Ein Ort wie geschaffen für eine lebendige Diskussion: Zwischen S-Bahnhof, Einkaufszentrum und Bushaltestelle. Das B.Z.-Wahl-Lokal machte am Donnerstag Halt in Köpenick!

von Johannes Malinowski und Carlotta Vorbrüggen

Chefkolumnist Gunnar Schupelius diskutierte mit sechs Politikern, die nächste Woche Sonntag in Bezirksverordnetenversammlung, Abgeordnetenhaus oder Bundestag gewählt werden wollen. Rund 50 Köpenicker verfolgten die lebhafte Wahl-Debatte und stellten im Anschluss den Kandidaten ihre Fragen.

Chefkolumnist Gunnar Schupelius (4.v.r) mit Treptow-Köpenicks Bürgermeister Oliver Igel (43, SPD), den Bundestagskandidaten Gregor Gysi (73, Linke) und Ana-Maria Trăsnea (26, SPD),dem Abgeordnetenhauskandidat Maik Penn (40, CDU), AfD-Stadtrat Bernd Geschanowski (54) und FDP-Abgeordnetenhauskandidat Stefan Förster (40, v.r.n.l.) (Foto: Olaf Selchow)
Chefkolumnist Gunnar Schupelius (4.v.r) mit Treptow-Köpenicks Bürgermeister Oliver Igel (43, SPD), den Bundestagskandidaten Gregor Gysi (73, Linke) und Ana-Maria Trăsnea (26, SPD), dem Abgeordnetenhauskandidat Maik Penn (40, CDU), AfD-Stadtrat Bernd Geschanowski (54) und FDP-Abgeordnetenhauskandidat Stefan Förster (40, v.r.n.l.) (Foto: Olaf Selchow)

Lesen Sie hier, welche Themen im Bezirk umstritten sind und wo es besonders zur Sache ging:

Sollten große Wohnungsbauunternehmen enteignet werden?

Nächste Woche Sonntag wird nicht nur gewählt, sondern auch über den Volksentscheid der Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen abgestimmt. Kann das helfen, die Wohnungsproblematik zu lösen?

Oliver Igel: „Es ist das falsche Mittel, um die Wohnungsnot zu bekämpfen. Durch eine Enteignung wird nicht nur viel Vertrauen in die Gesellschaft verspielt, sondern es entsteht nicht eine einzige neue Wohnung.“

Stefan Förster: „Die Enteignung würde realistisch zwischen 30 und 40 Millionen Euro kosten. Vermutlich wird es am Ende eh rechtswidrig sein. Wir sollten uns auf Wohnungsbau konzentrieren und das Problem damit lösen.“

Bernd Geschanowski: „Das Vorhaben der Enteignung ist kein Mittel, um Wohnungen zu sichern. Wir brauchen Neubauwohnungen. Enteignung schafft nicht einen einzigen Quadratmeter mehr.“

Gregor Gysi: „Wir können die Mieten deckeln, weil die Wohnungen dann der Stadt gehören. Natürlich muss man zusätzlich auch den Wohnungsbau fördern. Im letzten Jahr gab es in Bayern die meisten Enteignungen.“

Ana-Maria Trăsnea: „Eine Enteignung dauert in der Umsetzung sechs bis zehn Jahre. Wir müssen weiter bauen und mit einem Mietmoratorium auf Bundesebene schauen, wie die stärker Einfluss auf den Mietspiegel nehmen können.“

Maik Penn: „Die Enteignung schafft weder Wohnraum noch senkt sie die Mieten. Wir müssen dafür die Flächen ausnutzen, die wir haben, zum Beispiel an der Friedrichshagener Straße oder das alte Betonwerk in Grünau.“

Rund 50 Köpenicker lauschten am Donnerstag der Diskussion (Foto: Olaf Selchow)
Rund 50 Köpenicker lauschten am Donnerstag der Diskussion (Foto: Olaf Selchow)

Wie soll der Verkehr im Bezirk verbessert werden?

Der Ausbau von Bahnlinien stagniert, der Stadtrand findet offenbar wenig Beachtung in der Verkehrspolitik. Und was ist mit dem Autoverkehr?

