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Peter Altmaier im Interview - „Ich habe Fehler gemacht“

Er stand Kanzlerin Angela Merkel so nahe wie kaum ein anderer Spitzenpolitiker, diente ihr u.a. als Umwelt- und Kanzleramtsminister, zuletzt als Wirtschaftsminister: Peter Altmaier (63, CDU).

Im BILD-Interview zieht der Saarländer Bilanz, spricht über Merkel, Müsli und mageres Hähnchen.

BILD: Herr Altmaier, erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Sie Angela Merkel zum ersten Mal über den Weg gelaufen sind?

Altmaier: „Das war an einem Novembertag in den frühen 90er-Jahren, ich nahm damals an einem ökumenischen Gottesdienst beim CDU-Bundesparteitag in Düsseldorf teil und Angela Merkel saß in der Kirche ein paar Reihen vor mir. Als ich sie sah, war ich sehr stark beeindruckt und auch berührt - und wusste nicht warum. Denn gesprochen hatten wir damals nicht miteinander.“

Es scheint Vorsehung gewesen zu sein: Viele Jahre später wurde sie zu einem der engsten Vertrauten der Kanzlerin. Wie ist es Ihnen gelungen, ihr Vertrauen zu gewinnen?

Altmaier: „Das ist eine Frage für die Kanzlerin, nicht für mich. Aber persönliche Loyalität und die vielen Krisen haben sicher das ihre getan. Als ich 2009 Parlamentarischer Geschäftsführer wurde, mussten wir in jeder Abstimmung um unsere Kanzlermehrheit kämpfen - egal, ob es um die Eurokrise oder den Atomausstieg ging. Später waren es z.B. die Ukraine-Krise und die Flüchtlingskrise. Ich habe damals viele Nächte durchgearbeitet und hielt mich mit Kannen voller Kaffee und anderen Hilfsmitteln wach…“

Das klingt nach einer Schlagzeile, das sollten sie näher ausführen ...

Altmaier (lacht): „Natürlich nur mit ‚legalen Drogen‘, wie Schokolade und Cola. Ich war früh überzeugt, dass Angela Merkel eine herausragende Kanzlerin ist, die auch international ihresgleichen sucht. Ich habe auch deshalb gerne für sie gearbeitet, weil ich die allermeisten ihrer Überzeugungen teilte und ihre menschliche Art gerade gegenüber Schwächeren und Benachteiligten sehr schätze.“

Klingt so, als sei sie eine sehr fordernde Chefin ...

Altmaier: „Stimmt. Aber ich war bereit, sehr hart zu arbeiten, so wie andere in unserem Team auch, manchmal bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Ich habe es übrigens nie bereut, weil ich dadurch die Chance hatte, Angela Merkel bei ihrer Arbeit für Deutschland und Europa zu unterstützen. Das war ein großes Privileg. Mit Merkel hat sich das Bild Deutschlands in der Welt zum Positiven gewandelt. In den Jahren davor wurde Deutschland aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke international – teils widerwillig - respektiert, heute genießen wir überall auf der Welt enorme Wertschätzung und Sympathie. Das ist gerade auch das Verdienst von Angela Merkel, ihrer persönlichen Bescheidenheit und ihrer klaren Prinzipien.“

Als Steuerzahler freue ich mich natürlich, dass Sie so aufopferungsvoll ihrem Job nachgegangen sind. Aber fürchten Sie nicht, dass am Mittwoch in ein tiefes Loch fallen könnten, wenn der Staat sie aus dem Dienst entlässt?

Altmaier: „Da mache ich mir keine Sorgen. Schon in den letzten Wochen ist es ruhiger geworden, weil ich nicht an den Koalitionsverhandlungen beteiligt war.“

Es sieht sogar so aus, als hätten Sie abgenommen …

Altmaier: „Stimmt, ich habe meine Ernährung umgestellt und abgenommen - wie viel genau wird noch nicht verraten. Aber der Knopf meiner Anzugsjacke saß noch nie so gut. Zum Frühstück gibt’s jetzt nur noch zuckerfreies Müsli mit Heidelbeeren und Ananas, zum Abendessen mageres Hühnchen. Das hilft. Und auch die Vorfreude darauf, dass ich jetzt liebe Menschen wieder sprechen und sehen kann, die ich in den letzten Jahren immer wieder vertrösten musste. Und in meinen Bücherregalen warten viele spannende Bücher, für die ich als Minister viel zu wenig Zeit hatte.“

Stimmt es eigentlich, dass Sie 500 Bücher über Bismarck gesammelt haben?

