Germany

Rad ab: Ein Amateurrennen von Megève nach Nizza

Mittwoch morgen kurz nach acht. In einem grauen Hinterhof von Alpe d’Huez lehnt das Rennrad an der Rückwand des Hotels. Es ist kühl, sonnig und trocken: perfektes Wetter. Die kleine elektrische Pumpe schraubt den Reifendruck am Hinterrad langsam auf 8,5 bar. Ich habe Salze und Mineralien in der Flasche Wasser aufgelöst, die am Sitzrohr klemmt. Dichtmilch und Handpumpe in der Rückentasche links. Ausweis, Krankenkarte, Kreditkarte, ein Zettel mit der Blutgruppe und ein Geldschein rechts. Zwei flache Tüten aus Aluminiumfolie mit einem Gel aus Zucker und Aminosäuren in der mittleren Tasche. Wir fahren nur 15 Kilometer. Ich bin bei der „Haute Route Alps“, der Tour de France für Amateure, und ich bin spät dran.

Wie schon am Dienstag habe ich auch heute mein Frühstück stehen lassen müssen. Seit Samstag nehme ich Antibiotika, wegen eines Zeckenbisses. Zudem bin ich leicht erkältet, kein Wunder nach dem, was wir am Vortag erlebt haben. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist die Uhr. Während ich am Vorderrad auf 8 bar pumpe, fällt mein Blick auf den Lenker. Ich habe meinen Radcomputer vergessen. Ich muss noch mal hoch ins Zimmer und werde zu spät zum Start kommen. Ich bin bei der Haute Route dabei und zum ersten Mal in Alpe d’Huez, bei den berühmten 21 Kehren, dem Petersdom des Radsports. Da kannst du erkältet und erschöpft sein, du kannst schlecht fahren, aber schlecht organisiert sein ist respektlos.

Ich ziehe die zweite der beiden Regeln, die ich mir für diese Tour gegeben habe: Einen Fehler darfst du machen, das passiert sowieso, aber mach dann keinen zweiten. Verzeih dir den ersten Fehler, aber nicht den danach, den du beim Versuch machst, den ersten zu vertuschen. Also rolle ich ums Haus, hole den Computer aus dem Zimmer, ohne den ich meine Leistung im Zeitfahren nicht einteilen könnte, und fahre ohne Eile zum Start. Ich komme zu spät, kein Problem für die Rennleitung. Man zieht drei andere Fahrer vor. Dann bin ich selbst schon drin, und das wenige was ich mir vorgenommen habe, kann ich nicht umsetzen. Der Puls fällt zum Teil unter 130.

Beim Anstieg zum Col du Télégraphe kämpft der Autor sehr.

Beim Anstieg zum Col du Télégraphe kämpft der Autor sehr. : Bild: photo running

Auch ohne Zecke und Schnupfen war es viel verlangt, bei der Haute Route an den Start zu gehen. Als mich die Einladung erreichte, war ich seit mehr als einem Jahr auf keinem Berg mehr gewesen. Es gab keine Trainingsgruppen mehr, nur achttausend einsame Kilometer auf Landstraßen in Brandenburg und als Geselle den Wind. Aus sportlicher Sicht kam nur eine Absage in Frage. Schließlich ging es über sieben Tage, von Megève in der Nähe des Montblanc über knapp 900 Kilometer nach Nizza, hochalpine Kilometer. Weil es sich dieses Jahr um die 10-Jahre-Jubiläumstour handelte, wollte man den üblichen Superlativ noch ein bisschen toppen: Die dritte Etappe war die längste und mit den meisten Höhenmetern versehene in der Geschichte dieses Rennens, die 6. Etappe 2800 Meter hoch in den Parc National du Mercantour. Versuche, ähnliche Strecken im Ötztal als Profirennen zu etablierten, scheiterten mehrfach: zu lange zu steil, die Luft zu dünn. Obendrein ist das Klettern meine schwache Disziplin. Aber mit der Vernunft ist es so eine Sache und mit der Übertreibung eine andere. Also der Übertreibung mit einer Untersetzung beikommen?

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