Oliver Igel: „Wir müssen den Nahverkehr deutlich attraktiver machen. Der Senat muss einen größeren Schwerpunkt auf die Außenbezirke legen. Wir haben Vorschläge für neue Linienführungen eingebracht. Da herrscht der Fokus leider zu sehr auf der Innenstadt.“

Gregor Gysi: „Die Leute sollen nicht mehr für den Nahverkehr zahlen müssen, um einen Anreiz für die Nutzung zu schaffen, sie brauchen mehr Angebote.“

Ana-Maria Trăsnea: „Wir müssen auf Schienenausbau setzen, sodass der Verkehr klimaneutral und kostengünstiger wird. Dafür muss im Bund massiv investiert werden. Kommunale Ebene, Land und Bund müssen zusammenarbeiten. Von Müggelheim nach Treptow brauche ich mit dem ÖPNV eine Stunde und zwanzig Minuten. Das ist nicht attraktiv.“

Peter Heinrich (47) fordert von den Politikern mehr Tatendrang: „Es dauert alles immer viel zu lange in der Politik. Der Bezirk verwahrlost immer mehr, die Müllsituation verschlimmert sich von Jahr zu Jahr. Die Politiker sollten weniger Talkshows besuchen und mehr arbeiten, damit endlich etwas passiert“ (Foto: Olaf Selchow)
Peter Heinrich (47) fordert von den Politikern mehr Tatendrang: „Es dauert alles immer viel zu lange in der Politik. Der Bezirk verwahrlost immer mehr, die Müllsituation verschlimmert sich von Jahr zu Jahr. Die Politiker sollten weniger Talkshows besuchen und mehr arbeiten, damit endlich etwas passiert“ (Foto: Olaf Selchow)

Bernd Geschanowski: „Ich fahre mit meinem 34 Jahre alten BMW, nachhaltiger kann man sich nicht fortbewegen und es macht Spaß. Hier wird alles dafür getan, dass der motorisierte Verkehr eingeengt wird. Alle Forstbewegungsmöglichkeiten müssen entwickelt werden.“

Stefan Förster: „Die Verkehrsteilnehmer werden gegeneinander ausgespielt. Gerade abends könnten autonome Busse, Wasserstoff- oder Elektrobusse fahren, das gibt es alles.“

Maik Penn: „Der B-Tarif soll aufs Umland ausgeweitet werden, dass man nicht nachlösen muss, wenn man nach Gosen oder Erkner fährt. Wir müssen uns über Taktung unterhalten und dafür sorgen, dass man an gewisse Orte am Stadtrand auch kommt.“

Was sind die Pläne für die Zukunft im Bezirk?

Nach den Wahlen am nächsten Sonntag können Politiker zeigen, dass sie Wahlversprechen auch einlösen. Was heißt das für Treptow-Köpenick?

Stefan Förster: „Wir sind von den Schönheiten der Natur gesegnet, 58 Prozent der Fläche ist nicht bebaut und der Bezirk wächst. Aber auch die Infrastruktur muss mitwachsen, Schulen, Kitas und Straßen.“

Bernd Geschanowski: „Wir müssen zusehen, dass wir uns weiterentwickeln. Sei es der Straßenverkehr oder das Miteinander. Der Bezirk darf nicht abhängt werden. Wir müssen miteinander auskommen und Kompromisse schließen.“

Maik Penn: „Die häufigsten Themen spielen sich im Bereich Bildung, Schul- und Kitaplätze und Wohnen ab. Wichtig ist, dass bezahlbarer Wohnraum entsteht, dass man nicht Autos ausgrenzt. Ich möchte, dass Bürgerveranstaltungen nicht alibimäßig stattfinden.“

Ana-Maria Trăsnea: „Ich will Treptow-Köpenick im Bundestag mit Kraft und Wumms vertreten. Wir werden dafür kämpfen, dass Kinderarmut bekämpft wird, dass Wohnen keine soziale Frage ist und dass unser Bezirk modernisiert wird.“

