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Schlagende Verbindungsstudenten: „Das Fechten gehört bei uns dazu“

17. September 2021 · Finn Götze studiert Theologie, und er ist in einer schlagenden Verbindung. Corpsstudent ist er geworden, weil er sich nicht konfessionell oder politisch binden lassen wollte. Im Interview erzählt der scheidende Vorortsprecher des Kösener Senioren-Convents-Verbands, warum er nicht Burschenschafter wurde, wie er Vorurteilen begegnet und warum Frauen auch weiterhin außen vor bleiben müssen.


Herr Götze, Sie studieren Evangelische Theologie auf Pfarramt. Und Sie sind Corpsstudent. Was genau ist das?
Corpsstudenten sind Studenten, die sich zusammengeschlossen haben, um gemeinsam zu studieren und darüber hinaus, auch Zeit miteinander zu verbringen. Wir haben uns vorgenommen, in einer lebenslangen Freundschaft zusammen zu bleiben.

Warum sind Sie Corpsstudent geworden?
Als ich nach Greifswald kam, hatte ich erstmals Kontakt zu vielen verschiedenen Verbindungen. Die meisten haben mir nicht zugesagt, weil mir bestimmte Freiheiten fehlten. Die habe ich erst bei den Corps gefunden, und so bin ich letztlich beim Corps Borussia aktiv geworden.

Was ist der Unterschied zwischen einem Burschenschafter und einem Corpsstudenten?
Corps und Burschenschaften haben sich aus anderen Ideen heraus gegründet. Corps, die als studentische Zusammenschlüsse älter sind als Burschenschaften, haben sich nicht aus einer Ideologie heraus entwickelt. Was uns besonders macht ist, dass wir ziemlich wenige Voraussetzungen an ein potentielles Mitglied stellen. Wir sind weder konfessionell noch politisch gebunden. Uns ist es auch egal, woher die Person kommt, nur immatrikuliert sollte sie sein.

Sie sind in Greifswald und in Kiel aktiv, tragen zwei Bänder. Wieso?
In der Theologie ist es üblich, seinen Studienort zu wechseln. Die Fakultät in Kiel hat mir zugesagt. Zudem haben wir Corpsstudenten einen regen Austausch untereinander. Corps gibt es in ganz Deutschland und auch in Österreich, Ungarn, Belgien, der Schweiz. Jedes Corps ist ein wenig anders. Zum Corps Saxonia Kiel hatte ich schon einen guten Kontakt. Es war genau das, was ich mir für eine zweite Runde gewünscht habe.

Gibt es mehr Corps als Burschenschaften?
Nein, es gibt etwa halb so viele Corps wie Burschenschaften.

Sie waren gerade Vorortsprecher des Dachverbands der Kösener Corps, des Kösener Senioren-Convents-Verbands (KSCV). Was macht ein Vorortsprecher?
Er hat die große Aufgabe ganz viele Corps, die alle ein bisschen was anderes wollen, zusammenzuhalten. Der Kösener Senioren-Convents-Verband ist vor 170 Jahren in Bad Kösen aus der Idee entstanden, dass sich ähnlich Gesinnte zusammenschließen, um sich untereinander besser austauschen zu können. Der Vorort, die jeweils präsidierende Universitätsstadt, wechselt von Jahr zu Jahr. Die Corps am Ort, in Greifswald gibt es drei Kösener Corps, bestimmen den Vorortsprecher. Es gibt Leitlinien, und so ein Verband muss auch geführt werden. Die einzelnen Corps haben aber weiterhin das Sagen, da legen wir Wert drauf. Meine Aufgabe war es zu vermitteln, Probleme, die an mich herangetragen wurden, zu lösen.

Lässt sich das Schlagende mit einem Theologiestudium vereinbaren?
Es widerspricht nicht der Theologie und auch nicht meinem Empfinden als Christsein. Ich stelle mich ja selbst hin. Es ist meine eigene Entscheidung. Ich möchte mich herausfordern und nicht mein Gegenüber, das ich auch nicht verletzen will.

Wie oft haben Sie gefochten?
Achtmal.

Hatten Sie Angst?
Ja, jedes Mal. Aber darum geht es, Angst zu überwinden. Genau wie bei einer mündlichen Prüfung. Auch der muss man sich stellen, um im Leben voranzukommen.

Kann man bei Ihnen aktiv werden, ohne zu fechten?
Es gibt Verbindungen, die nicht fechten. Bei den Corps gehört es dazu.

Ohne das Schlagen könnten Sie auch Frauen aufnehmen.
Das stimmt, aber für uns Corps ist das Fechten ein sehr wichtiger Bestandteil. Das werden wir nicht aufgeben.

