dem Heimweg vom Supermarkt kollidierte sie mit einem Lkw. Fünf Wochen später war sie tot. Der Fahrer Maksim V. (34) stand am Donnerstag wegen fahrlässiger Tötung vor dem Verkehrsgericht.

Der Weißrusse war an dem Tag kurz vor 12 Uhr mit seinem Riesen-Transporter auf dem Mariendorfer Damm unterwegs, hielt an der Kreuzung Alt-Mariendorf an der roten Ampel. Fuhr nach 32 Sekunden bei grün mit um die 20 km/h geradeaus weiter.

Ingrid G., laut Anklage bis dahin neben ihm auf dem Fahrradweg, nahm er gar nicht wahr. Bis er auf der rechten Seite seines Fahrzeuges ein Geräusch hörte. Der Angeklagte: „Ich sah das Rad im Spiegel in Höhe meines Hängers fallen. Es tut mir alles so leid.“

Er hatte Ingrid G., die nach der Kreuzung mangels Radweg auf die Straße wechseln musste, offensichtlich so bedrängt, dass sie mit dem Rad gegen den Lkw geriet, daran hängenblieb und schwer stürzte. Die Folgen: Ein Polytrauma, eine Hirnprellung…

Der Sachverständige bestätigte, dass die sogenannte A-Säule des Lkw dem Angeklagten in den entscheidenden Momenten vielleicht wirklich den Blick versperrte. Auch dass da plötzlich kein Radweg mehr war, war dem ortsunkundigen Angeklagten nicht bewusst. Aber: Er müsse immer damit rechnen, dass Radfahrer da sind, obwohl er sie nicht sehen kann. Er sprach von „extrem hohen Anforderungen an Lkw-Fahrer.“

Der Richter verurteilte den bisher unbescholtenen Maxim V. zu 1500 Euro Geldstrafe: „Ich kann nicht den Wert eines Menschenlebens bemessen. Sondern nur die Schuld des Angeklagten.“

Hätte er an der Ampel nicht nur in die Spiegel gesehen, sondern den Kopf nach vorn bewegt, hätte er Ingrid G. sehen können.