Marion Buck (66): „Ich kümmere mich um meine 91-jährige Mutter. Jeder Arzt, den ich anrufe, sagt mir, dass er keine Patienten mehr aufnimmt. Ich kann mit meiner Mutter, die im Rollstuhl sitzt, nicht quer durch die ganze Stadt fahren. Wir müssen dann oft auf Praxen zurückgreifen, in denen wir uns nicht gut aufgehoben fühlen“ (Foto: Olaf Selchow)
Marion Buck (66): „Ich kümmere mich um meine 91-jährige Mutter. Jeder Arzt, den ich anrufe, sagt mir, dass er keine Patienten mehr aufnimmt. Ich kann mit meiner Mutter, die im Rollstuhl sitzt, nicht quer durch die ganze Stadt fahren. Wir müssen dann oft auf Praxen zurückgreifen, in denen wir uns nicht gut aufgehoben fühlen“ (Foto: Olaf Selchow)

Gregor Gysi: „Wer Kinder nach der vierten oder sechsten Klasse trennt, grenzt sozial aus. Ich möchte Chancengleichheit aller Kinder beim Zugang zu Bildung, Kunst und Kultur. Davon sind wir noch meilenweit entfernt.“

Oliver Igel: „Wir müssen mit dem Senat handelseinig werden, wie die zukünftige Ausstattung der Bezirke ist. Ich werde mich darauf konzentrieren, dass das meiste bei uns ankommt und nicht in den Innenstadtbezirken. Wir müssen die Lebensqualität hier halten und ausbauen.“

Wie umgehen mit dem Thema Flüchtlinge im Bezirk?

Viele Treptow-Köpenicker fühlen sich von der Politik nicht gehört, wenn neue Flüchtlingsunterkünfte in der Nachbarschaft entstehen. Was tun die Politiker?

Bernd Geschanowski: „Die Entwicklung und Unterbringung von Menschen, die Asyl suchen, führt zu einer Ghettoisierung. Die Menschen sollten dezentral untergebracht werden. Bis zu 500 Menschen aus anderen Kulturen führen schon innerhalb der Objekte zu Spannungen und Problemen.“

Gregor Gysi: „Dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, kann nicht die Lösung unserer Probleme sein. Wir brauchen aus fachlichen Gründen jedes Jahr zwischen 200.000 und 300.000 Einwohner. Das Problem ist nicht, wie viele kommen, sondern wie sie integriert werden.“

Annette Berger (55) ist Hausfrau und Mutter: „Damit ich ganz auf mein Auto verzichte, müssen die Radwege ausgebaut werden. Wichtig ist mir auch, dass die Politiker nicht an die Grünflächen rangehen. Schrebergärten sind die grüne Lunge der Stadt und sollten erhalten bleiben. Die dürfen nicht der Wohnungspolitik zum Opfer fallen“ (Foto: Olaf Selchow)
Annette Berger (55) ist Hausfrau und Mutter: „Damit ich ganz auf mein Auto verzichte, müssen die Radwege ausgebaut werden. Wichtig ist mir auch, dass die Politiker nicht an die Grünflächen rangehen. Schrebergärten sind die grüne Lunge der Stadt und sollten erhalten bleiben. Die dürfen nicht der Wohnungspolitik zum Opfer fallen“ (Foto: Olaf Selchow)

Ana-Maria Trăsnea: „Die Mehrheit der Menschen, die hierherkommen, ist in Not und wir müssen ihnen auf Augenhöhe begegnen. Wir müssen die Infrastruktur und Integrationsangebote reaktivieren. Wir haben diese Erfahrungen gemacht und es haben sich viele Menschen engagiert.“

Maik Penn: „Deutschland hilft mehr als so manch anderes Land in Europa. Die erste Not lindert man damit, dass die Menschen eine Unterkunft, Essen und Kleidung haben. Aber bitte nicht 300, 400 Euro Bargeld pro Familie.“

Stefan Förster: „Wir müssen zwischen Fachkräften, humanitären Flüchtlingen und den Sinti und Roma aus Moldawien unterscheiden.“

Oliver Igel: „Ich habe an jedem Standort, wo Flüchtlinge untergebracht werden sollten, mindestens eine Bürgerversammlung gemacht. Für die Menschen ist es fremd und erstmal unangenehm. Da muss man Probleme besprechen und Lösungen finden. Eine Volksabstimmung, ob Menschen in Not aufgenommen werden, wird es nicht geben.“

Nächste Woche ist dann das große Finale: Am Donnerstag macht das B.Z.-Wahl-Lokal Halt in Steglitz-Zehlendorf. Am Montag teilen wir Ihnen den genauen Standort mit.