Germany

Politikerin mit Bodenhaftung: Marianne Rötzer feiert 87. Geburtstag

Bäuerin, Gastwirtin, Mutter, Kreisbäuerin, stellvertretende Landrätin – Marianne Rötzer aus Siglfing führte ein Leben auf der Überholspur und hat doch die Bodenhaftung nie verloren. Die 87-jährige Land- und Gastwirtin feiert Geburtstag und erzählt aus ihrem bewegten Leben.

Siglfing – Als die kleine Marianne Peiß 1934 geboren wurde, musste ihr ein Professor aus München auf die Welt helfen. „Meine Mutter war bei der Entbindung schon 43 Jahre alt, das war eine Risikogeburt“, berichtet die Siglfingerin. Aufgewachsen sei sie quasi als Einzelkind, denn der Halbbruder Hans aus der ersten Ehe des Vaters war 25 Jahre älter und schon aus dem Haus. Bewirtschaftet haben die Eltern in Siglfing eine Landwirtschaft mit Kühen, Schweinen, Pferden und dazu die Gastwirtschaft mit dem Hausnamen „Ulrich-Bauer“. Die Familie verfügte über kein separates Aufenthaltszimmer, denn „wir haben in der Wirtsstube gewohnt“, sagt Marianne Rötzer und erinnert sich an die rauchgeschwängerte Stube, besonders am monatlichen Gesellschaftstag.

Familie wohnt in der Wirtsstube

Von der Mama sei sie sehr streng erzogen worden, nachsichtiger war der Papa, der so glücklich über seine Tochter war. „Sogar das ABC hat er mir schon vor der Einschulung beigebracht“, erinnert sich Marianne Rötzer, die bereits mit fünfeinhalb Jahren in die Schule kam. Der Unterricht in der Mädchenschule an der Langen Zeile begann an Ostern, mit in der Klasse waren zehn Buben, darunter der Vater des heutigen Oberbürgermeisters. „Der Gotz Sepp, der konnte so gut stricken, sein Topflappen war viel schöner als meiner“, erinnert sich Rötzer schmunzelnd.

Ein Wermutstropfen in ihrer Kindheit waren die fehlenden Geschwister. „Ich bin auf dem Schulweg sogar öfter am Krankenhaus (heute Landratsamt) vorbeigegangen und habe dort nachgefragt, ob sie denn nicht ein Geschwisterl für mich hätten“, erzählt Marianne Rötzer.

An die Angst bei Fliegeralarm in Kriegszeiten erinnert sie sich lebhaft. Sie habe regelrecht mit den Zähnen geklappert vor Furcht. Später wurden bei Familie Peiß bis zu 20 Flüchtlinge mit einigen Kindern einquartiert – für die kleine Marianne eine Freude, sie hatte endlich „Geschwister“ zum Spielen. Als am 1. Mai 1945 die Amerikaner den Landkreis Erding erreichten, wärmten sie sich am Kachelofen der Gastwirtschaft auf. Vom Schweinsbraten im Rohr bekamen sie allerdings nur einen Teil ab, den Rest verteidigte Maria Peiß resolut. „Doch bei den Hamsterern, die jeden Tag morgens um 8 Uhr an der Tür klopften, war die Mama großzügig, da ging keiner ohne etwas Mehl oder Milch weg“, erinnert sie sich.

Hohe Ehre: Das Bundesverdienstkreuz erhielt Marianne Rötzer 1984 von Bezirkspräsident Raimund Eberle.

Für ein Bauerndirndl vom Dorf damals ungewöhnlich, wechselte die gescheite Marianne auf die Oberrealschule, schrieb gerne lange Aufsätze und galt viel bei den Lehrern, besonders bei Frau Gilsa. „Nur beim Reinbold Simmerl nicht, wir haben uns gegenseitig nicht mögen, er hat mir nichts zugetraut“, meint Marianne Rötzer. Die damalige Oberin Dolores Praller, die laut Rötzer unbedingt eine Straßenwidmung verdient hätte, überzeugte die 14-jährige Schülerin, auf die von ihr gegründete Frauenfachschule zu wechseln. So schloss Marianne diese im Alter von 18 Jahren ab. Obwohl ihr die Handarbeit nicht immer leicht fiel, absolvierte sie anschließend die Ausbildung zur Hauswirtschafts- und Handarbeitslehrerin in München-Pasing und unterrichtete danach an einer Volksschule die Klassen 1 bis 8 in Handarbeit. Ihren großen Wunsch, noch den Abschluss als Lehrerin für die landwirtschaftliche Berufsschule zu machen, konnte Marianne Rötzer nur noch teilweise realisieren.

