Am Montag erscheint die Autobiografie von Roland Kaiser. In der B.Z AM SONNTAG spricht die Schlager-Ikone vorab über sein bewegtes Leben.

Tempodrom, Mai 2006. Roland Kaiser betritt die Bühne. Er singt, bekommt plötzlich keine Luft mehr! Panik, kalter Schweiß, die Brust zieht sich zusammen. Er geht wieder hinter die Bühne, setzt sich, hustet, wundert sich über die Ruhe. Ein Techniker ruft: „Wir haben einen Stromausfall!“

Der war Roland Kaisers Rettung! So hatten die Fans nicht mitbekommen, dass ihm die Stimme weggeblieben war. Kaiser, der starke Raucher, war da schon lange an COPD, einem chronisch fortschreitenden Lungenleiden, erkrankt.

Er wollte aber nicht, dass seine Fans das wissen. Ein schwächelnder Kaiser? Nein! Und es ging ja auch noch mal gut, seine Stimme kam zurück, das Konzert wurde fortgesetzt.

Der Weddinger Steppke an der Hand seiner alleinstehenden Adoptivmutter Ella Oertel. Sie starb 1967, von da an war er mit 15 Jahren ein Waisenkind (Foto: Privat)
Der Weddinger Steppke an der Hand seiner alleinstehenden Adoptivmutter Ella Oertel. Sie starb 1967, von da an war er mit 15 Jahren ein Waisenkind (Foto: Privat)

Roland Kaiser (69) beschreibt diesen Vorfall in seiner am Montag erscheinenden Biografie „Sonnenseite“ (Heyne, 20 Euro).

Da liegt die Frage an den Schlagerstar nahe: Haben Sie die Krankheit verschwiegen, weil sie die Menschen für empathielos halten, Herr Kaiser? „Wahrscheinlich, ich habe die Menschen unterschätzt in meinem Verständnis. Ja, da haben Sie recht“, sagt Roland Kaiser (69). Vier Jahre nach dem Beinahe-Zusammenbruch rettete 2010 eine Lungentransplantation sein Leben.

Kaiser ist hart im Nehmen, ein Berliner Junge, aufgewachsen im Wedding.

Seine Biografie zeigt, dass für ihn schon zu Kindheitstagen nicht immer die Sonne schien. Seine leibliche Mutter, damals 17, setzte ihn als Säugling in einem Korb aus. Die schon ältere Adoptivmutter Ella zog den kleinen Roland auf. „Se is nich deene Mutter, se is deene Oma“, hänselten ihn die Jungs auf dem Schulhof. Roland ließ sich nichts gefallen, ließ keine Prügelei in der Pause aus.

Und nichts wünschte sich der Berliner Bengel sehnlicher als einen Hund. Seine Ziehmutter Ella war dagegen, weil Tante Gertrud, die bei ihnen wohnte, dagegen war. Roland ließ nicht locker, die Mutter gab nach. Und Gertrud war verzweifelt: „Aber wenn hier ein Hund herumspringt, was ist, wenn ich hinfalle?“ Gertrud fiel nicht hin, sondern verliebte sich in Mischlingshündchen Axel. Und der sich in sie, Roland war glücklich.

Der junge Roland, der damals noch Ronald hieß und eigentlich Pilot werden wollte (Foto: Privat)
Der junge Roland, der damals noch Ronald hieß und eigentlich Pilot werden wollte (Foto: Privat)

Seit er zum ersten Mal die Flugzeuge in Tempelhof landen sah, wollte Kaiser Pilot werden, aber die Ausbildung war zu teuer. Dass aus dem Möchtegern-Piloten und Rolling Stones-Fan dann ein Schlagerstar wurde, hatte er einem zufälligen Vorsingtermin zu verdanken. Er sang „In The Ghetto“ von Elvis, erhielt einen Plattenvertrag und weil Ronald Keiler, wie er eigentlich hieß, zu sehr nach Wildschwein klang, gleich auch einen schöneren Vor- und Namen hinterher: Roland Kaiser!

