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Rettungsversuch: Jugendwerkstatt in in Köln-Klettenberg droht das Aus

In der Werkstatt stehen mehrere PKW bereit. Botum wechselt die Reifen. Dann überprüft er noch den Ölstand. KFZ-Meister Andreas Krebs unterstützt den 18-Jährigen dabei. Der hatte allerdings eigentlich ganz anderen Pläne, wollte Kaufmann werden. Jetzt erprobt er sich als Mechaniker. „Ich habe schon einmal eine Ausbildung angefangen“, erzählt Botum, „aber da habe ich gar nichts gelernt.“ In der Jugendwerkstatt (JWK) sei das ganz anders.
Botum gehört zu den vielen Jugendlichen, die dort eine zweite, dritte oder die erste wirkliche Chance in ihren Leben überhaupt bekommen. Es handelt sich um junge Menschen, die die Schule abgebrochen haben oder aus anderen Gründen in einem klassischen Ausbildungssystem scheitern.

Junge Menschen lernen Pünktlichkeit 

Die JWK hilft ihnen, wieder einen Weg dort hineinzufinden. In verschiedenen Lehrgängen lernen sie, mit den Anforderungen der Ausbildungs- und Arbeitswelt umzugehen, eignen sich Fachwissen an, lernen pünktlich und verbindlich zu sein, sich selbst zu organisieren. Neben der KFZ-Werkstatt gibt es an der Rhöndorfer Straße eine Holzwerkstatt, wo beispielsweise Möbel aufbereitet werden, eine Metallwerkstatt, in der Fahrräder und andere Dinge repariert werden, sowie eine Snackbar mit Cateringbetrieb. Die JWK hat viele zufriedenen Kunden. Das wird wohl in einigen Jahren vorbei sein, denn die evangelische Kirchengemeinde Köln-Klettenberg, der die Grundstücke gehören, auf der sich die soziale Einrichtung befindet, hat ihr zum 31. März 2024 gekündigt. Dabei hat die Gemeinde die Jugendwerkstatt selbst vor über 40 Jahren gegründet. Die JWK-Geschäftsführerin Annette Nowinski verweist auf ihre Geschichte: „Damals war die Jugendarbeitslosigkeit hoch“, schildert sie.

Gemeinde hält Sanierung nicht für sinnvoll

Mitglieder der Kirchengemeinde waren der Auffassung, dass sie etwas dagegen tun muss.“ Der Standort wurde aufgebaut – und die zwei Grundstücke, auf denen sich die Jugendwerkstatt befindet, später gekauft. Wilfried Becker, Vorstandsmitglied des Fördervereins der JWK, betont, die Gemeinde habe die Eigentümerinnen mit dem Argument vom Verkauf überzeugt, dass dadurch der Betrieb der Jugendhilfeeinrichtung langfristig gesichert wurde. Die JWK bezahlt der Kirchengemeinde Miete, womit die Zinsen der Darlehen, die sie für den Erwerb aufgenommen hatten, beglichen werden.

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Wilfried Becker und Annette Nowinski (Bild links) von der Jugendwerkstatt fühlen sich hängengelassen. 

Foto:

Esch 

Eines der beiden Grundstücke ist mittlerweile abbezahlt. Aber nun hat die Gemeinde andere Pläne mit dem Areal. Pfarrer Ivo Masanek, auch Vorsitzender des Presbyteriums, begründet die Entscheidung: „Leider sind die Gebäude der JWK inzwischen stark sanierungsbedürftig“, schreibt er. Die Sanierung sei aber nicht sinnvoll und nachhaltig.

Pläne für moderne Werkstätten 


Schon seit Jahren steht daher die Frage im Raum, ob und wie die Gemeinde auf dem Grundstück neu baut. 2017 legte der Förderverein der JWK ihr Pläne vor, die er mit einem namhaften Architekturbüro und einem Investor entwickelt hatte: Danach sollten moderne Werkstätten für die Jugendlichen entstehen, ein Boardinghouse, um dessen Betrieb sich die Jugendlichen ebenfalls gekümmert hätten, Studentenappartements, Räume für die stationäre Jugendhilfe, ein Café und ein Dachgarten mit ökologischem Obst- und Gemüseanbau.
Doch die Gemeinde lehnte das Konzept ab. Masanek begründet die Entscheidung: „Die Werkstätten wären ausschließlich für die Nutzung des JWKs geeignet gewesen.“

Stadt Köln ist nun involviert


Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es dem Presbyterium wichtig, dass die Räume für unterschiedliche Zwecke gebraucht werden können. Es würde die dortige Immobile gerne auch an andere diakonische oder soziale Träger vermieten, die sich die Jugendsozialarbeit und der Inklusion widmen. Das soll die Nutzung durch das JWK grundsätzlich nicht ausschließen.

Man sucht aber gemeinsam nach einem neuen Standort für die Werkstätten. Durch die Kündigung sei nun auch die Stadt Köln involviert, die Suche intensiviert.
Die Bezirksvertretung Lindenthal hat in ihrer vergangenen Sitzung ebenfalls beschlossen, dass die Stadtverwaltung prüfen soll, ob es ein städtisches Grundstück für die Jugendwerkstatt gibt.

Mitglied des Presbyteriums aus Protest ausgetreten 

Ein ehemaliges Mitglied des Presbyteriums, die Sülzerin Johanna Tüntsch, sieht diese Entscheidung der Gemeinde kritisch und ist deshalb aus ihr ausgetreten. „Es ist der christliche Auftrag, sich um die zu kümmern, die am Rande der Gesellschaft stehen“, kommentiert sie. „Es gibt keinen anderen offensichtlichen Bedarf, sondern einfach nur den Wunsch, etwas Lukrativeres dort anzusiedeln, was aber doch irgendwie auch sozial sein kann.“ Sie ist empört über den Rausschmiss.
Wilfried Becker sieht andere Möglichkeiten: „Wir könnten das Grundstück in einer Erbpacht übernehmen. Dann müssen wir für die Instandhaltung selbst aufkommen. Zumindest könne die Kirchengemeinde mit der Kündigung doch warten, bis ein neuer Standort für die Werkstätten gefunden ist. „Die Kündigung bedeutet das Aus für die JWK“, so Becker. „In der kurzen Zeit finden wir auf dem derzeitigen Immobilienmarkt nichts Neues.
Die JWK fühlt sich hängen gelassen und verdrängt. Nowinski beklagt das sehr: In Sülz sei die Werkstatt gut erreichbar und eine perfekte Anlaufstelle für die Jugendlichen, die vermehrt aus sozialen Brennpunkten kommen. „Es ist nicht sinnvoll, wenn wir künftig, beispielsweise in Merkenich am Stadtrand sitzen.“