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Mata Hari macht sich nackig

Landsberg – Als „schöne Spionin“ ist Mata Hari in die Geschichte eingegangen. Dabei hat sie wohl nie essentielle Informationen gehabt, die sie hätte verraten können. Die Wissenschaftlerin Marie Curie wurde indessen für Ziele der polnischen Frauenbewegung gerühmt, für die sie sich selbst nicht eingesetzt hat. Zwei Frauen, die in der öffentlichen Wahrnehmung schillern – und dabei in einem Licht stehen, das sie falsch beleuchtet – oder uns Betrachter blendet. Das Müchener Tourneetheater „theaterlust“ und Sabine Mittelhammer von der Berliner Kompagnie „Handmaids“ haben sich den beiden Frauen mit ihren Stücken angenähert.

Die Aufführung von ‚Marie Curie‘ in der Inszenierung des Tourneetheaters ‚theaterlust‘ wählte den biografischen Ansatz, um dem Idol Marie Curie näherzukommen (Die Besprechung dieser Aufführung lesen Sie hier.) Einen anderen Weg wählt Sabine Mittelhammer in ihrer Annäherung an Mata Hari: das „Auge des Tages“, eine Kunstfigur, die von anderen hochstilisiert wurde – und selbst alles dafür tat, diese Stilisierung noch höher zu drechseln. Die Frau, die laut eigenen Angaben in Sumatra geboren wurde; in der grauen Realität war es aber Margaretha Geertruida Zelle, die in den Niederlanden 1876 zur Welt kam. Über Mata Hari existieren kaum Gewissheiten – und hier setzt Mittelhammer an: Sie versucht, die Ikone aus der Gegenwart heraus zu verstehen: indem sie sich, die selbstständige Künstlerin, mit Mata Hari, der selbstständigen Künstlerin, vergleicht. Denn nur aus sich heraus kann sie versuchen, das Vexierbild Mata Hari zu entschlüsseln.

Und so tritt Mittelhammer als Mittelhammer auf: Sie bereitet bei Saallicht die Bühne vor, überlegt laut, wie ihr Leben ist. Endlich darf sie wieder spielen, nach Corona. Ein Antrag auf Förderung will gestellt sein, irgendwo muss das Geld ja herkommen. „Und jetzt ist auch noch das Gaffa alle“, jammert sie, holt die Requisiten – ein Staubwedel und ein Baguette, die später Mata Hari und ihren Gespielen beim Sex verkörpern – auf die Bühne. Dann erst geht das Saallicht aus.

Diese Verquickung Mittelhammer/Mata Hari prägt das Stück. Die Daten hakt Mittelhammer auf einem kleinen Klappkalender ab, da fungiert sie als Erzählerin. Oder sie wird selbst zu Mata Hari, wirft sich in Pose, deklamiert in gestelztem Ton, imitiert den Striptease der Ikone hinter einem Paravent. Andere Figuren spielt sie hinter Pappfigur-Körpern, ein bisschen Schaubudenmentalität. Aber sie ist auch Sabine Mittelhammer. Fragt sich, ob Mata Hari die real existierende Zigarettenmarke ‚Mata Hari‘ geraucht hat – vielleicht soll sie sich eine ‚Sabine Mittelhammer‘ anstecken? Fragt sich, ob man als freischaffende Künstlerin – so frei, da kann sie während der Aufführung von draußen ein Bier holen – größenwahnsinnig wie Mata Hari sein muss, um zu überleben. Stellt sich vor, wie das wäre, mit viel Geld eines Mäzens: „Betonpuppen ins Fußballstadion stellen“, phantasiert die Puppenspielerin, „1.000 Statisten, ich will Wagner, Schlachtfelder!“

Mittelhammer beschreibt auch die existentiellen Nöte einer freischaffenden Künstlerin. Die Zurückweisung, das immerwährende Dranbleiben-Müssen, das Ungewisse der Zukunft: Probleme wie zwölf tödliche Schüsse, in Anlehnung an Mata Haris zwölfköpfiges Exekutionskommando.

Mit ihrem einstündigen Solostück nimmt Mittelhammer Mata Hari den Nimbus der Ikone, macht sie menschlich – und sich selbst ‚nackig‘, wird von der Schauspielerin zum Menschen. Durch diese mutige ‚Enthüllung‘ im wörtlichen Sinne wird ‚Mata Hari‘ zum Stück über das Künstler-Dasein. Mit der Poesie der Illusion, wenn auf der Drehscheibe Mata Hari im Stroboskoplicht die Zauberblume tanzt. Mit einer überzeugenden Schauspielerin. Und ihrem ungemein warmherzigen, mitreißenden Humor.

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