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Der Erfolg in den Charts stellte sich langsam, aber dann immer heftiger ein – er war Dauergast in Schlagersendungen und TV-Shows. Aber das erfasste auch den Charakter des Umschwärmten, der Kaiser hob ab vom Thron. Um dann aber zu merken: „Der Mistkerl, der ich geworden war, wollte ich nicht länger sein.“

„Na ja, das war wohl so zwischen 1980 und 1982, wo ich meine eigene Position überschätzt habe. Als umso angenehmer empfinde ich es, auf den Boden zurückzukommen und das Gefühl zu haben, ein angenehmerer, verlässlicherer Mensch zu sein“, sagt der Schlagerstar heute im Rückblick.

Musik-Fasching 1960 mit den Cousinen Helga und Regina und Cousin Wolfgang. Roland am Kinder-Saxophon (2.v.r.) (Foto: Privat)
Musik-Fasching 1960 mit den Cousinen Helga und Regina und Cousin Wolfgang. Roland am Kinder-Saxophon (2.v.r.) (Foto: Privat)

Davon profitiert auch Kaisers Privatleben. Mit Silvia, Ehefrau Nummer drei, ist er seit 1996 glücklich verheiratet. Die Jahre davor waren durchwachsener, die Ehe mit Schauspielerin Anja Schüte hielt von 1990 bis 1995. Er gibt in der Biografie schon mal ein Fremdgehen zu, aber sonst hält sich Kaiser in Sachen Liebe – in Schlagertexten ein Freund der eindeutigen Zweideutigkeiten – auffallend zurück.

Roland Kaiser mit Ehefrau Silvia Keiler und Tochter Annalena Kaiser beim Semper-Opernball 2020 in Dresden (Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress .)
Roland Kaiser mit Ehefrau Silvia Keiler und Tochter Annalena Kaiser beim Semper-Opernball 2020 in Dresden (Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress .)

Eine seiner großen Leidenschaften ist die Politik. Kaiser, SPD-Mitglied, verehrt bis heute Willy Brandt, dem er in einer TV-Show begegnete. Er beschreibt den Moment, als Brandt den Raum betrat: „Er füllte ihn, ohne irgendetwas zu tun. Seine Präsenz war enorm. Die Großen, sie sind immer leise.“

Der Sänger selbst bewies auch diplomatisches Geschick., das war 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins. Er und seine Band sollten dreimal im Friedrichstadt-Palast im Ostteil auftreten. Problem: Keyboarder Franz Bartzsch war DDR-Flüchtling, bekam keine Einreisegenehmigung. Kaiser schrieb an Staats-Chef Honecker und betonte, dass „ohne ihren musikalischen Leiter eine Qualitätsminderung zu befürchten sei“. Die Genossen fanden eine Lösung: Bartzsch dürfe einreisen, aber nur unter einem Pseudonym. Bei der TV-Übertragung wurde der Name „Daniel Matthi“ eingeblendet.

Roland Kaiser während eines Konzerts im Rahmen seiner „Alles oder dich“-Tour in Hamburg (Foto: Markus Scholz/dpa)
Roland Kaiser während eines Konzerts im Rahmen seiner „Alles oder dich“-Tour in Hamburg (Foto: Markus Scholz/dpa)

So war Kaisers Schlager politisch geworden.

Bei der Frage zur aktuellen Lage und ob er eher zur Scholz- oder zur Kühnert-Fraktion gehört, meint Kaiser: „Sagen wir mal so: Ich mag es, wenn wir in Regierungsfunktion den sozialdemokratischen Geist stärker umsetzen können. Das kam auch Pragmatikern wie Schmidt und Schröder gelegen. Männern, die auch unbequeme Dinge angefasst haben.“

Egal, was in der Politik passiert, in Deutschland herrscht aktuell Kaisermania – natürlich auch in seiner Heimatstadt. Anfang des Monats war das Konzert in der Mercedes-Benz Arena ausverkauft, am 30. Oktober lädt Kaiser zum Wiederholungskonzert, am 15. Juli 2022 in die Waldbühne (Tickets ab 74,50 Euro).