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„Nach der Wahl komme ich vorbei“

Zehn Tage vor der Bundestagswahl scheint zwar schon alles gesagt, und das auch von jedem Kandidaten und jeder Kandidatin – aber das eben noch nicht auf jedem Sender. Also geht es weiter im Programm, diesmal im Zweiten Deutschen Fernsehen. Die inzwischen auch in den eigenen Reihen nur noch so genannte Kanzlerkandidatin der Bündnisgrünen, Annalena Baerbock, stand Donnerstagabend rund 70 Bürgerinnen und Bürgern 90 Minuten lang in der Sendung „Klartext“ Rede und Antwort. Gab es eine Überraschung? Nein.

Das war freilich auch Ziel der Übung ab 20.15 Uhr, weil die meisten Überraschungen in der Kampagne für die Grünen bisher böse ausgingen. Bevor das Publikum zu Wort kommt, fragt die Moderatorin dann auch: Spielt die erste grüne Kanzlerkandidatin angesichts der eingestürzten Umfragen eigentlich noch auf Sieg? „Sonst würde ich hier nicht stehen!“, sagt Baerbock tapfer.

Es gebe noch viele unentschiedene Wähler, „ich bin überzeugt, dass dieses Land deutlich mehr kann“, deswegen trete sie an. Jede andere Antwort wäre eine Überraschung gewesen. Die Frage, ob nicht das Land, aber die Grünen mit Robert Habeck an der Spitze deutlich mehr gekonnt hätten, wird in der Partei wohl erst nach Schließung der Wahllokale am 26. September diskutiert werden; und zwar heftig.

Aber bis dahin sind es noch zehn zähe Tage und jetzt erst einmal noch 90 lange Minuten im ZDF. Als erstes geht es um den Klimaschutz, der einem Rentner aus Sachsen wie ein deutscher Sonderweg vorkommt. Er wohnt in der Oberlausitz, im Dreiländereck zu Polen und Tschechien. Auf der deutschen Seite steht die Ruine eines Kohlekraftwerks, auf der polnischen Seite dampft ein solches Kraftwerk noch bis mindestens 2044 munter weiter, der Tagebau bohrt sich hunderte Meter in die Tiefe. Angesichts dieser nachbarschaftlichen Diskrepanz in der Co2-Vermeidungsstrategie fragt sich der Rentner, ob Deutschland denn in der Lage sei, den Kampf gegen den Klimawandel alleine zu bewältigen.

Ausstieg aus der Kohle bezeichnet Baerbock als „Riesenchance“ für die Lausitz-Region

Natürlich nicht, sagt Baerbock, und erklärt, dass „ich als nächste Bundesregierung“ eine „transatlantische Allianz für Klimaneutralität“ schaffen wolle, natürlich „europäisch abgestimmt“. Wieviel sich da mit Polen und Tschechien im Detail abstimmen lässt, wird, wohl aus gutem Grund, nicht weiter erörtert.

Den Ausstieg aus der Kohle bezeichnet Baerbock als „Riesenchance“ für die Lausitz-Region. Wer die Gegend kennt, weiß, dass viele Menschen das dort durchaus anders sehen. Der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, der Baerbocks Äußerungen via Twitter in den nächsten 90 Minuten begeistert begleiten wird, setzt den ersten Tweet ab: „Super, emphatischer Einstieg“ heißt es da.

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Dass Parteisoldaten während solcher TV-Auftritte zum Twitterdienst verdonnert werden, ist allerdings nicht nur bei den Grünen der Fall. Auch alle anderen Kampagnenchefs drehen live und parallel ihre Kapriolen im Twitterzirkus, Akrobat immer schön.

Die Kandidatin will „faire Handelsverträge“

Dann geht es um Landwirtschaft und die Frage, ob Bauern in Deutschland davon eigentlich noch leben können. Eine Landwirtin aus Hessen weist darauf hin, dass Bio und Regionalprodukte zwar irgendwie angesagt sind – die meisten Verbraucher aber dennoch zum Discounter rennen und billige Produkte aus Übersee kaufen. Das ist erstens klimaschädlich, zweitens eine Konkurrenz, der deutsche Betriebe gar nicht gewachsen sein können. Weiß Baerbock Rat?

Die Kandidatin will „faire Handelsverträge“, spricht über „Fleischkennzeichnung“, will regionale Herkunft von Produkten deutlicher machen. Da sei noch eine Menge zu tun. Ob sie nun Hoffnung geschöpft habe, wird die Landwirtin gefragt. „Nicht wirklich“, sagt sie.