Wie schwer kann man sich bei einer Mensur verletzen?
Es sind wenn überhaupt nur oberflächliche Verletzungen. Doch auch die will man beim Fechten vermeiden, und das klappt auch, wenn man sich gut vorbereitet.

Noch ein Vorurteil: Corpsstudenten trinken viel Bier. Gibt es einen Trinkzwang?
Nein. Es gibt keinen Zwang zu trinken, wenn man nicht möchte.

Das gilt auch für den Jüngsten im Corps, den Fuchsen?
Ja.

Auch vieles andere wirkt wie aus der Zeit gefallen – das reicht vom sogenannten Wichs, den Jacken und Stulpstiefeln, die Corpsstudenten tragen, über die Kommerse, die Sie feiern, bis hin zu den Liedern, die Sie singen und die auch schon in Zeiten gesungen wurden, auf die wir heute eher kritisch zurückblicken. Müsste das nicht überdacht werden, auch weil es Sie verdächtig macht?
Das Gute an uns Corpsstudenten ist, dass wir eine sehr alte, aber sehr lebendige Tradition sind, anders als ein Buch, das vor 200 Jahren geschrieben wurde. Das Corps ist nicht das Haus oder die Bilder, die hier an der Wand hängen, sondern die Menschen, die hier leben. Die Tradition gibt uns Rückhalt, und sie verbindet uns mit den Corpsbrüdern, die vor 150 Jahren aktiv waren. Das wollen wir nicht verlieren.

In einigen Universitätsstädten, etwa Göttingen, gab es Brandanschläge auf Autos von Corpsstudenten, Corpshäuser werden immer wieder mit Farbe beschmiert.
Das sind Einzelfälle. Wer das macht, setzt sich nicht vernünftig mit uns auseinander. Es ist Ausdruck von stumpfer Wut aufgrund von Vorurteilen. Da wird irgendetwas in uns hineininterpretiert, das so nicht existiert.

Es gibt einige bekannte Politiker, die Kösener Corpsstudenten sind, etwa die ehemaligen Minister Manfred Kanther und Edzard Schmidt-Jortzig. Aktuell gibt es zwei Kösener Corpsstudenten, die im Bundestag sitzen: Eckhard Gnodtke für die CDU und Berengar Elsner von Gronow für die AfD. Inwieweit spielt die Politik im Leben eines Corpsstudenten eine Rolle?
Wichtig bei uns Corpsstudenten ist, dass wir uns als Corps nicht zur Tagespolitik in irgendeiner Form äußern wollen. Wir wollen sicher stellen, dass sich jeder bei uns frei entfalten kann. Das geht nur, wenn wir keine politische Richtung vorgeben.

Muss man zumindest konservativ sein, um Corpsstudent zu werden?
Nein, das denke ich nicht. Wir bewahren zwar unsere Traditionen, politisch sind wir aber ungebunden.

Der Burschenschafter Joachim Paul, der für die AfD im Bundesvorstand sitzt, sagt, dass für Korporierte die AfD erste Wahl sei, weil man sich gerade in der „Jungen Alternative“ einbringen könne, ohne seine Mitgliedschaft in einer schlagenden Studentenverbindung verleugnen oder herunterspielen zu müssen. Das klingt, als wären Korporierte gesellschaftlich nicht sonderlich anerkannt.
Viele Burschenschaften und auch andere Verbindungen wünschen sich, dass wir uns alle in einen Topf werfen lassen. Aber wir sind nicht auf einer Linie mit den Burschenschaften oder den anderen Verbindungen. Wir Corpsstudenten lehnen es ab, in einen Topf geworfen zu werden. Wir sind Corpsstudenten, nichts anderes. Und wir stehen auch dazu, verleugnen nichts und spielen nichts herunter.

In Österreich waren viele hochrangige FPÖ-Politiker Korporierte: Jörg Haider, Heinz-Christian Strache, Norbert Hofer. Wirbt die AfD gezielt um Corpsstudenten?
Mir ist kein Fall bekannt. Wir lassen uns auch nicht in irgendeine politische Richtung drängen, und auf gar keinen Fall wollen wir mit Band und Mütze von einer politischen Partei instrumentalisiert werden. Egal von welcher Partei. Das heißt nicht, dass der Einzelne sich nicht parteipolitisch engagieren darf. Das macht er dann aber persönlich und nicht fürs Corps oder im Namen des Corps.

Gehen Sie mit Ihren Bändern an die Universität?
Nein. Aber ich bin viel mit meinen Bändern in Greifswald unterwegs.

Greifswald gilt als eine der jüngsten Städte Deutschlands, weil jeder vierte Einwohner Student ist.
Für uns ist das ein Pluspunkt. Jeder kennt uns. Wir haben Kontakt zu den Menschen, unsere Veranstaltungen sind gut besucht.