Einzige Frau im Kreistag

Gerne blickt sie auf das Betriebspraktikum bei Familie Schweighofer in Seeshaupt zurück, das sie leider vorzeitig abbrechen musste. Die Eltern und konnten die Gast- und Landwirtschaft ohne Tochter Marianne nicht mehr führen und so kehrte sie nach Siglfing zurück. Bei einer „Schermaus-Versammlung“ zur Bekämpfung der Maulwürfe lernte Marianne Rötzer den Verwalter der Pointnermühle am Stadtpark, Josef Rötzer aus Mühldorf, kennen – und später lieben.

Im November 1956 läuteten die Hochzeitsglocken. Die 22-jährige Braut musste ganz erbärmlich frieren: Bei 12 Grad ging es mit der offenen Schalawa-Kutsche zum Standesamt. „Meine Unterschrift war fast unleserlich vor lauter Zittern“, erklärt Marianne Rötzer, die anschließend in der Stadtpfarrkirche von Pfarrer Pfeiffer getraut wurde.

Die Entbindungen waren meistens im Frühjahr, damit ich zum Zuckerrüben-Hacken im Mai wieder fit war.

Sechs Kinder wollte die frischgebackene Ehefrau damals haben, mit den Söhnen Seppi (1957), Bernhard (1960), Martin (1963) und Ulli (1968) hat sie vier Buben bekommen. „Die Entbindungen waren meistens im Frühjahr, damit ich zum Zuckerrüben-Hacken im Mai wieder fit war“, sagt die vierfache Mutter pragmatisch. Das junge Ehepaar übernahm 1957 den Hof und die Gastwirtschaft.

1962 wurde Marianne Rötzer zur Kreisbäuerin gewählt. Als der Bauernverband seine Mitglieder aufforderte, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren, ließ sich die ehrgeizige Bäuerin 1966 mit Unterstützung von Landrat Simon Weinhuber (Bayernpartei) für den Kreistag aufstellen. Ihre Partei gewann sieben Sitze, Marianne Rötzer war die einzige Frau im Gremium. „Als Wirtin war ich den Umgang mit Männern gewohnt, da hatte ich kein Problem“, sagt die resolute Frau.

Ohne die Hilfe ihrer Mutter und deren Schwester, Tante Anni, und der Haushaltshilfe Rosa wären die vielen Ämter nicht möglich gewesen. „Die Tante Anni war der Stern in meinem Leben“, erinnert sich Marianne Rötzer.

Ein schwerer Schicksalsschlag traf die Familie, als der älteste Sohn Seppi im Alter von 14 Jahren an einem tödlichen Stromschlag verstarb. „Das war schon sehr schlimm“, erinnert sich die Mutter mit feuchten Augen und bedauert, dass viele Leute damals aus Unsicherheit den Kontakt mit der Trauerfamilie vermieden hätten. „Ich habe daraus viel gelernt für den Umgang mit Trauernden“, resümiert die Seniorin.

Eine große Hilfe ist der heute 87-Jährigen ihre Betreuerin Dana.

Geholfen habe ihr auch das Engagement in ihren Ämtern, das ja weiterlaufen musste, meint sie. Lange Jahre engagierte sich Marianne Rötzer im Kreistag als Vertreterin der Freien Wähler, begleitete dort den Aufbau und die Eröffnung des Kreiskrankenhauses 1973. Bei den Landfrauentreffen organisierte sie Vorträge. „Die Einladungen haben wir damals noch über die Milchkannen verteilt“, erzählt sie. Und sie gründete den Landfrauenchor, der 2004 mit dem Kulturpreis des Landkreises ausgezeichnet wurde.

Mit den Jahren bekam ihr Mann Sepp Probleme mit der Hüfte, wurde mehrfach operiert, was aber wenig Besserung brachte. „Wir haben beide leidenschaftlich gern getanzt, das war dann nicht mehr möglich“, bedauert Marianne Rötzer rückblickend. Auch über die häufigen Abwesenheiten der Gattin sei ihr Mann nicht immer glücklich gewesen, gibt sie zu.

Viel Arbeit brachten den Landfrauen und ihrer Kreisbäuerin die Ausstellungen OBA und „Jagen und Fischen“, auf denen die Bäuerinnen mit einem Stand vertreten waren. „Beim ersten Mal haben wir nur einen Infostand gehabt, an dem wir Schux’n verschenkt haben, beim nächsten Mal gab es schon ein Schaubacken vor Ort“, berichtet Rötzer stolz.

Kochbuch wird ein Renner

Bald schon wurde die Idee eines Landfrauen-Kochbuchs in Angriff genommen, die handschriftlichen Rezepte der Bäuerinnen sortierte Rötzer während eines Kuraufenthalts in Bad Aibling. Das Buch mit einem von Benno Hauber gestalteten Titel wurde 1985 mit einer Auflage von 3000 Stück gedruckt. „Die Nachfrage war gigantisch, ich habe waschkorbweise Bücher zur Post gebracht“, schwärmt die ehemalige Kreisbäuerin. Im neu gegründeten Verein „Landfrauenhilfe“ wurden die Einnahmen regelmäßig für karitative Zwecke gespendet.

