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Mehr Unordnung am Straßenrand

Schon seit Jahrhunderten sorgen Baumalleen am Straßenrand für ein freundliches Kleinklima, mit Schatten und Abkühlung. Das „Straßenbegleitgrün“, wie es Fachleute heute nennen, hat mittlerweile vielfältige Aufgaben – etwa den Schutz vor Lärm, Abgasen, Bodenerosion, dem Wetter oder der Blendwirkung von Scheinwerfern.

Heutzutage geht es verstärkt um Klimaschutz, im Großen wie im Kleinen. Erderwärmung und Regen haben 2021 die Vegetation in die Höhe schießen lassen. Nichtsdestotrotz soll an den Straßen in Zukunft weniger gemäht werden. Das Staatliche Bauamt Schweinfurt will sich ums „Mikroklima“ kümmern, das zwischen Straßenrand und Böschung herrscht – mit Blick auf den rasanten Artenschwund bei Schmetterlingen, Wildbienen oder Käfern.

Unzählige Insekten enden nicht nur an den Windschutzscheiben, sondern oft schon im Mähgerät. Die Straßenmeistereien Rödelmaier, Zeil, Schweinfurt und Hammelburg werden ab nächstem Jahr ein neues Mähkonzept anwenden, an den Staats- und Bundesstraßen im Landkreis: Ökologisch hochwertige Flächen, die kaum genutzt und betreten werden, sich aber auch umwelttechnisch noch in einer Art Dornröschenschlaf befinden.

„Insektenschutz wird mittlerweile ganz groß geschrieben“, sagt Michael Fuchs, Chef und Bereichsleiter Straßenbau des Staatlichen Bauamts Schweinfurt, das für die Straßenmeistereien zuständig ist, beim Ortstermin am Feldweg neben der B 286 zwischen dem Pendlerparkplatz Poppenhausen und Maibach zur Erläuterung des Konzeptes für die Region.

Die Ansprüche sind gewachsen seit dem erfolgreichen Volksbegehren „Rettet die Bienen“ 2019, das nicht nur auf die Landwirtschaft zielt. „Bienen-Highways“ nennt sich das Projekt der Staatsregierung, die straßennahe Biotope vernetzen und brachliegendes Ökopotential an 23 000 Kilometern öffentlichen Straßen im Freistaat nutzen will.

Bau- und Umweltministerium haben ein Konzept zur streifenweisen Mahd entwickelt. In Zukunft sollen die Flächen abschnittsweise, im jährlichen Wechsel, gemäht werden, in größerer Schnitthöhe und ohne Absaugen des Mähguts. „Mehr Unordnung wagen“ lautet das neue Motto. Künftig wird die Pflege in zwei Bereichen erfolgen. Einerseits im „Intensivbereich“, wo die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer im Vordergrund steht. Gemeint sind Bankette, Entwässerungsgräben, Parkplatzgrün- und Sichtflächen sowie Trenn- oder Mittelstreifen. Diese Randflächen werden zwei bis drei Mal jährlich gemulcht, während der Vegetationsperiode.

Im „Extensivbereich“ geht es demnächst ruhiger zu. Auf der klassischen Straßenböschung sollen Ökologie und Artenschutz im Mittelpunkt stehen. Gemäht wird künftig nur noch stellenweise, einmal im Jahr, wobei das Mähgut auch hier als Mulch auf der Wiesenfläche bleibt, ganz im Sinne der „Grüntrupps“, die es sonst aufwendig zur Deponie transportieren müssten.

Neben den Seitenstreifen findet sich nicht nur Natur

Abrasiert wird der Bewuchs nur noch bis zu einer Höhe von zehn Zentimetern. Die bodennahe Tierwelt soll ihre Fluchtmöglichkeiten, Lebensräume und Nahrungsangebote behalten. Der Schnitt erfolgt parallel oder senkrecht zur Fahrbahn. Letztlich werde damit ein „Schachbrettmuster“ aus gemähten und nicht gemähten Bereichen entstehen, so Fuchs. Die Wiesen neben dem Seitenstreifen, die der Autofahrer meist nur vom Rastplatz oder Vorbeifahren kennt, seien oft sogar biotopkartiert, sagt Matthias Wacker, Abteilungsleiter für Zentrale Aufgaben beim Staatlichen Bauamt.

„Bunter“ und „unordentlicher“ sollen die Böschungen entlang der Straßen werden, von Amts wegen. Matthias Endres von der Straßenmeisterei Schweinfurt beklagt vor allem die Vermüllung. Es werde viel Plastik im Straßengraben entsorgt und dann beim Mähen zerkleinert.

Zu Demonstrationszwecken fährt der Unimog die Bundesstraße entlang, der Frontbalkenmäher hinterlässt Streifen auf der „Intensivfläche“. Fahrer Mario Seufert übernimmt die „extensive“ Böschung, im kleinen, geländegängigen und schwer kippbaren Spezialfahrzeug, mit breiten Reifen und tiefergelegtem Schwerpunkt.

Apropos „Mäh“: Seufert ist privat Hobbyschäfer. Vierbeinige Rasenmäher werden neben Autobahnen schon eingesetzt. Beim Staatlichen Bauamt allerdings nicht, was nicht nur an den Hinterlassenschaft von Ziegen oder Schafen liegt. Die Gefahr für die Autofahrer durch entlaufene Wollträger wäre groß, ebenso für die Tiere.