Wie bekommen Sie neue Mitglieder?
Viele wachsen ins Corps hinein, weil schon der Vater und der Großvater aktiv waren und die Familien bei uns immer mit eingebunden sind. Wir präsentieren uns aber auch an der Universität und begeistern so Studenten für unser Corps.

Sie bieten preiswerte Zimmer an, bestimmt auch ein gutes Argument, um bei Ihnen aktiv zu werden.
Das ist eher als Unterstützung gemeint, denn genau das möchten wir, unsere Corpsbrüder im Studium unterstützen. Die günstigen Zimmer sind sicher nicht der ausschlaggebende Grund, dass jemand aktiv wird und vor allem aktiv bleibt.

Sie können sicher auch mit Netzwerken und Beziehungen Ihrer Alten Herren junge Studenten anlocken.
Es gibt ein Netzwerk, mit dem man die Möglichkeit hat, überall in Deutschland spannende Menschen kennenzulernen. Das heißt aber nicht, dass man sich automatisch auch mit Beziehungen in der Berufswelt hilft, im Sinne von eine Hand wäscht die andere.

Die Studienzeiten sind in den vergangenen Jahren durch die Bachelorstudiengänge eher immer kürzer geworden, zuletzt waren die Universitäten wegen Corona ganz geschlossen. Können die Corps auf Dauer da überhaupt überleben?
Die Bachelorstudiengänge helfen sogar, denn wir erwarten, dass unsere Mitglieder zügig studieren. Wer seine Leistungen nicht erbringt, muss sich dafür rechtfertigen und darf dann auch mal nicht an einer Veranstaltung teilnehmen, damit er lernen kann. Und die Corona-Pandemie hat uns auch nicht zurückgeworfen. Wir haben unsere Häuser, auf denen wir uns als Gemeinschaft geborgen fühlen. Während Corona haben sich zum Beispiel Lerngruppen gebildet, was vielen geholfen hat.

Sie haben ein Jahr im Verband mitgearbeitet. Gibt es dort auch Überlegungen, die Corps attraktiver zu machen, so dass sie eine Zukunft bis weit ins 21. Jahrhundert haben?
Wir hinterfragen schon, ob das, was wir machen, das Richtige ist – die Tradition zu pflegen und zugleich junge Studenten bestmöglich zu unterstützen. Es gibt unterschiedliche Meinungen, aber am Ende denken wir doch, dass wir das ganz gut hinbekommen. Die Mitgliederzahlen steigen auch wieder an, was dafür spricht, dass wir etwas richtig machen.

Während der Corona-Pandemie hatten Sie wahrscheinlich nicht so viel zu tun.
Ich hatte sogar sehr viel zu tun. Normalerweise ist an jedem Tag auf jedem Corpshaus irgendwo in Deutschland etwas los. Das hat sich wegen Corona dann ganz schnell in die digitale Welt verschoben. Da wir sowieso von Vernetzung leben, ging das auch ganz gut. Ich hatte dadurch die große Freiheit, einfach überall sein zu können. Ich musste nicht erst von Greifswald nach München reisen, um dann weiter nach Passau, Würzburg und Göttingen zu fahren. Ich konnte mich einfach online zuschalten und konnte so an viel mehr Veranstaltungen jede Woche teilnehmen.

Schlagende Verbindungsstudenten haben keinen guten Ruf. Sie gelten als rechts und frauenfeindlich. Was entgegnen Sie, wenn Sie mit solchen Vorurteilen konfrontiert werden?
Das Erste, was ich gerne sage, ist: Komm vorbei und lern uns kennen. Dann kannst du selbst sehen, ob sich deine Vorurteile bestätigen oder nicht. Der persönliche Eindruck schafft mehr, als wenn ich mich hinsetze und haarklein anfange zu erklären, warum wir weder rechts noch frauenfeindlich sind.

Ist das Schlagen noch zeitgemäß?
In meinen Augen ist es sogar sehr zeitgemäß, zeitgemäßer als früher, als es oft nur darauf ankam, sich zu schlagen. Gerade in Zeiten, in denen man sich sowieso immer präsentieren und über seinen eigenen Schatten springen muss, hilft das Mensurfechten ungemein. Es geht nicht darum, ob man gewinnt oder verliert. Denn im Grunde kann man nur gewinnen, nämlich gegen sich selbst. Genau das ist der Zweck, dass ich mich selbst überwinde und einer Extremsituation stelle, genauso wie ich mich im Leben immer wieder neuen Herausforderungen stellen muss. Es ist eine Form der Charakterbildung.

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