Die grünen Visionen werden von vielen Fragestellern prinzipiell gar nicht in Frage gestellt, allerdings fragen sich viele, was sie der grüne Umbau persönlich kosten soll. Mehr als einmal geht es an dem Abend um die Angst vor rasant steigenden Benzinpreisen. Das bewegt vor allem Bewohner des ländlichen Raums, die auf ihr Auto angewiesen sind.

Ein Bürger erklärt, dass er mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu seinem 14 Kilometer entfernten Arbeitsplatz ganze zwei Stunden braucht. Also nimmt er lieber das Auto. Baerbock sagt, was sie schon oft gesagt hat, dass der öffentliche Personennahverkehr kräftig ausgebaut werden muss, dass dafür Investitionen nötig sind. Ein Bus in jedes Dorf, hat sie im kürzlich erklärt, das wiederholt sie heute nicht.

„Wir brauchen kein Schmerzensgeld, sondern unsere Nachtruhe“

Es geht um Windräder, 250 Meter hohe Riesen vor einem brandenburgischen Dorf, die den Bewohnern gar nicht recht sind, gegen die sich die Leute offenbar nicht wehren können. Baerbock versucht mit der Aussicht auf finanzielle Anreize zu besänftigen, der Brandenburger sagt: „Wir brauchen kein Schmerzensgeld, sondern unsere Nachtruhe“. Jetzt ist die Sendung in den Mühen der Energiewendenebene angekommen, mitten im Schlagschatten verspargelter Kulturlandschaft. Sie verspricht: „Nach der Wahl komme ich vorbei“.

Es geht noch mal um Baerbocks aufgepeppten Lebenslauf, um die Plagiate in ihrem Buch („Großer Fehler“), auch das kennt man bereits. Langweilig ist die Arena dennoch nicht. Die Antworten sind oft routiniert, die Fragen meist besonders – etwa, wenn ein Long-Covid-Patient davon berichtet, dass er seine Reha selbst bezahlen soll, weil die Kasse ihn vertröstet. „Wir werden allein gelassen. Bitte helfen Sie und Frau Baerbock“, sagt er. Eine schnelle Lösung kann sie nicht präsentieren, aber sie hört aufmerksam hin, ist den Leuten zugewandt, auch denen, die sie vermutlich nicht wählen werden.

Immer wieder geht es um die großen Lebensunterschiede zwischen Stadt und Land. Der Ortsvorsteher aus Sachsendorf in Brandenburg berichtet aus seinem 465-Seelen- Dorf, wo offenbar bald der letzte das Licht ausmacht: Konsum dicht, Friseur weg, Bibliothek geschlossen. In den Ferien kommt nicht mal mehr ein Bus. 40 Prozent wählen dort die AfD (was den Ort freilich auch nicht wiederbelebt hat).

Eine schlechtere Figur als ihre männlichen Mitbewerber gibt Baerbock nicht ab

Der Ortsvorsteher erklärt Baerbock, dass die meisten Menschen dort nur Mindestlohn verdienen und „ihr Auto brauchen“, sich auch kein neues E-Auto kaufen können. „Die sehen nur Preiserhöhungen“. Die Straße im Dorf ist „vom Biber unterhöhlt“, für Reparaturen hat der Ort kein Geld. Auch nicht für Renovierungen der Kita. Dieses Sachsendorf liegt offensichtlich viele Lebenswelten von den Hochburgen der Grünen entfernt.

Baerbock berichtet von Hilfen für verschuldete Kommunen, der Mann widerspricht: Das Dorf sei nicht verschuldet, sondern, wie viele Dörfer, chronisch pleite. „Hat ja noch nicht viel gebracht das die Grüne in Brandenburg in der Regierung sind“. Die Kandidatin wirkt ein bisschen hilflos. Vielleicht ist aber auch manchen Dörfern einfach nicht mehr zu helfen, so bitter das klingt.

Es geht noch um niedrige Renten, hohe Migration, befremdliches Gendern, Planungssicherheit für Unternehmen mit hohem C02-Ausstoß. Baerbock pariert das alles souverän. Eine schlechtere Figur als ihre männlichen Mitbewerber gibt sie in dem Format jedenfalls nicht ab.

Und was, wenn sie nun nicht Kanzlerin wird, lautet eine Frage zum Ende hin. „Das werden wir sehen“. Wem sie mehr vertrauen würde, Scholz oder Laschet. Aber darauf fällt sie nicht rein. Sie werbe für einen klaren Aufbruch mit den Grünen „und mir als Kanzlerkandidatin“.

Zehn Tage noch, dann ist sie diese Bürde endlich los.

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