Gerne wäre die ehrgeizige Siglfingerin auch noch Bezirksbäuerin geworden, doch 1982 unterlag sie in der Wahl. „Wahrscheinlich war ich in der falschen Partei“, mutmaßt sie. Trotzdem war sie weiter unermüdlich in ganz Bayern unterwegs, hielt Vorträge zu den Themen Lebenshilfe, Umgang mit Trauernden und soziale Themen. „Das war meine schönste Aufgabe“, sagt Marianne Rötzer, der schon im Schulzeugnis eine „anerkennenswerte Redetätigkeit“ attestiert wurde.

Auch im Erdinger Stadtrat kam Marianne Rötzer oft zu Wort, doch nach sechs Jahren wurden ihr die Termine wurden zu viel. Als 1985 ihr Sohn Bernhard den „Gasthof zur Post“ übernahm, konnte er sich auf die Mithilfe seiner Mutter und der Familie verlassen. Sie kam während dem Mittagsgeschäft zum Einschenken und begrüßte charmant die Gäste. „Das war eine schöne Zeit, wenn die ganze Familie zusammenhält“, erklärt sie.

30 Jahre Telefon-Freundschaft

Eines ihrer schönsten Erlebnisse war die Geburt ihrer ersten Enkelin Steffi, der Tochter von Bernhard und Gisela Rötzer. „Ich durfte sogar im Kreißsaal mit dabei sein“, erzählt die begeisterte Oma mit leuchtenden Augen. Sie freut sich heute über sieben Enkelkinder im Alter von 22 bis 33 Jahren, die alle in der Nähe wohnen, dazu kommen die zwei Urenkelchen Lilly (2) und Lorenz (2,5).

Nach 48 Ehejahren musste sie 2004 von ihrem Ehemann Josef Abschied nehmen. Heute ist die Uroma gesundheitlich zunehmend eingeschränkt. Sie hat Probleme mit dem Gehen, und auch die Augen werden immer schlechter. Doch die Seniorin bleibt positiv: „Wenigstens kann ich noch gut hören und dadurch die sozialen Kontakte aufrecht erhalten“, sagt die immer gut gelaunte Wirtin. Neben Hilfsmitteln wie Rollator und Lesegerät hat sie mit der 39-jährigen Dana als Betreuerin eine wertvolle Unterstützung an ihrer Seite.

Seit über 30 Jahren verbindet eine Telefonfreundschaft die 87-jährige mit dem 94-jährigen Alfred aus Norddeutschland, der ebenfalls verwitwet ist. „Wir telefonieren jede Woche, obwohl wir uns nach dem Kennenlernen in Herrsching nur zwei Mal persönlich getroffen haben“, berichtet Marianne Rötzer.

Sohn Bernhard schätzt seine Mutter: „Wir sind nicht verwöhnt worden als Kinder, aber es wurden uns wichtige Werte fürs Leben vermittelt“, sagt er und erinnert sich schmunzelnd, wie wichtig es der Mutter war, dass die Buben bei Unfällen vor der Fahrt in die Notaufnahme die Füße gewaschen hatten.

Kämpferisch ist Marianne Rötzer noch immer und hat mit ihrer Beharrlichkeit für einen behindertengerechten Einstieg am Kronthaler Weiher gesorgt, denn Schwimmen ist eine ihrer Leidenschaften. Für ihr Engagement wurde die ehemalige Politikerin mit dem Bayerischen Verdienstorden, dem Goldenen Ehrenring des Landkreises und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie selbst blickt zurück auf ein erfülltes Leben: „Es war immer viel Arbeit, oftmals nicht leicht, aber es war schön!“

Gerda und Peter Gebel

Football news:

Timeline Qualen von Couman: schreckliche Ergebnisse, Scharmützel mit Laporte, Fan-Angriff und Entlassung. Jetzt will Barcelona Javi
Salihamidzic über das 0:5 bei Borussia Dortmund: Das war schockierend
Barcelona will Javi ernennen nach dem Rücktritt von Koeman will der FC Barcelona zum Cheftrainer des ehemaligen Klub-Mittelfeldspielers Xavi ernennen
💣 ÂБарсеĞона увоĞиĞĞ° Кумана
Barcelona wird den Rücktritt von Couman bald bekannt geben
Die Bosse von Barcelona treffen sich heute Abend, um über Coomans Zukunft zu diskutieren
Inter-Trainer über das 2:0 gegen Empoli: Schade, dass Lautaro nicht geschossen hat, aber er sichert die Tore für die nächsten Spiele