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Nachruf auf Bouteflika: Er versöhnte und lähmte Algerien

Der Name von Abdelaziz Bouteflika ist in Algerien mit dem Ende des „schwarzen“ Jahrzehnts des Terrors verbunden. In dem Bürgerkrieg während der neunziger Jahre kamen mehr als 150.000 Menschen ums Leben. Die Anschläge der islamistischen Terroristen und das äußerst harte Durchgreifen der Sicherheitskräfte ließen das rohstoffreiche Land damals fast ausbluten. Nachdem Abdelaziz Bouteflika am 14. April 1999 zum Präsidenten gewählt worden war, stand er fast 20 Jahre an der Spitze des Landes: Langsam kehrten Stabilität und Ruhe zurück. Doch Krankheit und zunehmende Schwäche des Präsidenten stürzten Algerien in eine neue politische Agonie, von der sich das Land bis heute nicht erholt hat. Die „Hirak“-Protestbewegung fegte vor zwei Jahren nicht nur den Staatschef, sondern fast die gesamte politische Führung aus dem Amt.

Hans-Christian Rößler

Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

Erst der Druck hunderttausender friedlicher Demonstranten führte dazu, dass der greise Bouteflika im April 2019 darauf verzichtete, für eine fünfte Amtszeit zu kandidieren und sich zurückzog. Sechs Jahre zuvor hatte er den ersten von mehreren Schlaganfällen erlitten und sich danach praktisch nicht mehr öffentlich geäußert. Seine Residenz außerhalb der Hauptstadt glich einem Pflegeheim, das er fast nur noch verließ, um sich in Europa medizinisch behandeln zu lassen.

Abgang durch die Hintertür

Viel zu spät hatten der Präsident und der Machtapparat die Konsequenzen aus seiner Schwäche gezogen und damit auch einen großen Teil seines Erbes verspielt. Statt ihm einen würdigen Abschied zu ermöglichen, zwang ihn die Armeeführung, die selbst noch bis vor kurzem wollte, dass er ein fünftes Mal kandidiert, zu einem Abgang durch die Hintertür. Von der alten Elite, die unter Bouteflika den Staat wie ihr Eigentum behandelte, war bald nichts mehr übrig. Sein einst mächtiger Bruder und viele andere Vertraute sitzen heute im Gefängnis.

In der Protestbewegung, die vergeblich auf einen grundlegenden politischen Wandel hoffte, hat sich Resignation ausgebreitet. Aktivisten und regierungskritische Journalisten sind in Haft. Das Regime unter Bouteflikas Nachfolger Abdelmadjid Tebboune, hat, gestützt von Armee und Sicherheitskräften, seine Macht konsolidiert. Als sich Bouteflika vor zwanzig Jahren daran machte, das vom Terror traumatisierte Land zu versöhnen, aus der internationalen Isolation zu führen und den politischen Wiederaufbau zu beginnen, war er für viele ein Hoffnungsträger.