Peter Altmaier: „Nein, das stimmt nicht.“

Dann bin ich falsch informiert ...

Altmaier: „Ja, es sind nämlich ungefähr 640! Über kaum einen anderen Politiker ist so viel geschrieben und gestritten worden.“

Zur Wahrheit über Bismarck gehört auch, dass er ein zwiespältiges Verhältnis zur Demokratie hatte. Das Parlament empfand er als lästig. Auch in den vergangenen Monaten hatten viele Bundestags-Abgeordnete den Eindruck, dass die Bundesregierung unter Merkel das Parlament als geradezu störend empfunden habe. Hätte die Bundesregierung die Abgeordneten in der Corona-Krise besser einbinden müssen?

Altmaier: „Das ist eindeutig falsch: Das Parlament hatte und hat es stets in der Hand, die wesentlichen Fragen in der Pandemie an sich zu ziehen, was es ja auch einige Male getan hat. Aber die Entscheidung trifft immer noch die Mehrheit und nicht die lautstarke Minderheit der AfD-Abgeordneten, die die Sorgen vieler Bürger gefährlich missbrauchen.“

Gibt es Menschen, bei denen Sie sich entschuldigen müssen und möchten?

Altmaier: „Jeder macht mal Fehler, und ich habe ganz sicher auch welche gemacht, zumal ich oft ein Freund der klaren Worte bin. Wenn ich dabei ungewollt jemandem Unrecht getan oder ihn verletzt habe, habe ich mich in der Regel aber dafür entschuldigt. Angela Merkel hat übrigens viel dazu beigetragen, das der Ton im Parlament heute weniger rau und verletzend ist.“

Wie ist es mit Herrn Laschet, hat er ihnen schon verziehen, dass sie sich vor ein paar Monaten gegen ihn stellten?

Altmaier: „Wir haben damals hart mit der Frage gerungen, mit welchem Kanzlerkandidaten wir die besten Chancen haben wieder den Regierungsauftrag zu erhalten und unser Land mitgestalten zu können. Ich war und bin der Überzeugung, dass Markus Söder damals die bessere Wahl gewesen wäre. Das habe ich im Bundesvorstand meiner Partei damals auch sachlich begründet. Nachdem Armin dann Kanzlerkandidat war, habe ich ihn in rund 50 Wahlveranstaltungen unterstützt. Weder für das eine noch für das andere muss ich mich entschuldigen oder um Verzeihung bitten. Dass Ihre Zeitung, die BILD, praktisch alles aus jener Vorstandssitzung quasi ‚live‘ berichten konnte, war ja nun nicht das Problem von Paul Ronzheimer, sondern desjenigen in der CDU, der das Gebot der Vertraulichkeit verletzt hat.“

Ist es gut, dass sich die Union jetzt in der Opposition erholen kann?

Altmaier: „Ich habe mir die Opposition nicht gewünscht. Aber die Wählerinnen und Wähler haben anders entschieden. Wenn wir ehrlich sind, dann haben wir es ihnen mit einer Serie von Pleiten, Pech und Pannen auch nicht sehr leicht gemacht, sich für uns zu entscheiden. Jetzt müssen wir die enttäuschten Bürgerinnen und Bürger für die Union zurückgewinnen. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass unser Land bei CDU und CSU gut aufgehoben und regiert ist, wie man an den Ergebnissen der letzten 16 Jahre sehen kann. Das muss nun eine neue Generation von Politikerinnen und Politikern leisten. Als überzeugter Christdemokrat seit 46 Jahren werde ich das gerne unterstützen, auch wenn ich mich aus der Tagespolitik weitestgehend zurückhalten werde.“